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Woher kam der erste amerikanische Ureinwohner wirklich? Etwa aus Europa?

Woher kam der erste amerikanische Ureinwohner wirklich? Etwa aus Europa? (Wordle)

Lange hielt sich in der Wissenschaft die Überzeugung, dass die ersten Amerikaner um 13.000 v. Chr. über die Bering-Straße den Doppelkontinent eroberten. Nun aber tauchen vermehrt Zeugnisse auf, die älter zu sein scheinen. Was bedeuten beispielsweise Menschenknochen aus Chile, die vermutlich sehr viel älter sind?

Seit einigen Jahren bemüht man sich, einen politisch korrekteren Begriff für „Indianer“ zu finden und das Wort Indianer langsam zu ersetzen. Der Name stammt schließlich noch aus der Epoche, als die großen europäischen Entdecker die Weltmeere befuhren. Und doch zeugt das Wort „Indianer“ von einem riesigen Irrtum: Kolumbus hat auf seiner Fahrt nach Westen eben nicht Indien sondern Amerika entdeckt.
In Kanada nennt man die indigene Bevölkerung „First Nations“. Der Name soll ausdrücken, dass sie die ersten Amerikaner waren und die Europäer erst viel später kamen. Doch wer waren die First Nations tatsächlich? Sind die arktischen „Indianer“ tatsächlich die ersten Besiedler der neuen Welt? Die Zweifel an dieser These wachsen, da neue Funde diesen Annahmen widersprechen.

Die Diskussion über die Besiedlungsgeschichte des amerikanischen Kontinents ist noch längst nicht abgeschlossen. Man streift hier auch Fragen, wer bereits vor Kolumbus den Atlantik bezwang. Seit 50 Jahren gilt es als gesichert, dass die Wikinger bereits 500 Jahre vor Kolumbus einen Außenposten auf dem amerikanischen Kontinent unterhielten und nicht „bloß“ bis Grönland vordrangen. Früher wurden solche Thesen stark angezweifelt, doch die Beweislage lässt mittlerweile keine anderen Schlüsse zu. Doch es werden weitere Entdecker-Kandidaten in Stellung gebracht. Die Quintessenz aller Diskussionen und Dispute kreist um die Antwort auf die Fragen: Wer besiedelte als erstes Amerika? Von wo starteten diese Menschen? Wann machten sie sich auf den Weg? Und schließlich: Wo gingen sie auf dem amerikanischen Kontinent an Land?

Viele noch offene Fragen bei der Besiedlung Amerikas

Etwa seit den 1930er Jahren galt die sogenannte „Beringia-Theorie“ als allgemein anerkannt und hatte damit den Status „state of the art“. Laut dieser Auffassung begann vor 15.000 bis 12.000 Jahren die Besiedlung Nordamerikas über eine Landbrücke, dort wo heute die Beringstraße ist. Diese ersten Einwanderer drangen von Sibirien bis nach Alaska vor. Bei dieser Völkerwanderung erreichte die Menschheit letztlich den letzten Erdteil und besiedelte ihn dauerhaft. Den damaligen Besiedlern Amerikas stand allerdings nur ein sehr kurzes Zeitfenster für das Wagnis zur Verfügung – nämlich als sich am Ende der letzten Eiszeit die Gletscherbarriere langsam zurückzog aber der Meeresspiegel noch nicht soweit angestiegen war. Der Fußweg zwischen den Kontinenten war demnach frei und die Menschen nutzten ihre Chance. Heute kommt niemand mehr trockenen Fußes von Eurasien nach Amerika. Die Beringstraße trennt die beiden Kontinente. Hier trifft man nur Wale und Ozeanriesen an.

Die Einwanderer drangen von Alaska aus weiter nach Süden fort. Im US-Bundesstaat New Mexiko (USA) gab es die erste dauerhafte Siedlung in der Nähe des heutigen Ortes Clovis. Von Clovis aus soll schließlich ganz Amerika besiedelt worden sein. Die sogenannte Clovis-Kultur wird auch gern als Mutter aller vor kolumbianischen Kulturen bezeichnet. 
Doch die neuesten Erbgutanalysen lassen mehr und mehr Zweifel an dieser im 20. Jahrhundert gängigen These aufkommen. Sie liefern Hinweise darauf, dass die These so nicht stimmen kann und dass die Besiedlung Amerikas anders von statten gegangen sein muss. Mittlerweile gilt es in der Wissenschaftsgemeinde als anerkannt, dass es nicht nur eine Einwanderungswelle aus Asien gegeben hat. Man geht eher von zwei bis drei Wanderungen aus. Die ersten Menschen könnten sich demnach vor deutlich mehr als 15.000 Jahren auf den Weg gemacht haben.

Mehrere Wanderungswellen über die Landbrücke Beringias

Einige Forscher vermuten auch, dass die ersten Besiedler nicht nur zu Fuß kamen. Bei niedrigem Meeresspiegel bietet sich die Inselkette der Aleuten für das Insel-Hopping an. Sie sehen hier Parallelen zu den australischen Ureinwohnern, den Aborigines. Diese hatten bereits vor mehr als 50.000 Jahren hochseetüchtige Schiffe oder Flöße. Mit ihnen konnten sie viele Kilometer über das offene Meer fahren und so letztlich Australien besiedeln. Warum also sollten die amerikanischen Ureinwohner nicht auch über ähnliche Techniken verfügt haben?

Die Wissenschaft ist also bereit, gängige Thesen zur Besiedlung Amerikas nochmals zu hinterfragen und neu zu analysieren. Doch noch immer gibt es mehr unbeantwortete Fragen als gesicherte Erkenntnisse. Vermutlich hat es mehrere Einwanderungswellen gegeben. Wurde Südamerika vielleicht sogar separat – nämlich von Polynesien aus – besiedelt? Und was war zuerst da? Das Huhn oder der Mensch? Häh?! Was hat diese Frage denn mit der Entdeckung Amerikas zu tun? Sehr viel sogar!
Vor knapp fünf Jahren sorgte eine Studie über Hühnerknochen für großes Aufsehen. Forscher aus den USA und Neuseeland gruben mit Archäologen nahe der chilenischen Küste Knochen von Hühnern aus. Diese wurden anschließend von Biologen einer genetischen Untersuchung unterzogen. Diese ergab, dass die Hühner bereits lange vor der Ankunft der ersten Spanier auf dem südamerikanischen Kontinent gelebt haben müssen. Die Wissenschaftler konnten außerdem eine enge Verwandtschaft mit Hühnern aus Samoa und Tonga nachweisen, allerdings nicht mit jenen Artgenossen, die von den Konquistadores mitgebracht wurden. Folglich muss es Kontakte zwischen Polynesien und Südamerika gegeben haben.

Das Huhn beweist: Es muss Kontakte zwischen Polynesien und Südamerika gegeben haben

Weitere Folge-Studien zeichnen ein uneinheitliches Bild. Die einen widerlegten die These. Die anderen bestätigten sie. Doch die letzten Forschungen legen den Schluss nahe, dass tatsächlich Einwanderer an der chilenischen Küste landeten und sich in Amerika niederließen. Es ist auch plausibel. Die Seefahrer Polynesiens besiedelten in den zweitausend Jahren vor Kolumbus ausgehend von Asien den gesamten Pazifikraum. Sie konnten dabei tausende von Meilen zurücklegen ohne anzulegen. Da dürfte die letzte Etappe zwischen den Osterinseln und Chile kein unüberwindbares Hindernis dargestellt haben.

Es ist allerdings überraschend, mit welcher Hartnäckigkeit so mancher nordamerikanische Forscher eine solche Sichtweise des geschichtlichen Ablaufs ablehnt. Dafür gibt es mehrere Gründe: Nach den gewagten Thesen Thor Heyerdahls waren Kontakte zwischen den pazifischen Inseln und Amerika lange Zeit in der Wissenschaftsgemeinde verpöhnt. Daran konnte auch die Fahrt Heyerdahls mit der „Kon-Tiki“ nichts ändern. Niemand wollte in seiner geistigen Nachbarschaft verortet werden. Doch es gibt weitere Vorbehalte. Wenn Amerika unabhängig von der Völkerwanderung über die Beringstraße besiedelt worden wäre, dann wäre Nordamerika und insbesondere die USA nicht länger die Keimzelle der First Nations. Womöglich wären das andere, die auf dem südlichen Halbkontinent ihre ersten Quartiere aufschlugen. Doch Südamerika wird gerne auch als „Hinterhof“ des Nordens gesehen. Für manche US-Archäologen ist es schlicht und ergreifend nicht denkbar, dass es womöglich sogar eine Süd-Nord-Wanderung gegeben haben könnte.

Süßkartoffel bringt die These Clovis-First ins Wanken. Wandeerung von Süd nach Nord wahrscheinlich

Ähnliche Vorbehalte erlebte auch Hans Giffhorn nach der Veröffentlichung seines Buches „Wurde Amerika in der Antike entdeckt?“ Seiner Meinung stießen die Phönizier und Kelten bis nach Amerika vor und hatten etliche großartige Kulturleistungen mit im Gepäck. Solche Thesen untergraben bei einigen amerikanischen Altertumsforschern den „Kontinentalstolz“ erheblich.
Allerdings gibt es mehr als genügend Hinweise, dass die Besiedlung von Südamerika unabhängig von Einwanderungen über Nordamerika erfolgt sein muss. Ein Beispiel ist die Süßkartoffel. Sie ist in Südamerika beheimatet. Allerdings wird sie lange Zeit vor Kolumbus nicht nur in Südamerika sondern auch von Polynesien bis nach Neuseeland angebaut. Die Süßkartoffel kann aber nicht über den Ozean gedriftet sein, denn im Salzwasser wäre jede Süßkartoffel verrottet. Bei Mumien aus der chilenischen Atacamawüste, die allerdings auch an Peru, Bolivien und Argentinien grenzt, fand man eine Leukämievariante, die es zwar in Japan aber bei keiner anderen amerikanischen Grabungsstätte gibt.
Rebecca Cann ist Genetikerin. Sie untersuchte DNA-Proben von polynesischen Ureinwohnern und von Indios. Sie kam zu dem eindeutigen Schluss, dass ein Genfluss über den pazifischen Ozean in das präkolumbianische Amerika stattgefunden haben muss. In der Baja California wurden Schädel gefunden, die Funden aus Australien und Südostasien ähneln. Sie weisen allerdings keine Ähnlichkeit mit Schädeln aus der Clovis-Kultur auf.

Tom D. Dillehay könnte in die Geschichte eingehen, als der Mann, der die These „Clovis First“ zum Einsturz brachte. Der Archäologe von der Vanderbilt-Universität in Tennessee (USA) stieß im südchilenischen Monte Verde auf menschliche Siedlungsspuren. Die Hinterlassenschaften wurden mittels der Radiokarbonmethode auf ein Alter von 15.000 Jahren datiert. Laut der bisherigen Theorie sollten sich zu diesem Zeitpunkt gerade die ersten Einwanderer aufgemacht haben, die Beringstraße zu überqueren. Selbst mit „Sieben-Meilen-Stiefeln“ können sie nicht innerhalb kürzester Zeit von Alaska nach Chile gelangt sein. Selbst die Clovis-Kultur ist knapp 4.000 Jahre jünger. Es dauerte viele Jahre bis die amerikanischen Kollegen die Thesen von Dillehay beachteten, denn sie liefen dem bisherigen Weltbild entgegen. Aber aufgrund der der Tatsachen mussten sie letztlich eingestehen. Clovis First ist tot und vermutlich gab es eine Wanderung von Süd nach Nord.

Entlang der Eisgrenze: Von Asien aus oder von Europa aus?

Aber woher waren die ersten Amerikaner vom Monte Verde nun gekommen? Am wahrscheinlichsten ist der Seeweg. Dillehay vermutet, dass sie mit Booten von Nordostasien aus aufbrachen und entlang der Eiskante fuhren. Sie wären dann entlang der amerikanischen Pazifikküste nach Süden gelangt. Josef Eiwanger ist Altamerikaexperte beim Deutschen Archäologischen Institut. Er bringt eine weitere Hypothese ins Spiel. Amerika ist seiner Meinung nach nicht nur von Asien aus sondern auch von Europa aus besiedelt wurden. Vor ca. 18.000 bis 19.000 haben sich mutige Seefahrer einfach nach Westen treiben lassen. Sie drangen bis weit in den Süden vor. Das Packeis liefert ihnen nicht nur Frischwasser sondern auch viel Fisch. Die Frage: Wie die Besiedlung Amerikas genau ablief, bleibt spannend. Im Rennen um den Titel „Tatsächliche First Nations“ gibt es viele Anwärter.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Montag, 25. Februar 2013 um 19:26 Uhr )
 

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