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Golfstrom: Europas Fernheizung dreht auf und begünstigt den Klimawandel

Golfstrom: Europas Fernheizung dreht auf und begünstigt den Klimawandel (Wordle)

Der Golfstrom ist Europas Wärmezufuhr. Die subtropischen Gebiete jedoch drängen weiter in Richtung der Pole vor. Was bedeutet das für das europäische Klima?

Labrador und Neufundland (Kanada) sind fantastische Landschaften, die allerdings ein raues Klima haben. Nichts für Weicheier also. Vor den Buchten kann der abgehärtete Tourist auch in den Sommermonaten Eisberge vorbeiziehen sehen. Vor ziemlich genau 100 Jahren wurde ein solcher umhertriftender Eisberg der berühmten Titanic zum Verhängnis. Der kalte Labradorstrom transportiert die Eiskolosse von Grönland entlang der nordamerikanischen Küste nach Süden.

Schwenken wir auf die andere Seite des großen Teiches. Auf der anderen Atlantikseite liegt Cornwall (Großbritannien) in etwa auf derselben geografischen Breite wie Labrador. Hier im Südwesten Englands gedeihen prächtige Parks und subtropische Pflanzen. Die Küste Cornwalls mit ihren glanzvollen Gärten wird auch als Englische Reviera bezeichnet. Im 19. Jahrhundert galt es als besonders schick, um die prunkvollen Herrenhäuser allerlei Exotisches aus fernen Ländern anzupflanzen. Der Anspruch des britischen Empires manifestierte sich hier in diesem Mikroklima.

Labrador & Cornwall: Gleicher Breitengrad aber völlig unterschiedliches Klima

Die Gegensätze zwischen Labrador und Cornwall könnten kaum größer sein. Cornwall hat das Glück ein ungewöhnlich mildes Klima zu haben. Üppiger Regen und angenehme Temperaturen lassen hier viel Grün sprießen. Hinter diesem Super-Wachs-Klima steckt der Golfstrom. Dieses Heizkraftwerk transportiert die Wärme des karibischen Atlantiks bis in den hohen Norden Europas. Auf ihrem Weg schiebt sich die Fernwärme ein Stück die US-Küste entlang bevor sie den Atlantik mit Richtung Europa überquert. Bis ins Nordpolarmeer sind die Auswirkungen des Golfstroms spürbar.

150 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde strömen im Nordatlantikstrom in der Mitte des Atlantiks Richtung Europa. Forscher von der Universität Florida konnten errechnen, dass die mit dem Golfstrom transportierte Wärme der Leistung von Hunderttausenden Großkraftwerken entspricht.

Nordatlantikstrom

Verlauf des Golfstroms/Nordatlantikstroms als Teil des globalen Förderbands

Dies ist mit ein Grund dafür, dass es in Westeuropa im Mittel um fünf Grad wärmer ist als auf dem gleichen Breitengrad in Kanada. Der französische Wirtschaftswissenschaftler und Schriftsteller Érik Orsenna schrieb über dieses Naturwunder ein gut recherchiertes und leicht zu lesendes Buch. Es heißt treffenderweise „Lob des Golfstroms“. Doch die ganz harten Fakten über den Golfstrom präsentierte in diesen Tagen ein internationales Forscherteam aus 12 Ozeanografen. Die Experten aus fünf Ländern werteten Datenbanken aus und stellten äußerst komplexe Computerberechnungen an.

Golfstrom hat sich überproportional aufgeheizt

Im Fachmagazin Nature Climate Change stellten sie die Ergebnisse vor. Und diese verblüffen. Der Golfstrom/Nordatlantikstrom hat sich innerhalb eines Jahrhunderts doppelt bis dreifach so stark erwärmt als der übrige Atlantik oder die Weltmeere als Gesamtheit. So legte die Oberflächentemperatur des Atlantiks um 0,9° C zu und die der Ozeane weltweit um 0,6° C. Der Golfstrom dagegen erwärmte sich um 1,8° C.

Auch in anderen Meeren und Ozeanen gibt es warme Strömungen, die entlang der Kontinente die tropische Energie in die gemäßigten Breiten verfrachten. Auch hier fanden die Forscher einen überproportionalen Temperaturanstieg seit dem Jahre 1900. So erwärmte sich der Kuroshio-Strom im Westpazifik bzw. der Brasilstrom im südwestlichen Atlantik auch um 1,7° C.

Der Wärmezuwachs verlief nicht gleichmäßig. Im Atlantik passierte er ausschließlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderte. Nach 1950 verlief die „Fieberkurve“ parallel zum allgemeinen Klimawandel. Im Pazifik war der Verlauf genau umgekehrt.

Der Co-Autor der Studie ist Professor Martin Visbeck vom Helmholzt-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar) in Kiel (Deutschland). Er sagt, dass die erste Annahme der Forscher für die kräftige Temperaturzunahme in die Richtung gegangen sei, dass der Nordatlantikstrom/Golfstrom an Geschwindigkeit zugelegt hätte. Damit wäre die Wärme schneller nach Norden transportiert worden. Doch diese Vermutung konnten die Forscher mit den Daten nicht bestätigen, denn die Fließgeschwindigkeit war gleich geblieben. In der Spitze bahnt sich die europäische Fernheizung mit zwei Metern pro Sekunde ihren Weg.

Auslöser für die Erwärmung bislang nicht gefunden, aber sich ausdehnende Subtropen unter Verdacht

Der tatsächliche Auslöser für die Erwärmung ist noch nicht gefunden. Doch eine weitere Hypothese haben die Ozeanografen und an der Bestätigung/Widerlegung arbeiten sie. Die sogenannten Subtropenwirbel dehnen sich immer weiter aus. Sie sind letztlich auch für ein großräumiges Muster an Meeresströmungen verantwortlich. Diese Meeresströmungen kommen zwischen 20 und 40 Grad Nord bzw. Süd vor. In Folge des Klimawandels breiten sich die Subtropen weiter aus. Damit verlagern sich aber auch Windsysteme. Sie ziehen polwärts und mit ihnen die Meeresströmungen, da auch sie von den Winden angetrieben werden.

Doch die Forscher wissen ebenso, dass der Nordatlantikstrom nicht allein von den Winden forciert wird. In dem komplexen System spielt auch der Dichtegehalt der Meeresströmung eine wichtige Rolle. In der Fachsprache ist in diesem Fall von der sogenannten thermohalingen Zirkulation die Rede. Dies sind all jene Kräfte, die durch den Wärme- und Salzgehalt bestimmt werden. Das ganze funktioniert in etwa so.

Auf dem Weg nach Norden verdunstet ein Teil des warmen Wassers innerhalb des Golfstroms. Der Salzgehalt der warmen Meeresströmung steigt. Dieses Wasser hat eine größere Dichte als das übrige Atlantikwasser. Es sinkt deshalb im Nordmeer schneller in die Tiefe. Dort unten angekommen strömt es zurück nach Süden und steigt im Südatlantik wieder an die Oberfläche auf. Beide – Golfstrom und Tiefenstrom – sind Teile eines globalen Strömungssystems, das auch als globales Förderband bezeichnet wird.

Globales Förderband besteht aus Oberflächenströmungen und Tiefenströmungen

Hier nun stehen die Ozeanologen vor neuen Erklärungsproblemen. Seit Jahren wird befürchtet, dass der Golfstrom ins Stocken geraten könnte, wenn sich durch die aufgrund der Erderwärmung abschmelzenden Gletscher und dem damit austretenden Süßwasser der Salzgehalt des Wassers ändern könnte. Die salzigeren, dichteren Wassermassen des Nordatlantikstroms könnten damit so stark verdünnt werden, dass die Dichter mehr ausreicht, damit genügend Wasser wie bisher in die Tiefe sinkt.

Im Extremfall würde die ganze thermohaline Zirkulation zum Stillstand kommen. Martin Visbeck allerdings rechnet damit nicht in diesem Jahrhundert. Seinen Aussagen zufolge sagen die Klimamodelle bis zum Jahr 2100 eine um 15 bis 20 Prozent verringerte Strömung voraus, was einen um 30 Prozent verminderten Wärmetransport zur Folge hätte.

Das Stocken des Nordatlantikstroms würde nicht zu einer solch absolut dramatischen Abkühlung wie in Roland Emmerichs Katastrophenfilm „The Day after Tomorrow“ kommen. Hier friert New York innerhalb kürzester Zeit komplett ein. Die Drosselung des Golfstroms dämpft für Europa lediglich die Folgen der Erderwärmung. Großbritannien muss laut den Berechnungen der Meeresforschung mit einer Klimaerwärmung um 2° C rechnen. Der Rest der Erde hat mit einer Erwärmung von drei bis 4 Grad zu kämpfen.

Und jetzt wird es richtig verzwickt für die Forscher: Welches Problem wird das andere überlagern? Auf der einen Seite gibt es die gerade entdeckten, überproportional gestiegenen Temperaturen des Golfstroms, die dafür sorgen, dass Europa mehr tropische Wärme abbekommt. Und auf der anderen Seite das Stocken eben dieser Fernheizung. Die Forscher haben noch keine Antwort darauf gefunden.

Was passiert, wenn die europäische Fernheizung Golfstrom ins Stottern kommt?

Auch andere Fragen drängen: Wird sich der Erwärmungstrend der Wasserströme im Laufe des Klimawandels weiter fortsetzen? Wenn dem so wäre, müssten europäische Meteorologen damit rechnen, dass mehr Feuchtigkeit in die Atmosphäre aufsteigt und für mehr Niederschläge und Stürme sorgt.

Und wie wird sich die erhöhte Wassertemperatur auf die Fähigkeit der Meere zur Bindung und Aufnahme des Treibhausgases Kohlendioxid auswirken? Fakt ist zunächst, dass warmes Wasser weniger CO2 binden kann als kaltes.

Professor Visbeck sieht in der gerade veröffentlichten Studie eine neue Qualitätsdebatte auf die Klimaforschung zukommen. Die Modelle würden mittlerweile das globale Klima gut abbilden. Allerdings müssten sie nun dahingehend verfeinert werden, dass Aussagen für einzelne Regionen in der Welt getroffen werden könnten. Nur so könne beantwortet werden, was der Klimawandel ganz konkret an Chancen und Risiken für Länder wie z. B. Bangladesch, China oder Deutschland birgt.

Um dies zu ermöglichen fordern die Ozeanologen eine Art Langzeit-EKG für die Ozeane. Denn mit den einzelnen sporadischen Messungen – wie sie derzeit passieren – lassen sich nur schwer Ursachen und Wirkungen erkennen.

 

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Quellen:

Aktualisiert ( Mittwoch, 08. Februar 2012 um 21:56 Uhr )
 

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