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Wie viel Neandertaler ist in uns?

Wieviel Neandertaler ist in uns? (Wordle)Seit einigen Jahren sind die Wissenschaftler vom Max Planck Institut für evolutionäre Anthropologie (in Leipzig/Deutschland) ganz nah dran an der spannenden Frage: Wie viel Neandertaler ist in uns?
Sie versuchten das Genom des Neandertaler zu entschlüsseln und konnten vor wenigen Tagen das Erreichen eines wichtigen Meilensteins vermelden. 60 % des Genoms sind nun dekodiert.

Wer es noch genauer wissen möchte: 1.000.000.000 (1 Milliarde) DNA-Fragmente der Mitochondrien (mDNA) von drei Individuen wurden sequenziert. Diese besondere Form der DNA wird übrigens nur von der Mutter an die Kinder vererbt.
Die drei untersuchten Knochenproben stammen aus der Vindija-Höhle in Kroatien und haben ein Alter von ca. 38.000 Jahren. Die Forscher mussten dabei sicherstellen, dass die Proben nicht durch die DNA heutiger Menschen verunreinigt waren. Auch musste das Erbgut von Bakterien, die sich im Laufe der Zeit auf und in den Knochen ansiedelten, abgetrennt werden. Erschwert wurde die Entzifferung weiterhin durch den Zerfall der DNA. Das aus 3 Milliarden Bausteinen bestehende Erbgut war im Laufe der Zeit in Schnipsel von 50 Bausteinen zerfallen. Trotzdem reichten am Ende lediglich 0,5 g Knochenmaterial für den Blick in die Tiefen der Zeit.

Wie groß war eigentlich die Population des Neandertalers? Haben sich Neandertaler und moderner Mensch gemeinsam fortgepflanzt? Konnten Neandertaler richtig sprechen? …
Antworten auf all diese und noch viele weiteren Fragen versprechen sich die Forscher durch die Analyse. Dazu wird die Neandertaler-DNA nicht nur mit der des modernen Menschen sondern auch mit der DNA von Schimpansen verglichen. Ähnelt sich das Erbgut von Mensch und Schimpanse zu 98,6 % - der Neandertaler war uns sogar noch ähnlicher.

Anhand der genetischen Uhr fanden die Forscher Belege dafür, dass sich die Wurzeln von modernem Mensch und Neandertaler bereits vor ca. 660.000 Jahren trennten. Belegt ist nun auch, dass die mDNA des Neandertalers keiner der Varianten entspricht, die Forscher bei heute lebenden Menschen finden. Dies spricht zunächst gegen einen Erbgut-Austausch. Doch ist er trotzdem nicht auszuschließen. Das sogenannte Kind von Lagar Velho (Portugal) weist Merkmale von Mensch und Neandertaler auf. Aufgrund von Schädel- und Skelettproportionen halten es einige Forscher vor einen Hybriden.
Aus diesem Grund fahndet die Max-Planck-Forschergruppe weiter nach genetischen Spuren des frühen Menschen im Neandertaler-Genom. Doch, ob es soziale Kontakte oder möglicherweise auch eine direkte Zusammenarbeit gegeben hat, lässt sich aus dem Erbgut wahrscheinlich niemals ablesen.

Allerdings konnte eine andere These bestätigt werden. Die sequenzierte DNA verriet, dass die Neandertaler weniger evolutionäre Veränderungen erfahren haben, als dies bei Homo sapiens sapiens der Fall ist. Dennoch fanden sich beim Neandertaler mehr Veränderungen, die z. B. die Aminosäurebausteinen von Proteinen modifizierten. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass es nur wenige Neandertaler gab und so durch natürliche Auslese weniger Mutationen entfernt werden konnten.
Paläoanthropologen gingen bisher davon aus, dass vor 40.000 Jahren nur ein paar Tausend Neandertaler durch Europa streiften. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Europa ist zum einen kleiner als Afrika. Außerdem mussten die Neandertaler mehrere Eiszeiten durchstehen. Ob die Eiszeiten für die geringere Populationsdichte des Neandertalers verantwortlich sind oder ob es auch vor den Eiszeiten nur wenige Neandertaler gab, kann nur dann geklärt werden, wenn Überreste von Neandertalern gefunden werden, die vor den Eiszeiten lebten.  

Der Neandertaler wird gern als menschlicher Cousin bezeichnet. Er starb, nachdem er mehrere Jahrtausende neben dem modernen Menschen her gelebt hatte, vor 25.000 bis 30.000 aus ungeklärten Gründen aus. Die letzten Spuren verlieren sich in Südspanien.
Trotz seiner kleineren, stämmigeren Natur, dem flachen Schädel mit den Überaugenwülsten und dem fliehenden Kinn würde der Neandertaler in einer heutigen Großstadt kaum auffallen. Lange galt unser Vorfahre als Wilder, der keine Kultur besaß. Dieses Bild wurde in den letzten Jahren völlig revidiert. Nicht zuletzt dank neuer Funde und modernen Verfahren wie der DNA-Entschlüsselung. Im Jahr des Neandertalers 2006 wurde Bilanz gezogen und das Bild neu gezeichnet:
Neandertaler konnten raffinierte Knochen- und Steinwerkzeuge herstellen. Sie kannten Birkenpech und damit den ersten Universalkleber der Menschheit. Der Neandertaler trug Kleidung und bemalte seinen Körper zu bestimmten Ritualen mit Pigmenten. Außerdem hatte er eine sehr soziale Ader, zu der die Pflege kranker Angehöriger und die Bestattung der Toten gehörte. Mancher Neandertaler trug das Gen für eine vornehme Blässe, Sommersprossen und rote Haare ins sich. In der DNA fand sich außerdem das Gen FPOX2. Dieses Gen steuert die Fähigkeit zur differenzierten Sprache. Der moderne Mensch hat es. Der Schimpanse nicht. Bisher hielt man auch den Neandertaler nicht zur  anspruchsvollen Kommunikation fähig. So vermutete man, dass der Neandertaler lediglich ein Grunzen zustande brachte. Nun aber stellt sich heraus, dass er vielleicht sogar eine richtige Plaudertasche war.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Samstag, 18. Februar 2012 um 21:38 Uhr )
 

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