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Industriespionage bei den Neandertalern: Kopierten sie die Techniken von Homo sapiens

Industriespionage bei den Neandertalern: Kopierten sie die Techniken von Homo sapiens (Wordle)

Tauschten sich Neandertaler und die modernen Menschen kulturell aus oder lebte jede Gruppe abgeschottet für sich? Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft schon seit langer Zeit. Nun scheinen Belege gefunden worden zu sein, dass sich die Neandertaler in punkto Schmuckherstellung einiges beim Homo sapiens abgeschaut haben könnten. Eine Neudatierung alter Fundstücke, die 40.000 Jahre alt sind, liefert diese neuen Erkenntnisse.

Die Beziehung zwischen Mensch und Neandertaler ist eine Beziehung voller Missverständnisse – vielleicht ein ewiges auf und ab a la romantischer Hollywoodkomödie. Fest steht: Die beiden Gruppen waren in einer rauen Umwelt Nahrungskonkurrenten und die Ressourcen entsprechend knapp. Aber Neandertaler und Homo sapiens hatten Sex miteinander, wie die Gensequenzen heute lebender Menschen bestätigen. Die Überlegungen, die in den Medien aber auch in der Wissenschaft herumgeistern, reichen von blutigen Auseinandersetzungen mit Mord und Vergewaltigungen bis hin zur friedlichen Koexistenz, bei der der moderne Mensch letztlich nur auf Basis der besseren Techniken einen evolutionären Vorteil errang. Fest steht jedoch nur, dass bloß eine der beiden Menschenarten den Wettstreit gewann und überlebte. Der Homo sapiens eroberte die Welt und Homo neanderthalensis starb aus bislang ungeklärten Umständen vor etwa 30.000 Jahren auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit aus.

Nun berichten Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (Deutschland) im Fachmagazin PNAS, dass es einen kulturellen Austausch zwischen den frühen nach Europa eingewanderten Menschen und den an die Eiszeit angepassten Frühmenschen gegeben haben muss. Möglicherweise spionierten die Neandertaler die Neuankömmlinge aus und kopierten die Kunst der Schmuckherstellung des modernen Menschen.

Neudatierung lässt kulturellen Austausch zwischen Neandertaler und Homo sapiens für möglich erscheinen

Diese Vermutung bringt eine Neudatierung von ca. 40.000 Jahre alten Funden aus der Grotte du Renne (Frankreich) ans Licht. Die Höhle gehört zu einen der wenigen Orte weltweit, an denen man Schmuckstücke und Neandertalerfossilien in unmittelbarer Nachbarschaft fand. Bislang allerdings gab es Diskussionen darüber, ob dieser Schmuck von den Eiszeitmenschen, die ihren Namen einem Fund aus dem Neanderthal bei Mettmann verdanken, stammt oder ob ihn die später in diese Gegend eingewanderten modernen Menschen fertigten.

Der gefundene Schmuck spiegelt den letzten Schick der damaligen Zeit wieder und entspricht in seiner Fertigung den modernsten Techniken jener Epoche. Nur geschickte Handwerker vermochten diese Artefakte herzustellen: beispielsweise kleine Klingen, die hervorragend als Pfeilspitzen genutzt werden konnten oder wenige Zentimeter große aus Mammutelfenbein geschnitzte Schmuckstücke.
Die Forscher sind sich aufgrund des Alters und der angetroffenen Abfolge der Funde sicher, dass die Neandertaler die Schmuckherstellung beherrschten. Sie lernten diese Fähigkeiten wahrscheinlich von den ersten modernen Menschen, mit denen sie in Kontakt kamen. Die Schmuckstücke wurden gefertigt, als der Homo sapiens bereits im südlichen Europa Fuß gefasst hatte. Die letzten Neandertaler lebten allerdings weiter nördlich. Dennoch könnten sie einige der Kulturtechniken und Verhaltensweisen unserer Vorfahren übernommen haben. Wenige Jahrtausende später starb der menschliche Cousin allerdings aus, nachdem er mehr als 150.000 Jahre die menschliche Evolution bereicherte.

Schmuck und Ornamente nicht die alleinige Kulturleistung des modernen Menschen

Vor 40.000 Jahren aber standen die beiden Menschengruppen in kulturellem Austausch miteinander. Lange Zeit ging man davon aus, dass Schmuck und Ornamente von den ersten modernen Menschen entwickelt wurden. In den 1950er Jahren gerieten diese Annahmen erstmals ins Wanken, als in der Grotte du Renne in der französischen Provinz Burgund zahlreiche Neandertalerzähne zusammen mit einfachen Ringen, Anhängern und Spangen gefunden wurden. Gefertigt waren diese Schmuckstücke aus Elfenbein und anderen Materialien. Zunächst nahm man zwar an, dass dieser Schmuck von den Eiszeitmenschen hergestellt wurde, allerdings waren diese Theorien nicht unumstritten. Viele Zweifel blieben.
So wiesen beispielsweise britische Forscher im Jahre 2010 enorme Altersunterschiede zwischen den verschiedenen Fundstücken nach, die in der Châtelperronien-Schicht in der Grotte du Renne gefunden worden waren. Für sie war somit die Sachlage klar. Die Schmuckstücke fertigte der moderne Mensch an. Erst nachträglich wurde der Untergrund aufgewühlt und so mit den Relikten der Neandertaler vermischt.

Neandertaler durchaus handwerklich begabt und so pfiffig, sich Techniken abzuschauen

Um diese Theorie zu überprüfen haben die Forscher nun die Fundstücke aus der besagten Châtelperronien-Schicht erneut untersucht und sowohl die darüber als auch die darunterliegenden Ablagerungen geborgen. Alles wurde mit Hilfe der modernsten Techniken neu datiert. Auch das Alter eines Neandertalerskeletts, das in der Nähe, genauer in Saint Césaire, gefunden worden war, wurde neu bestimmt. Für ihre Untersuchungen gewannen die Wissenschaftler das Kollagen aus den fossilen Knochen. Mit Hilfe der Radiokarbonmessung bestimmten sie das Alter. Dabei wird das Verhältnis von verschiedenen Kohlenstoff-Isotopen in der Probe analysiert. Da sich das Verhältnis im Laufe der Zeit verändert, kann so auf das Alter der kohlenstoffhaltigen Proben geschlossen werden.

Das Ergebnis der aktuellen Analysen ist eindeutig. Die insgesamt 31 Proben, die aus der Châtelperronien-Schicht stammten, haben alle ein Alter zwischen 35.000 und knapp 41.000 Jahren. Ausreißer gab es demnach nicht. Diese hätten auf eine Vermischung der Schichten hindeuten können. Das Neandertalerskelett von Saint Césaire hat ein Alter von ca. 40.500 bis 42.000 Jahren. Damit lebten die Neandertaler genau zur Entstehungszeit der Schmuckstücke in jener Gegend. Sie können deswegen durchaus auch die Handwerker gewesen sein, die den Schmuck herstellten.

PS: Die reißerische Überschrift "Guttenbergs Ahnen bereits in der Steinzeit aktiv. Plagiatoren unter den Neandertalern entdeckt. NeanderPlag eröffnet." habe ich mir dann doch verkniffen. ;o)

 


Quellen:

Aktualisiert ( Mittwoch, 31. Oktober 2012 um 00:57 Uhr )
 

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