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Musik-Experiment: Wie klang die Steinzeit-Mucke der Neandertaler?

Musik-Experiment: Wie klang die Steinzeit-Mucke der Neandertaler? (Wordle)Konnten Neandertaler singen, tanzen und musizieren? Wurden ihre Kinder in den Schlaf gesungen? Klang ihre Musik wie Volksmusik oder ging's eher in Richtung Heavy Metall?

Diesen Fragen versuchte der Brite Simon Thorne - seines Zeichens ein Jazzprofi und Multi-Instrumentalist aus Wales - nachzuspüren. Dabei begab er sich auf eine kleine akustische Zeitreise. Herausgekommen ist eine ungewöhnliche 55 Minuten lange Klangkomposition, die eine ungefähre Vorstellung davon gibt, wie die Musik des Neandertalers geklungen haben könnte. Der Konjunktiv ist deswegen angebracht, da die Neandertaler keine Noten oder Musikinstrumente hinterließen. Dennoch ist Simon Thorne überzeugt, dass unser menschlicher Cousin Musik machte. Denn unser Vorfahr war dem modernen Menschen intellektuell und kulturell nicht unterlegen. Der Neandertaler ist uns genetisch ähnlicher als irgend jemand anders. Simon Thorne meint, dass Musik zu machen "eine fundamental menschliche Fähigkeit" ist, denn "Tiere machen keine Musik".

Wie ist es nun zu diesem ungewöhnlichen Werk gekommen? Das National Museum in Cardiff (Großbritannien) trat an den Musiker heran, mit der Bitte, eine Komposition zu schreiben, die die Ausstellung "Origins: In Search of Early Wales" untermalt. Thorne musste sich zunächst an das Thema Paläolithikum langsam herantasten. Dazu sprach er mit Linguisten und Archäologen, um sich ein Bild von der Welt des Neandertalers zu machen. Er nahm Steinwerkzeuge in die Hand, die auch schon Neandertaler in den Händen hielten. Und er besuchte die Pontnewydd-Höhle in Wales, wo man die Zähne einer vor 230.000 Jahren gestorbenen Familie gefunden hatte. So sammelte er Eindruck um Eindruck und am Ende erschloss sich ihm ein Klangbild. Es ist so nicht verwunderlich, dass man in der fertigen Komposition den Klang von Stein auf Stein hören kann. Thorne erklärt dazu: "Die charakteristischen Merkmale einer jeden Kultur sind auch im Klang ihrer Technologie enthalten". Die Alltagstöne bestimmten wahrscheinlich die Musik. Und so prägte das Klopfen von Steinen wahrscheinlich den Steinzeit-Sound neben den Geräuschen der Natur. Als weitere Instrumente brachte Thorne das Schlagen und Reiben von Hölzern ein.

Vor ein Problem stellte die Komposition der Singstimmen den Musiker. Normalerweise notiert ein Komponist die Noten für eine Melodie. In der Steinzeit gab es keine Musiknoten. So kam Thorne auf die Idee, die Singstimme als grafische Linie darzustellen. Geht die Linie nach oben, so muss auch der Sänger mit seiner Stimme in diese Regionen, fällt die Linie dagegen wieder ab, so singt der Sänger oder die Sängerin tiefer. Durch diesen Kniff kann die Tonhöhe einfach dargestellt werden. Da das Stück am Ende für 4 Vokalisten komponiert ist, sind die Linien der vier Stimmen in der Partitur übereinander angeordnet.

Die Partituren drückte Thorne seinen Sängern in die Hand und jedesmal klingt das Stück ein wenig anders. Einmal führte er das Stück mit der umgekehrten Partitur auf. Dazu wurden die Linien einfach von hinten nach vorne und von oben nach unten gesungen. Auch das klappte.

Kritiker werfen Thorne Effekthascherei vor, weil er sich nicht an die neuesten wissenschaftlichen Fakten hielt. In Florida wurde erst vor kurzem ein Neandertaler-Kehlkopf rekonstruiert. So erfuhren die Wissenschaftler viel von der Lautbildung des Neandertalers. Sie konnten beispielsweise keine Eckvokale wie A, I und U bilden. Diese Eckvokale dienen uns heute als Referenzpunkte, um unser Gegenüber einzuschätzen. Es ist so davon auszugehen, dass die Neandertaler-Stimme viel lauter und vielleicht auch etwas blöckend war, denn Neandertaler konnten wahrscheinlich nicht die verschiedenen Formen der I-Laute bilden. Den Unterschied zwischen "bieten" und "bitten" kannten sie nicht.

Thorne geht mit der Kritik gelassen um: "Ich habe ja keine wissenschaftliche Arbeit zur Musik der Neandertaler verfasst", sagt Thorne, "sondern ganz explizit Kunst geschaffen. Es ist für uns unmöglich, genau zu rekonstruieren, wie sich der Gesang der Neandertaler anhörte - aber sich vorzustellen, wie er hätte sein können, ist eine faszinierende Erfahrung. Mein Ziel war die Schaffung einer Klangwelt." Wer nun neugierig geworden ist, der kann sich einen Ausschnitt auf der Homepage von Simon Thorne anhören.

 


Quellen:

 

 

Aktualisiert ( Samstag, 18. Februar 2012 um 13:40 Uhr )
 

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