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Präzision bei Tierbeobachtungen: Steinzeitliche Höhlenmaler waren genaue Künstler

Präzision bei Tierbeobachtungen: Steinzeitliche Höhlenmaler waren genaue Künstler (Wordle)

Viele Gemälde zeigen stolz daher schreitende Pferde, die in der Realität alles andere als ein imposantes Bild abgeben würden. Die gemalten Pferde würden einfach umkippen. Künstler malen überraschend oft bei Tieren eine falsche Beinhaltung. Selbst ein Genie wie Leonardo da Vinci war vor einem solchen Fehler nicht gefeit. Ein ganz anderes Bild zeichnet sich bei den Steinzeit-Künstlern ab. Sie arbeiteten relativ präzise.

Viele Vierbeiner bewegen sich nach ein und demselben Muster fort. Meist wird zunächst der Fuß links hinten aufgesetzt. Dann folgt vorne links der zweite Fuß, bevor dann rechts hinten und rechts vorne nachgezogen wird. Im normalen Schritttempo sind bei den Tieren immer zwei Füße am Boden. Diese von der Natur vorgegebenen Bewegungsmuster halten Künstler jedoch nicht davon ab, beispielsweise Pferde, Kühe oder Elefanten in Posen darzustellen, die mit dem Bewegungsablauf eigentlich nicht vereinbar sind.

Eine Forschergruppe aus Ungarn hat sich die Mühe gemacht und tausend künstlerische Tier-Darstellungen analysiert. Sie untersuchten von Höhlenmalereien bis hin zur bronzenen Reiterstatue alle Objekte auf die Frage hin, ob der Gang der Tiere korrekt dargestellt wird. Sie beschränkten ihre Stichprobe allerdings auf Bilder und Skulpturen, die Vierbeiner im normalen Schritttempo zeigten. Dies kann man z. B. bei Pferden auf Grund der Abbildung von Mähne und Schweif aber auch an der Haltung des Reiters erkennen.
Ihr Ergebnis präsentierte das Team um Gábor Horváth von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest im Fachmagazin „PloS One“.

Felszeichungen und Höhlenmalereien erstaunlich genau

Demzufolge schauten die Künstler in der Steinzeit besonders genau hin. 39 Höhlenmalereien wurden von den Forschern genauesten analysiert. Beispielsweise die Abbildung eines Stieres aus der Höhle von Lascaux. Auf 21 Felsmalereien fanden die Forscher beim Gang der Tiere eine natürliche Pose. Damit lag die Fehlerrate der steinzeitlichen Maler lediglich bei 46 Prozent. Auf den ersten Blick sieht dies zunächst aus wie eine hohe Fehlerquote, doch im Vergleich zu den Künstlern aus anderen Epochen waren die Steinzeit-Da-Vincis erstaunlich präzise. Moderne Künstler haben eine deutlich höhere Fehlerquote.

Die anderen Kunstwerke erstrecken sich von der Antike über die Renaissance bis hin zur Moderne. Sie wurden in zwei Gruppen eingeteilt: In Kunstwerke vor 1887 und in Kunstwerke nach 1887. Insgesamt wurden in diesen beiden Gruppen noch 961 Tierdarstellungen untersucht. Die Einteilungsgrenze von 1887 beruht auf den Arbeiten des Fotopioniers Eadweard Muybridge. Er analysierte in den späten achtziger Jahren des 19. Jahrhundert den Gang von Vierbeinern. Dazu machte er schnell aufeinanderfolgende Serien-Aufnahmen. 
Es überrascht nicht, dass in der Zeit vor Muybrige die Fehlerquote besonders hoch ausfiel. Sie lag bei 83,5 Prozent. Selbst bei einer zufälligen Auswahl wäre nur eine Fehlerquote von 73,3 Prozent zu erwarten gewesen. Auch der geniale Wissenschaftler und Künstler Leonardo da Vinci zeichnete ab und an Pferde mit einer Beinhaltung, die die Tiere niemals annehmen. Lediglich dressierte Tiere könnten solche dargestellte Posen einnehmen. Es ist allerdings nicht überliefert, ob Leonardo Da Vinci ein dressiertes Pferd festhielt oder aber die Pose einfach nur seiner Phantasie entsprungen ist.

Nachdem Muybridge seine Arbeiten erstellt hatte, sank erwartungsgemäß der Anteil der unnatürlichen Abbildungen. Er liegt bei Werken nach 1887 allerdings immer noch bei 57,9 Prozent. Damit schlagen die Steinzeit-Künstler mit ihrer Fehlerquote diejenigen Künstler, die eigentlich auf fotorealistische Studien zurückgreifen konnten.

Doch welche Intention verfolgten die Künstler mit ihren Darstellungen

Das Team um Horváth betont allerdings, dass die Forscher nicht die Intention der Künstler kennen können. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es für viele Künstler gar nicht wichtig war, eine natürliche Pose zu zeigen. Beispielsweise bei Reiterstatuen hat die Beinhaltung des Pferdes sehr oft eine symbolische Bedeutung. Ein erhobenes rechtes Vorderbein weist möglicherweise darauf hin, dass der dargestellte Reiter im Kampf fiel.
Die Detailauswertung zeigt auch, dass Gemälde häufiger eine andere Fehlhaltung zeigen als Statuen. Die Forscher nehmen ihre Entdeckung allerdings mit Humor. Schließlich können Vierbeiner in unnatürlicher Pose weder in Gemälden noch auf Zeichnungen oder in Reliefs umfallen. Bei einer Statue allerdings kann ein falsch angehobenes Bein durchaus dafür sorgen, dass die Stabilität der Statue deutlich gefährdet ist.

In einer früheren Studie gelang es dem Forscherteam aus Budapest, noch etwas anderes festzustellen. Diese Erkenntnisse sind durchaus in der Lage, zeitgenössischen Künstlern Trost zu spenden. Denn nicht einmal auf wissenschaftlichen Abbildungen für Naturkundemuseen oder in anatomischen Fachbüchern für Veterinäre ist alles korrekt. Selbst bei präparierten Vierbeinern sind unnatürliche Posen feststellbar. Die Fehlerquote hier liegt immerhin noch zwischen 41 und 64 Prozent.

Was also kann man als brauchbare wissenschaftliche Erkenntnis aus dieser Studie mitnehmen?

Dass viele moderne Künstler Schludriane sind? Sicherlich nicht. Aber man muss den Steinzeit-Künstlern Hochachtung zollen. Diese Menschen waren jedoch nur im „Nebenerwerb“ Künstler. Hauptberuflich waren sie Jäger und Sammler. Da war die Tierbeobachtung nicht bloß ein Zeitvertreib sondern essentiell. Wer die Tiere in ihrem Verhalten und in ihren Bewegungen nicht ganz genau studierte, hatte keine Überlebenschance.

 


Quellen:

Aktualisiert ( Donnerstag, 06. Dezember 2012 um 22:58 Uhr )
 

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