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Steinzeit-Einbäume für immer verloren

Steinzeit-Einbäume für immer verloren (Wordle)Anfang März 2009 vermeldeten viele Medien, dass etwas Unfassbares in der Kulturhochburg Deutschland geschehen ist: Die bisher ältesten Boote in Europa sind wegen falscher Lagerung und nicht erfolgter Konservierung kaum noch zu retten. Die fragilen Einbäume aus dünnem Lindenholz hatten mehr als 7000 bzw. 6000 Jahre im feuchten Boden von Mecklenburg-Vorpommern überdauert, ehe sie duch Zufall bei Bauarbeiten vor 7 Jahren entdeckt wurden. Damals wurde das Hansa-Gymnasium an der Strahlsunder Uferpromenade saniert, als Bauleute bei Bodenarbeiten auf Holzreste stießen. Die von Experten datierten Boote zählen zu den ältesten Fahrzeugen des Ostseeraumes und dienten in der Bronzezeit dem Transport von Menschen und Gütern. Der längste, der drei gefundenen und (damals) bestens erhaltenen Einbäume, hatte übrigens eine Länge von 12 Metern.

Die Einbäume wurden geborgen und sollten fachgerecht restauriert werden. Hier beginnt das eigentliche Dilemma. Üblicherweise wird das Holz in solchen Fällen gefriergetrocknet und anschließend das gebundene Wasser durch Kunstharz ersetzt. So sollen die Strukturen dauerhaft stabilisiert werden. Der ganze Prozess ist zeit- und kostenaufwändig. Und dem Landesamt für Denkmalpflege standen die dafür benötigten Ressourcen nicht zur Verfügung - so ähnlich drückt das Behördendeutsch den Verlust von Kulturgut aus. Die Boote wurden nicht nass sondern lediglich feucht und zum Schluss sogar ganz trocken in einer Baracke gelagert - mit der Folge, dass das Holz mittlerweile förmlich zerbröselt. Die FR online formulierte es sehr drastisch: "Von den Einbäumen der Steinzeit-Jäger ist heute nichts mehr übrig als ein Haufen, der aussieht wie Rindenmulch aus dem Garten-Center."

Eine Regel der Archäologie lautet eigentlich: Es darf bei archäologischen Funden nur das geborgen werden, was auch konserviert und erforscht werden kann. Das ist in etwa auf die Stufe der obersten Direktive in Star Trek zu setzen. Stehen weder Personal noch die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung (und das ist bei der chronischen Unterversorgung der Denkmalpflege keine Seltenheit), so ist es besser, die Funde zunächst dort zu belassen, wo sie sich bisher befanden. In Mecklenburg-Vorpommern hätte sich noch eine andere Möglichkeit der fachgerechten Lagerung ergeben. Die Boote hätten einfach in einem See unter kontrollierten Bedingungen versenkt werden können und dort mit deutlich weniger Schaden auf ihre Konservierung und Erforschung warten können. In Mecklenburg-Vorpommern, das sich beim Tourismus selbst unter dem Label "Land der Tausend Seen" vermarktet, herrscht kein Mangel an derartigen Lagern.

Übrigens: Die zuständigen Behörden beteuern, dass eigentlich kein wissenschaftlicher Schaden entstanden ist, weil die Funde entsprechend gut dokumentiert seien und das ist eigentlich der Gipfel dieser Provinzposse. Können die Dokumente über den Fund den Fund selbst ersetzen? Können Sie in einer Ausstellung den Interessierten wirklich begreifbar machen, welche Leistung dazu gehörte, solche Boote zu bauen und über die Ostsee zu steuern? Wer das glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmann!

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Samstag, 18. Februar 2012 um 21:20 Uhr )
 

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