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Datierung von Neandertaler-Knochen ergibt größeres Alter als bislang vermutet

Datierung von Neandertaler-Knochen ergibt größeres Alter als bislang vermutet (Wordle)

Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass Homo sapiens und Neandertaler in Europa mehrere Tausend Jahre nebeneinander gelebt haben. Doch nun wurden die fossilen Knochen neu untersucht und die Analyse lässt Zweifel aufkeimen. Demnach könnte Homo neanderthalensis deutlich früher ausgestorben sein als bislang angenommen.

Eine Frage beschäftigt die Wissenschaftler schon lange: Wann genau starb der letzte Neandertaler? Die Antwort auf die Frage ist allein schon deswegen wichtig, da sie auch Antworten und Rückschlüsse im Hinblick auf die Geschichte des modernen Menschen liefert. Eine internationale Forschergruppe aus Europa und Australien hat deswegen die fossilen Knochen aus Südspanien mit den Methoden der modernsten Technik erneut analysiert. Sie kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Der Neandertaler verschwand aus Südspanien womöglich bereits 10.000 Jahre früher.

Bis dato galt die Iberische Halbinsel als der letzte Rückzugsort des menschlichen Cousins. Laut Lehrmeinung zogen sich die letzten Neandertaler nach Südspanien zurück, um dem rauen Klima während der letzten Eiszeit in Mitteleuropa zu entfliehen. Doch auch in Westeuropa starb der Neandertaler aus. Die Gründe dafür liegen weiterhin im Nebel der Geschichte verborgen. Die Forschergruppe rund um Rachel Wood von der Universität Oxford untersuchte nun 215 Knochen aus spanischen Fundstätten. Leider eigneten sich nur noch Proben aus zwei Fundätten für eine verlässliche Radiokarbondatierung: Aus der Halbhöhle Jarama VI in der Provinz Guadalajara in Zentralspanien und der Zafarraya-Höhle im Süden des Landes. Im Vorfeld wurden allerdings Knochen aus insgesamt elf Fundstätten in Spanien ausgewählt, in denen Neandertaler-Fossilien entdeckt wurden.

Iberische Halbinsel doch nicht der letzte Rückzugsort der Neandertaler?

Bei der Neuuntersuchung wurde die bewährte Radiokarbonmethode um das Verfahren der Ultrafiltration ergänzt. Damit entfernen die Forscher Verunreinigungen der Proben. Beispielsweise können Kohlenstoffmoleküle nachträglich im Kollagen der Knochen eingelagert werden. Letztere haben vermutlich bislang dazu geführt, dass die Fossilien auf ein jüngeres Alter datiert wurden, denn bei früheren Untersuchungen konnten die Verunreinigungen nicht sauber genug herausgefiltert werden.

Das schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences). Mit der Kombination der Methoden konnte das Alter der fossilen Knochen auf ein Alter von 50.000 Jahren datiert werden. Vorherige Altersbestimmungen ließen auf ein Alter von etwa 36.000 Jahren schließen. Damit galten die Funde aus Spanien als die jüngsten Spuren der Neandertaler. Nun aber stellt sich heraus, dass sie wahrscheinlich mehr als 10.000 Jahre älter sind.

Verunreinigung der Proben führte vermutlich zu einer jüngeren Datierung

Womöglich führt das dazu, dass die Geschichte des Homo sapiens teilweise umgeschrieben werden muss. Denn bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass sowohl der moderne Mensch als auch die Neandertaler sich im heutigen Spanien in der Zeit von etwa 40.000 bis 35.000 Jahren einen Lebensraum teilten und nebeneinander gelebt haben müssen. Für Wood und ihre Kollegen ist klar, dass nun genau geklärt werden muss, wann die späten Neandertaler in der Gegend verschwanden und wie lange sie sich ihren Lebensraum mit dem modernen Menschen teilten. Allerdings können auch die aktuellen Messungen nicht endgültig klären, dass der Neandertaler vor 50.000 Jahren komplett verschwand.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass weitere Funde in Spanien in Zukunft gemacht werden. Und jeder neue Fund könnte auch den Gegenbeweis liefern. Die Proben aus der Fundstelle Cueva Antón bei Murcia sind selbst mit den neuen Datierungsverfahren ca. 38.000 Jahre alt. Allerdings bestehen diese Fossilien bislang nur aus erhaltenen Kohlestücken und einigen wenigen Steinartefakten. Bislang wurden keine Knochen gefunden. Die Aussagekraft ist daher begrenzt, weil noch nicht einmal klar ist, von wem die Relikte tatsächlich stammen. Als Kandidaten kommen nämlich sowohl die Neandertaler als auch die modernen Menschen in Frage. Eine weitere Studie soll klären, wer dort tatsächlich gelebt hat.

Die Arbeit der Forscher erschwert das heiße Klima der Iberischen Halbinsel enorm. Denn es begünstigt nicht die Konservierung des organischen Materials. Daher lassen sich viele Funde in der Region nicht mehr genau datieren. Es besteht aber grundsätzlich die Möglichkeit, dass die Neandertaler in anderen Gegenden Europas länger überlebten. Immerhin waren sie sehr anpassungsfähig. Es gibt Hinweise auf andere Rückzugsorte – z. B. den Kaukasus. Aber auch hier müssen frühere Datierungen mit Hilfe der Radiokarbonmethode kritisch hinterfragt werden.

In Deutschland und Großbritannien teilten sich Homo sapiens und Homo neandertalensis für ca. 4000 Jahre einen Lebensraum

Die Wissenschaftler halten es für relativ unwahrscheinlich, dass die Neandertaler auf der Iberischen Halbinsel länger überlebt haben könnten als auf dem Rest des Kontinents. Dennoch sind sie sich sicher, dass sich Homo neanderthalensis und Homo sapiens begegneten und einen Lebensraum teilten. Für die Regionen Deutschland und Großbritannien steht fest, dass der menschliche Cousin dort vor etwa 40.000 Jahren ausstarb. Der moderne Mensch allerdings kam dort bereits vor 44.000 bis 43.000 Jahren an. Es gab also eine gemeinsame Zeit in Europa. Sie ist allerdings deutlich kürzer als bislang vermutet.

Wie und warum die späten Neandertaler im Süden der Iberischen Halbinsel überleben konnten, spielt für viele Thesen des Exodus eine wichtige Rolle. Deswegen müssen die Wissenschaftler zurück an ihre Schreibtische und neu darüber nachdenken.

 


Quelle:

 

Aktualisiert ( Montag, 25. Februar 2013 um 19:33 Uhr )
 

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