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Was man beim Büffeln lieber lassen sollte: To do (Gelassenheit) or not to do (Bulimie-Pauken) beim Lernen

Was man beim Büffeln lieber lassen sollte: To do (Gelassenheit) or not to do (Bulimie-Pauken) beim Lernen  (Wordle)

In letzter Zeit wurde das Thema „Lernen“ auf H[AGE] etwas vernachlässigt. Das soll jetzt wieder forciert werden. Deswegen nehmen wir einen bei Spiegel-Online erschienen Artikel zum Anlass, mal zu schauen, welche Strategien beim Lernen letztlich Erfolg bringen und was man getrost unter „reine Zeitverschwendung“ verbuchen kann.
Vor einer wichtigen Klausur büffeln viele Schüler und Studenten Tag und Nacht. Doch was nutzt das wirklich? Wenig bis nichts – meinen zumindest Hirnforscher.

Markus Reiter ist Buchautor und zeigt auf, in welche Fallen man beim Lernen tappen kann und wie sich diese Fehler vermeiden lassen.
Er erläutert die Strategien am Beispiel einer Studentin, die in einem seiner Seminare war und in drei Tagen ihre BWL-Abschlussprüfung ablegen musste. Die Nervosität war ihr deutlich anzumerken. Die junge Frau war aber auch gewillt, die Doppelbelastung – bestehend aus Seminar und Prüfungsvorbereitung – zu schaffen. So griff die Studentin noch nach einem anstrengenden Seminartag zu den Unterlagen für die Prüfungsvorbereitung und selbst eine etwas längere Seminarpause wurde zur Stoffvertiefung genutzt. Auf Nachfrage meinte sie, dass sie vorhat, in der Nacht bis ca. 4 Uhr zu lernen. Als Beweggrund gab sie an, dass sie sonst das Gefühl hätte, nicht gut vorbereitet zu sein. 
Die Studentin wusste allerdings nicht, dass sie mindestens drei Fehler gleichzeitig beging, die den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung widersprechen.

Fehler Nummer 1: Zwei ähnliche Inhalte, die gelernt werden müssen, verdrängen sich gegenseitig.

In ihrem Lernstress probierte die Studentin, sich simultan zwei verschiedene Inhalte auf einmal einzuprägen. Zum einen den Seminarstoff und zum anderen den wichtigen BWL-Stoff für die Prüfung. Dieses Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt, denn der eine Merkstoff beeinträchtigt und überlagert den anderen. Wissenschaftler sprechen in einem solchen Fall von Interferenz. Unser Gehirn ist immer dann für Interferenz besonders anfällig, wenn sich Inhalte gleichen. So ist es eher kontraproduktiv zunächst eine Stunde lang italienische Vokabeln zu pauken und im Anschluss daran versucht, sich auch noch die spanischen Wörter zu merken. Spanisch ähnelt viel  zu sehr dem Italienischen.

Was könnte man also in einem solchen Fall besser machen?

Zunächst sollten man sich auf eine Sprache konzentrieren und für das Lernen rund 45 Minuten einplanen. Es ist übrigens ganz egal, was man lernt. Das kann das Üben einer Tanzschrittes sein oder das Pauken von Vokabeln. Nach der Einheit von einer ¾-Stunde sollte man unbedingt eine Pause machen. Diese muss mindestens 10 bis 15 Minuten dauern, um einen Erholungseffekt zu haben.
Das andere Themengebiet kann frühestens nach einer ausgiebigen Pause in Angriff genommen werden. Noch besser ist es allerdings, diese Lektion auf den nächsten Tag zu verlegen.

Fehler Nummer 2: Bulimie-Lernen – schnell rein und noch schneller wieder vergessen.

Die Studentin aus dem Fallbeispiel lernte mehrere Stunden hintereinander. Das funktioniert vielleicht noch, wenn man ausschließlich den Stoff für eine einzige Prüfung lernt. Jedoch ist das „Fast-Learning-Knowledge“ noch schneller und ziemlich vollständig vergessen. Das Schul- und Universitätssystem ist leider genau auf dieses Bulimie-Lernen ausgelegt.

Im Berufsleben ist es jedoch von enormer Wichtigkeit, das das neue Wissen ständig präsent zu haben. Der Gedächtnisforscher Alan D. Baddeley hat ein Experiment hierzu durchgeführt. Dieses wurde recht berühmt, da es die beste Herangehensweise aufzeigte.
Für das Experiment bildete Baddeley aus Mitarbeitern der Post vier Gruppen. Jede Gruppe sollte lernen, wie die Bedienung einer Briefsortiermaschine mit Hilfe einer Tastatur funktioniert.

Die erste Gruppe musste an 15 Tagen jeden Tag je zweimal zwei Stunden üben. Die zweite Gruppe hatte die Aufgabe, täglich an 30 Tagen je zweimal eine Stunde zu trainieren. Die dritte Gruppe bekam die Anordnung, 30 Tage lang jeden Tag einmal für zwei Stunden zu üben. Die letzte Gruppe sollte über 60 Tage hinweg, jeden Tag für eine Stunde die Übungen absolvieren. Am Ende beherrschte die Probanden aus der vierten Gruppe die Bedienung der Maschine am besten, obwohl sie am längsten brauchten. Weitere Experimente zeigten, dass der Mechanismus auch beim Lernen gilt.

Wer also etwas lernen muss, der sollte lieber mehrere konzentrierte Lerneinheiten über den Tag verteilen. Dieses Vorgehen ist nachweislich effektiver als das Lernen über viele Stunden am Stück. Eine Lerneinheit an sich sollte nicht länger als 90 Minuten dauern. Da spätestens nach dieser Zeitspanne die Konzentrationsfähigkeit stark abnimmt.
Dies ist sicherlich nur eine Faustformel, denn die Lernkurve hängt auch sehr stark davon ab, für wie wichtig und interessant man die Lernstoff hält. Bei langweiligen Übungseinheiten schaltet das Gehirn bereits nach 15 Minuten ab. Ist etwas dagegen spannend aufbereitet, dann hält man auch mal Locker länger als 1,5 Stunden durch.

Zwischen zwei größeren Lektionen sollte man sich mindestens 30 Minuten Pause gönnen und die Zeit für einen Spaziergang nutzen. Man kann auch eine Stunde laufen oder Rad fahren. Das ist wäre sogar noch besser. Allerdings sollte man sich bei diesen Aktivitäten nicht zu sehr auspowern. 70 bis 75 Prozent der maximalen Herzfrequenz können jedoch problemlos erreicht werden.

Fehler Nummer 3: Schlaf-Verzicht, denn der Tag hat schließlich 24 Stunden, wenn die nicht reichen, nehmen Sie die Nacht dazu.

Die BWL-Studentin aus dem Fallbeispiel gönnte sich aufgrund des zu bewältigenden Lernstoffs kaum vier Stunden Schlaf pro Nacht. Das ist definitiv zu wenig, um das Lernpensum richtig verarbeiten zu können. Letztlich lernt man nämlich im Schlaf und das Sprichwort: „Schlaf erst mal eine Nacht drüber“ ist ein guter Ratschlag.

Neurologen wissen mittlerweile, dass das Gehirn im Schlaf die Gedächtnisinhalte festigt. Nur im Schlaf stehen die Ressourcen zur Verfügung, um das Gelernte in den Langzeitspeicher zu überführen. Und letztlich ist der Langzeitspeicher nichts anderes als unser Gedächtnis. Tagsüber funktioniert dieses Manöver nicht, denn da benötigt der Mensch die neuronalen Netzwerke, um den Informationsinput zu verarbeiten. Würde Informationsverarbeitung und Abspeicherung von Wissen im Langzeitgedächtnis gleichzeitig ablaufen, würden sich die Signale gegenseitig in Quere kommen und wir im wahrsten Sinne des Wortes „nix auf die Reihe bekommen“.

Am Institut für Neuroendokrinologie an der Universität in Lübeck fand unter der Leitung des Schlafforschers Jan Born ein interessantes Experiment statt. Hierbei ließen die Forscher die Probanden Vokabeln lernen. Eine Gruppe durfte nach den Lektionen schlafen, die andere Gruppe musste wach bleiben. Das Experiment zeigte, dass die Teilnehmer der Schlafgruppe sich besser an die Vokabeln erinnern konnten als die Wachbleiber. Außerdem behielten die Probanden aus der Schlafgruppe die Lerninhalte länger im Gedächtnis als die Kollegen aus der Vergleichsgruppe. Untersuchungen im Magnetresonanztomografen belegten zudem, dass bei den Ausgeruhten bestimmte Areale in der Großhirnrinde beim Vokabelabfragen aktiver waren als bei den Nicht-Ausgeruhten.

Lernforscher empfehlen daher, rechtzeitig ins Bett zu gehen und genügend zu schlafen. Besonders am Tag vor der Prüfung ist dies wichtig. Als Faustformel werden 8 Stunden Schlaf angegeben. Jedoch ist das Schlafbedürfnis von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Das kann im Einzelfall mehr oder auch weniger sein. Aber man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass Schlafmangel mindestens genauso verheerend wie Alkohol für die Konzentrationsfähigkeit ist.

Das Gehirn benötigt Energie - also bloß nicht am Lern- oder Prüfungstag ohne Frühstück aus dem Haus gehen

Mehrere Versuche kamen zu dem selben Schluss, dass bereits ein kurzer Mittagsschlaf eine positive Wirkung hat und zwar nicht nur auf die Gesundheit sondern auch auf die geistige Leistungsfähigkeit. Viele schwören daher auf ein kurzes Nickerchen von 10 bis 20 Minuten. Mehr sollten es dann auch wieder nicht sein, denn sonst würde der Nachtschlaf negativ belastet werden und das wäre wiederum kontraproduktiv.
Beim Lernen sollte man außerdem immer die innere Uhr im Auge haben und an seinen Biorhythmus denken. Am frühen Nachmittag zwischen 13 und 15 Uhr haben die meisten Menschen ein Leistungstief. Man sollte sich also nach Möglichkeit in dieser Zeit keine geistig anspruchsvollen Aufgaben vornehmen.

Wichtig ist auch, dass das Gehirn beim Lernen und während des Schlafes viel Energie benötigt. Es wird daher auf den Glukosespeicher in der Leber zurückgegriffen. In der Nacht wird dieser geleert. Deswegen sollte er mit einem ausgiebigen Frühstück wieder aufgeladen werden. Obst und Kohlenhydrate (z. B. Müsli) sind hierfür ideal. Nur mit einer ausreichenden Glukose-Versorgung ist es möglich, geistige Hochleistungen zu vollbringen.

Man erinnert sich am besten in der Umgebung an den Stoff, in der man ihn gelernt hat

Übrigens beging die BWL-Studentin sogar noch einen vierten Fehler. Diesem erliegen sehr viele Studenten. Sie gehen an einem schönen Tag ins Freibad und lernen dort für ihre Prüfung. Allerdings wurde in Experimenten festgestellt, dass man das Wissen am besten in der Umgebung abrufen kann, in der es auch abgespeichert wurde. In einem Experiment mussten Probanden beim Tauchen Wortlisten auswendig lernen. Am Ende stellte sich heraus, dass die Testpersonen sich an Land an die Wörter schlechter erinnern konnten als beim Tauchen.
Es macht also nur Sinn, im Schwimmbad zu pauken, wenn man die Schwimmmeister-Prüfung ablegen will.

 


Quelle:

Aktualisiert ( Sonntag, 29. April 2012 um 19:16 Uhr )
 

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