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Google hilft älteren Menschen ihre grauen Zellen zu trainieren und fit zu halten

Google hilft älteren Menschen ihre grauen Zellen zu trainieren und fit zu halten (Wordle)

Junge Menschen tun sich leichter als Ältere mit dem Multitasking. Unter diesem neumodischen Begriff verbirgt sich die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Viele ältere Menschen haben eine gewisse Aversion gegen das Internet. Doch diese sollten sie ablegen. Denn das Surfen im World Wide Web schult bei Älteren eben jene Gehirnareale, die sonst als erstes vom altersbedingten Abbau betroffen sind.

Erst vor kurzer Zeit wurde eine Studie veröffentlicht, die viele Leute aufatmen ließ. Sie belegte, dass Multitasking viel besser als der Ruf ist. In der Studie, die an der Chinese University of Hong Kong durchgeführt wurde, erhielten die Probanden eine visuelle Suchaufgabe. Die Informationen dafür kamen von mindestens drei Medien gleichzeitig. Je mehr Routine die Probanden beim Multitasking hatten, desto besser konnten sie die Aufgabe bewältigen.

Die Studie gießt Öl ins Feuer einer alten Debatte. Seit Jahren streiten Experten darüber, ob mediales Multitasking  gut oder schlecht für unser Gehirn ist? Dass Multitasking die Kommunikation und die Arbeitskultur verändert, steht mittlerweile fest. Doch welchen Einfluss haben diese Folgen auf unser Gehirn? Haben Aufmerksamkeit, Kreativität und Produktivität unter den Veränderungen zu leiden? Darauf versucht die US-Organisation Common Sense Media Antworten zu finden. Deren berühmtestes Mitglied ist übrigens Chelsea Clinton – ihres Zeichens Tochter von Bill Clinton, dem ehemaligen US-Präsidenten. Common Sense Media untersucht unter anderem die Effekte der modernen Medientechnologie bei Kindern.

Bei CNN warnte die Organisation jüngst sehr eindringlich davor, dass Multitasking aber auch der mediale Overflow im Alltag nicht nur die Kommunikation sondern auch die Informationsverarbeitung im Gehirn verändert. Angeblich gäbe es Hinweise darauf, dass die Menschen auf das Multitasking reagieren würden, in dem sich die Konzentrationsspanne verkürzt, das inhaltliche Verständnis abnimmt und das Langzeitgedächtnis schlechter würde.

Umbau des Gehirns durch die Technologie?

Gary Small ist an der University of California beschäftigt. Sein Forschungsschwerpunkt zielt genau auf dieselben Fragen. Er ist Experte für Gedächtnis und Altern. Allerdings kann er die Ergebnisse von Common Sense Media nach nicht nachvollziehen. Seiner Meinung nach liegt das Problem nicht in der Informationsüberflutung durch mediales Multitasking. Er spricht vielmehr von einem „brain gap“. Unter brain cap versteht er den Unterschied in den Gehirnen von Menschen, die mit Multitasking und multisensorischen Eindrücken aufwachsen (sogenannten Digital Natives), und jenen, die erst später im Leben dieses medialen Overflow kennenlernen (sogenannten Digital Immigrants).

Small macht deutlich, dass die Technologie das Leben der Menschen verändert und sich deswegen auch die Gehirne verändern. Im menschlichen Gehirn laufen ständig „Umbauarbeiten“, da das Denkorgan permanent auf die Reize der Umgebung reagiert und an sich sehr flexibel und formbar ist. Das Gehirn von jungen Menschen und insbesondere Kindern ist dabei besonders empfindlich und in der heutigen Zeit auch am meisten den neuen Technologien ausgesetzt.
Anders als Chelsea Clinton sieht Gary Small jedoch keinen Grund, unnötig besorgt zu sein. Es handelt sich seiner Meinung nach um etwas ganz normales: die Plastizität des Gehirns und die damit einhergehende Veränderbarkeit. Durch den Input der modernen Gesellschaften verändern sich die neuralen Schaltkreise. So werden Fähigkeiten wie Multitasking, eine schnelle Entscheidungsfindung aber auch komplexes und ganzheitliches Denken gefördert. Wachsen Kinder mit genau jenen Anforderungen und Technologien auf, so bekommen sie gar nicht die Probleme und den Stress mit, den das mediale Multitasking bei Erwachsenen auslöst.

Digital Natives vs. Digital Immigrants: Kampf der Generationen? Mitnichten!

Das Problem der digitalen Immigranten ist, dass sie noch ein Gehirn besitzen, das letztlich darauf trainiert ist, relativ wenige Reize auf einen Schlag zu verarbeiten. Sie bekommen daher sehr schnell Probleme, um die gleichzeitig auf sie einströmenden Informationen entsprechend zu handhaben. Doch das Gehirn ist flexibel. Es kann durchaus lernen, sich entsprechend umzustellen. Dazu müssen neue Pfade beschritten werden. Diese Pfade sind letztlich nichts anderes als neu miteinander verknüpfte Nervenverbindungen.

In einer Studie untersuchte Small mit seinen Kollegen, wie das Gehirn von älteren Menschen auf die eher ungewohnte Google-Suche (wird umgangssprachlich auch als Googlen bezeichnet) im Internet reagiert. Die Probanden waren zwischen 55 und 76 Jahre alt. Sie wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Jene, die bereits ein paar Erfahrungen mit dem Netz der Netz gemacht hatten und jenen, die noch gar keine hatten.

Das Ergebnis der Untersuchung war eindeutig. Das Gehirn der Testteilnehmer mit etwas Erfahrung zeigte eine um 100 Prozent gesteigerte Aktivierung in allen beteiligten Gehirnarealen. Damit hatte es die Anforderungen der Umwelt bereits umgesetzt, dass die Informationsverarbeitung besser klappte. So gelang der Beweis, dass das Gehirn im Alter noch empfänglich für Veränderungen ist und noch weiter lernen kann.

Auch das Gehirn älterer Menschen ist flexibel, kann auf Veränderungen reagieren und weiterhin lernen

Daher kann die Arbeit im Internet die kognitiven Fähigkeiten von älteren Menschen sogar verbessern. Bereits nach fünf Trainingstagen stellten sich erste Erfolge ein. Bestimmte Gehirnareale der Probanden wurden aktiver – darunter das Sprachzentrum, das Gedächtniszentrum und all jene Bereiche, die für die visuelle Informationsverarbeitung wichtig sind.

Wenn die Aktivität der Nervenzellen sind, sind besonders Sprach- und Gedächtniszentrum betroffen. Um das Gehirn und damit die entsprechenden Areale auf Trab zu halten, scheint die Suche nach Informationen im Internet eine geeignete Übung für die grauen Zellen zu sein.

Doch der ständige Mediengebrauch hat auch seine Schattenseiten. Small beispielsweise befürchtet, dass echte soziale Beziehungen immer mehr durch mediale Beziehungen ersetzt werden. Man muss also rechtzeitig die Reißleine ziehen, damit sich nicht das komplette Leben vor dem Rechner abspielt. Regelmäßiges „Offline sein“ und die Pflege von „analogen Kontakten“ sind daher sehr wichtig.

In der Regel scheinen viele Menschen eine gute Balance zu finden. Eine neue Studie aus Israel mit fast 500 Versuchspersonen belegt, dass die Kommunikation über SMS und andere Medien meist dann erfolgt, wenn sich die Personen kennen und auch räumlich nah beieinander wohnen.

Doch gerade aus der Kohorte der „Digital Natives“, also genau jenen Kindern des Informationszeitalters, kommen einige Zahlen, die alarmiert aufhorchen lassen. Laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung gibt es in Deutschland ca. 1,4 Millionen junge Erwachsene, denen ein problematisches Nutzungsverhalten im Internet bescheinigt wird. Von ihnen wiederum werden 250.000 junge Menschen im Alter von 14 bis 25 Jahren sogar als internetabhängig eingestuft.

Rechtzeitig die Reißleine ziehen und die echten sozialen Kontakte nicht verkümmern lassen

Auch hier scheint also alles wieder eine Frage der Dosierung zu sein. Mediales Multitasking kann nützen, man darf aber nicht den Absprungpunkt verpassen, an dem es schadet. Im Berufsleben kann die Informationsflut mittlerweile gefährlich werden. Eine Studie der University of California kam zu dem Ergebnis, dass in den USA Büroangestellte im Durchschnitt nur elf Minuten arbeiten können, bevor sie von einem Anruf oder einer E-Mail gestört werden.

Bei einer solchen Störung gehen nicht nur Zeit sondern auch Nerven verloren. Diese Form der Arbeitsunterbrechung unterscheidet sich vom positiven Multitasking z. B. durch eine Internetrecherche. Diese soll ja zur Lösung eines aktuellen Problems beitragen.  Aber die Unterbrechung der Arbeitsroutinen durch Anrufe und Mails verschlechtert nicht nur die Leistung sondern stört letztlich auch die Konzentration. Allein die Abwehr der einströmenden Informationen a la „Ich gehe jetzt nicht ans Telefon“ frisst letztlich Arbeitsspeicher.

Wer jetzt meint, den nostalgischen Zeigefinger beim Umgang mit der Medientechnologie heben zu müssen, befindet sich ebenfalls auf dem Holzweg. Nicola Döring von der TU Ilmenau gibt als Expertin für Medienpsychologie zu bedenken, dass es entscheiden ist, auf welche Art und Weise sich die Internetaktivitäten von Personen in den Alltag einfügen. Denn letztlich ist niemand den schädlichen Wirkungen der Medien hilflos ausgeliefert. Sowohl Jugendliche als auch Erwachsene können und müssen eine Grenze ziehen: Bis hierhin und nicht weiter.

 


Quellen:

Aktualisiert ( Mittwoch, 20. Juni 2012 um 23:01 Uhr )
 

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