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Senioren können mittels Exergames Stürzen vorbeugen und ihre Beweglichkeit trainieren

Senioren können mittels Exergames Stürzen vorbeugen und ihre Beweglichkeit trainieren (Wordle)

Auf den ersten Blick ist es ein ungewohntes Bild, wenn Senioren jenseits der Achtzig vorm Bildschirm zu fetzigen Jazz-Songs das Tanzbein schwingen oder Bewohner eines Altenheims bunte Kugeln durch virtuelle Labyrinthe lenken. Zunächst ist Stirnrunzeln angesagt, wenn einem dann noch erklärt wird, dass Computerspiele dabei helfen, Stürze im Alter zu verhindern. Sollte das Zocken an der Konsole, das man sonst eher mit Jugendlichen verbindet, tatsächlich das Zeug zur Therapie von Altersgebrechen haben?

Immerhin einen Versuch ist es wert. Das denkt auch einer der Probanden, der an einer Studie zu Exergames teilnimmt. Nino Marazzi ist 75 Jahre alt und wird von Parkinson geplagt. Die Schüttellähmung lässt ihn mindestens einmal, an manchen Tagen sogar fünfmal stürzen. Bei Nino Marazzi wurde die Krankheit bereits 1988 diagnostiziert. Im Laufe der Zeit ließ die Feinmotorik immer weiter nach und im Jahr 2008 fing es mit dem Hinstürzen an. Der alte Herr stürzt, weil im schwindelig wird oder ganz plötzlich das Bein blockiert. Die Stürze führten bereits zu vielen Blessuren. Hin und wieder renkt er sich die Finger aus. Auch ein Schultergelenk wurde bereits ersetzt. Doch nun hat Nino Marazzi den Stürzen den Kampf angesagt, indem er zum Gamer wird.

Insgesamt dreimal in der Woche tanzt der Schweizer nun auf einer Tanzmatte vor einem Bildschirm. Es mag vielleicht etwas ulkig aussehen, wenn er dabei in der rechten Hand den Gehstock hält und sich mit der linken an der Stuhllehne abstützt, die ihm noch mehr Halt gibt. Doch dafür hat der Senior gar keinen Blick. Er schaut auf den Monitor und verfolgt die wandernden Pfeile, die sich von oben nach unten oder von rechts nach links bewegen. Stößt ein Pfeil auf einen anderen gleichaussenden Pfeil, so muss der Spieler auf das passende Symbol auf der Matte treten: nach links oder rechts, nach vorne oder hinten.

Ältere Menschen sollten Kraft, Ausdauer, Balance und Beweglichkeit trainieren. Doch wie und wo können sie sicher trainieren?

Nico Marazzi tanzte im Rahmen einer Studie, die an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich durchgeführt wurde. Die Wissenschaftler wollen dabei untersuchen, inwieweit das Tanzen vor dem Bildschirm das Sturzrisiko mindern kann. In mehreren Studien trainieren daher Senioren auf den Tanzmatten. Marazzi und 17 andere Probanden-Kollegen übten insgesamt 10 Wochen lang die Tanzschritte. Davor und danach galt es Gehtests zu absolvieren.

Die Schweizer Forscher sind allerdings nicht die einzigen. Weltweit versuchen Forscher mittlerweile herauszufinden, ob eine bestimmte Kategorie der Computerspiele – nämlich die Exergames -  das Potential haben, das Sturzrisiko von Senioren zu senken. Stürze sind ein gewaltiges Problem in den alternden Gesellschaften. Fast jeder Dritte der Über-65-Jährigen fällt mindestens einmal im Jahr hin. Solche Stürze können fatale Folgen haben. Vorbeugung tut Not. Deswegen sollten ältere Menschen Kraft, Ausdauer, Balance und Beweglichkeit trainieren. Diese Empfehlung war das Fazit einer großen Übersichtsstudie aus dem Jahr 2010.
Doch leiden Menschen unter Gleichgewichtsstörungen, so gehen sich selten joggen. Wer Angst vor einem Sturz hat, getraut sich auch nicht, ins Fitness-Studio zu gehen. Für genau solche Menschen könnten entsprechende Computerspiele eine Lösung darstellen.

Virtuelle Welten regen zu natürlichen Bewegungen an

Computerspiele wie die Exergames bieten die Möglichkeit, in einer Umgebung zu trainieren, die sicher ist und deswegen auch Sicherheit verschafft. Eine Studie aus Israel zeigt außerdem, dass sich Menschen durchaus natürlich bewegen – auch, wenn sie sich in virtuellen Welten zurechtfinden müssen.
Computerspiele bieten ferner den Vorteil, dass sich der Schwierigkeitsgrad individuell an den Spieler anpassen lässt. Damit kann jeder ganz nach seinen Möglichkeiten trainieren. Darüber hinaus motivieren die Spiele zum Üben durch kleine Belohnungen und die Anzeige des Fortschritts über den sogenannten Fortschrittsbalken.

All dies sind wichtige Rahmenbedingungen, da nur regelmäßiges Üben letztlich die Kraft und das Gleichgewicht verbessern. Fachleute geben außerdem zu bedenken, dass Spieler, die Spaß haben, auch ihre Schwächen und Schmerzen vergessen. Clemens Becker sieht außerdem noch einen weiteren Vorteil: Exergames sprechen eine Zielgruppe an, die an sich Gruppengymnastik scheut: Männer. Becker ist übrigens der Leiter der Bundesinitiative Sturzprävention und Chefarzt für klinische Geriatrie in Stuttgart.

Männer werden durch Computerspiele eher zu den "Turnübungen" animiert

Noch gibt es mit den Exergames das Problem, dass Senioren meistens nichts mit den im Kaufhaus oder Elektronikfachmarkt angebotenen herkömmlichen Fitness-Spielen anfangen können. Diese sind ihnen einfach zu schnell, zu bunt und zu laut. Deswegen müssen zunächst die Spiele an die Senioren angepasst bzw. speziell für diese Zielgruppe entwickelt werden. Forscher der TU-Darmstadt testen derweil gemeinsam mit einem Seniorenheim, wie ein solches Senioren-Exergame aussehen müsste.

Die Darmstädter Forscher nutzten das Balance-Board der Spielkonsole Wii aus dem Hause Nintendo. Das Balance-Board kann man sich als eine Art Körperwaage vorstellen, in die Sensoren eingebaut sind. Wenn der Spieler auf dem Brett steht und sich entsprechend bewegt, rechnen die Sensoren die Gewichtsverlagerung in Bewegungen auf dem Bildschirm um. So kann der Spieler beispielsweise eine virtuelle Kugel durch ein Labyrinth lenken. Entwickler Sandro Hardy hofft, dass dieses Spiel dabei hilft, Gleichgewicht, Kraft und Koordination zu trainieren. Um Frust zu vermeiden, wenn der Spieler mal nicht weiterkommt, kann die Kugel verlangsamt werden oder aber der Therapeut greift im Hintergrund helfend ein.

Die Kunst, die Balance zu halten

Ein deutlich aufwändigeres Trainingskonzept entwickeln die Forscher des Fraunhofer Institut für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik in Berlin gemeinsam mit der Charité. Die Wissenschaftler setzen dabei als Hardware auf die Kinect von Microsoft. Bei der Kinect handelt es sich um ein Steuerelement, das mit einer Kamera verbunden ist. Sie erkennt den Nutzer zwar nur grob, dafür aber dreidimensional. Die Probanden tragen außerdem einen eigens entwickelten Beckengurt, der wiederum mit verschiedenen Sensoren ausgerüstet ist.

Kamera und Beckengurt zeichnen die Bewegungen des Nutzers auf und gleichen sie gleichzeitig mit den idealen Werten ab. Das hat den Vorteil, dass eine direkte Rückmeldung an den Spieler möglich ist. Balanciert dieser beispielsweise nicht sicher genug auf einem Bein, so bekommt er ein entsprechendes Feedback durch die Spielekonsole. So kann der Spieler die Aufgabe, zum Beispiel ein Boot allein durch Gewichtsverlagerung über einen Fluss zu steuern, meistern.
Allerdings stellen Bewegungswissenschaftler auch fest, dass ein Fünftel der im Alter auftretenden Gangstörungen nicht durch Veränderungen im Muskelsystem erklärt werden können. Sie sind das Resultat von Veränderungen in der Struktur des Gehirns. So haben viele ältere Menschen das Problem, dass sie sich nicht mehr auf mehrere Aufgaben gleichzeitig konzentrieren können. So kann bereits die Überquerung einer Straße zu Problemen führen. Zunächst müssen die Senioren ihre Konzentration auf das Gehen richten. Die Reaktion auf eine Stolperfalle wie ein Schlagloch fällt dabei schwer. Die Wissenschaft hofft allerdings, dass mit Hilfe des Tanzens am Bildschirm, die Fähigkeit zur Bewältigung solcher Doppelaufgaben trainiert werden kann.

So muss der eingangs erwähnte Proband Nino Marazzi zum einen den Bildschirm beobachten und im richtigen Moment reagieren, indem er auf die passenden Felder tritt. Er plauderte aus dem Nähkästchen, dass manchmal die Pfeile einfach stehen blieben und er schon den Fuß entsprechend setzen wollte, dann aber noch einen Takt abwarten musste. Andere Pfeile wären so kurz hintereinander gekommen, dass er sich richtig beeilen musste.

Einzelergebnisse lassen vermuten, dass Exergames die kognitiven Fähigkeiten verbessern

Das Tanzspiel wird derzeit noch in unterschiedlichen Studien von den Wissenschaftlern getestet. Die Auswertungen laufen. Dennoch lassen  Einzelergebnisse hoffen, dass die vermuteten Verbesserungen der kognitiven Fähigkeiten auch tatsächlich eintreten. Die Züricher Forscher würden gerne eine große Studie zum Sturzverhalten machen. Doch solche Studien sind leider aufwendig und teuer und daher im Bereich der Exergames eher selten. Doch das entsprechende Testszenario steht bereits. Die Studienteilnehmer müssten mehrere Wochen mit den Exergames trainieren und danach über Monate hinweg ein sogenanntes Sturztagebuch führen. Ein Erfolg könnte dann gemessen werden, denn die Tänzer insgesamt seltener stürzen als die Kontrollgruppe. Dann wäre wissenschaftlich belegt, dass ein Tanztraining via Spielkonsole tatsächlich das Sturzrisiko minimiert.

Nino Marazzi muss noch auf die Auswertung seiner Ergebnisse warten. Seine Parkinson-Krankheit lässt ihn weiter hinfallen. Aber er zieht ein positives Fazit. Er hat Spaß am Computerspiel gefunden und würde gerne weiterhin tanzen. Er weiß jetzt, dass er sich bewegen kann, ohne ständig Angst vor dem nächsten Sturz zu haben. Dieses Wissen gibt ihm mehr Sicherheit.

 


Quellen:

Aktualisiert ( Dienstag, 19. Juni 2012 um 22:52 Uhr )
 

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