Zufallskarte

Schnabeltie...
Image Detail
Valid XHTML 1.0 Strict CSS ist valide!

Studie an der Charité: Das Märchen „Der dumme Computerspieler“ ist tot

Studie an der Charité: Das Märchen „Der dumme Computerspieler“ ist tot (Wordle)

An der Berliner Charité (Deutschland) kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass normale Computerspieler kein unterdimensioniertes Gehirn haben – im Gegenteil. Sie besitzen überraschend deutlich ein größeres Hirnvolumen. Gehört damit das Vorurteil vom "dummen und total verblödeten Computerspielzocker" endlich der Vergangenheit an?

Die Studie erfolgte im Rahmen einer europaweiten Untersuchung. Diese sollte dabei helfen, dass Suchtverhalten von Jugendlichen besser vorhersagen zu können.
Die Wissenschaftler der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité, die im Berliner St. Hedwig-Krankenhaus angesiedelt ist, fanden in ihrer ersten Hirnstrukturstudie zu Computerspielen heraus, dass gemäßigte Vielspieler – d. h. Spieler mit einem normalen Spielverhalten und eins nicht sind: spielsüchtig - sowohl ein größeres lokales Hirnvolumen als auch mehr Hirnrinde besitzen.

Im Rahmen der Studie unterzogen sich die Probanden einer leistungsstarken Magnetresonanztomografie (MRT). Auf den Bildern ist deutlich erkennbar, dass es bei den jugendlichen Vielspielern ein vergrößertes Belohnungszentrum gibt. Bei der Vergleichsgruppe – jungen Leuten, die weniger Zeit mit PC- und Videospielen verbringen - war das ventrale Striatum, wie das Belohnungszentraum auch heißt, nicht so ausgeprägt.
Das Belohnungszentrum wird beispielsweise auch aktiviert, wenn man Hunger verspürt und dann das Essen auf den Tisch kommt. Auch bei Gefühlen wie bei Freude oder Begierde spielt die Aktivität des Belohnungszentrums im Gehirn eine große Rolle.

Mehr Gehirnschmalz dank Computer-Games?

Die Forscher überraschte bei den Vielspielern allerdings ein Detail noch stärker als das vergrößerte Belohnungszentrum: Die Dicke der Hirnrinde (Kortex) ist bei ihnen ebenfalls größer. Dieser Bereich im frontalen Kortex ist beispielsweise für das strategische Planen, die Aufmerksamkeit oder das Arbeitsgedächtnis zuständig. Umgangssprachlich wird die Hirnrinde auch als „Graue Zellen“ bezeichnet. Davon haben Vielspieler auch deutlich mehr als Wenigspieler. Im Normalfall hat die Hirnrinde eine Dicke von ca. 2,5 Millimetern. Bei einigen der jungen Spieler wurde bei der Studie allerdings eine Dicke von mehr als 3,5 Millimetern gemessen. Das ist die eigentliche Sensation der Untersuchung.

Für die Forschung ist dies umso überraschender, da sich der Frontalkortex erst sehr spät entwickelt und oftmals erst mit 21 Jahren vollständig ausgebildet ist.
Die Forschungsgruppe um Dr. Simone Kühn und Professor Jürgen Gallinat, die in der Charité-Arbeitsgruppe Neurochemie am St. Hedwig Krankenhaus forschen, hat ihre verblüffenden Ergebnisse mittlerweile wissenschaftlich veröffentlicht. Weitere Publikationen, in denen sie auf die Korrelation der Dicke der frontalen Hirnrinde mit der Spielhäufigkeit eingehen, werden sicherlich in Kürze folgen.

Die jugendlichen Probanden stammten im Übrigen aus den verschiedensten Bezirken Berlins. Sie waren unteranderem auch im Hinblick auf die unterschiedlichsten Familiensituationen und Bildungshintergründe ausgewählt worden. Damit sollte ein repräsentativer, demografischer Querschnitt durch die Gesellschaft sichergestellt sein. Ein wichtiges Anliegen der Forscher war es, dass es sich bei den Probanden um ganz normale Jugendliche handelte. Spielsüchtige wurden daher nicht untersucht. Insgesamt wurden 154 Heranwachende zwei Tage lang untersucht und getestet.

Ein Teil der Studie bestand aus einer Befragung. Hier wollten die Wissenschaftler zunächst wissen, wie viel Zeit mit Computer- und Videospielen verbracht wird. Zunächst musste das Tagespensum unter der Woche eingeschätzt werden. Aber auch die Spieldauer am Wochenende wurde erfasst.
Im Durschnitt spielten die Probanden ca. neun Stunden pro Woche. Auf Basis dieses Wertes wurde die Studien-Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt.
In bisherigen Studien wurde das Verhalten während des Spiels erfasst, in dem die Testpersonen bei der Aktivität beobachtet wurden. Die Hirnforscher von der Charité dagegen schauten sich die grundsätzliche Struktur des Gehirns näher an.

These "Computerspiele lassen Spieler verblöden" widerlegt

Bislang wurde vor allem in den Medien eine These aufgebauscht: Computerspiele würden dazu führen, dass die Spieler verblöden. Diese These ist jetzt definitiv widerlegt und das Gegenteil bewiesen: Vielspieler haben mehr Gehirn als Wenigspieler. Das ist überraschend und muss von einigen Stellen bestimmt „erst verdaut werden“.
Allerdings weist Simone Kühn darauf hin, dass damit noch nicht widerlegt ist, dass bestimmte Computerspiele Jugendliche möglicherweise aggressiver machen. Aber zunächst ist bedeutsam, dass Computerspiele den Aufbau von Hirnmasse an „strategisch wichtigen Arealen“ fördern: Nämlich dort wo Planung und Aufmerksam gesteuert werden.

Eine anschließende Studie soll nun klären, ob es kausale Zusammenhänge zwischen Spielhäufigkeit und den beobachteten Veränderungen im Gehirn gibt. Damit wollen die Wissenschaftler die Frage nach dem Henne-Ei-Problem klären. Denkbar wäre nämlich auch, dass sich Jugendliche, die solche ausgeprägten Hirnstrukturen besitzen, sich automatisch eher zu Computerspielen hingezogen fühlen. Das würde dann dazu führen, dass sie automatisch mehr spielen.
Im nächsten Schritt soll deshalb untersucht werden, wie die Hirnstrukturen von nichtspielenden und spielenden Testpersonen wachsen. Dazu werden wieder junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35 Jahren gesucht. Diese sollen wiederum in zwei Gruppen eingeteilt und dann zwei Monate lang getestet werden.
Im Rahmen der Untersuchung sollen sowohl die Nichtspieler als auch die Spielkundigen jeden Tag mindestens 30 Minuten lang ein bestimmtes 3-D-Navigationsspiel „zocken“. Nach zwei Monaten werden dann die Hirnstrukturen aller Probanden von den Neurowissenschaftlern erneut vermessen. Auf die Ergebnisse wird mit Spannung gewartet.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Mittwoch, 01. Februar 2012 um 13:58 Uhr )
 

© H[AGE]: Langenwetzendorf (2008 - 2011)