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Die Ur-Venus von der Schwäbischen Alb

Die Urvenus von der schwäbischen Alb (Wordle)In fast allen Jahresrückblicken auf das Jahr 2009 wurde dieser Fund in der Kategorie „Archäologie“ als die Sensation bewertet: Das 6 Zentimeter hohe und 33 Gramm schwere Steinzeit-PinUp Girl aus der Höhle „Hohle Fels“ brachte Forscher rund um den Globus in Verzückung.

Eine 30.000 bis 40.000 Jahre alte Grand Dame erblickt wieder das Tageslicht

Es handelt sich hierbei um eine erstaunlich gut erhaltene, aus Mammutelfenbein geschnitzte Frauenfigur, die sich in eine Reihe mit anderen Funden sogenannter Venus-Figurinen in Europa, die von Frankreich bis Sibirien (im tiefsten Russland) gemacht wurden, einfügt. Die bisher bekanntesten Vertreterinnen dieser Steinzeitkunst sind beispielsweise die Venus von Willendorf, die Venus von Dolni Vestonice oder die Venus von Kostenki.
Laut Protokoll des Fundes, der zwischen dem 5. und 15. September 2008 gemacht aber erst 2009 in der Fachzeitschrift Nature der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, lagen die sechs Bruchstücke der Venus vom Hohle Fels etwa 3 m unter der heutigen Höhlenoberfläche in einem rot-braunen Sediment, das auf den sogenannten Aurignacien datiert wurde. Damit hätte die Figur ein geschätztes Alter zwischen 31.000 und 40.000 Jahren. Es ist die bis dato älteste figürliche Darstellung eines Menschen – erschaffen von einem Schnitzer, der bereits ein genetisch moderner Mensch war, aber noch mit den Neandertalern im Europa der Altsteinzeit zusammenlebte. Die Venus aus der Höhle Hohle Fels ist damit fast 7.000 bis 10.000 Jahre älter als die Venus von Willendorf. Sie würde heute von der Boulevardpresse vielleicht als Mutter aller Steinzeit-Sexsymbole bezeichnet werden. Aber ist sie das wirklich? Dazu komme ich später.

Bislang hielten zwei in Österreicherinnen den Rekord als die ältesten menschlichen Darstellungen. Die aus Kalkstein geschnitzte Venus von Willendorf wurde vor ca. 25.000 Jahren gefertigt und mit Rötel - einer Mischung aus Ton und Hämatit - bedeckt. Die Fanny vom Galgenberg ist aus grünem Serpentin und wurde auf ein Alter von 30.000 bis 32.000 Jahren datiert. Das Art-Magazin titelte vor diesem Hintergrund leicht übertrieben: "Steinzeit-Piefkes zeigen es Paläolithikum-Ötzis!"

Die Beschreibung des Grabungsleiters, Nicolas Conrad, liest sich fast wie die Beschreibung eines Pornobildes: Die Statue hat überdimensionierte Brüste, ein ausgeprägtes Gesäß und deutlich hervorgehobene Geschlechtsteile. (Soviel steht ebenfalls fest, in unserer Zeit hätte diese Kunst höchstens eine Altersfreigabe ab 18 Jahren erhalten.) Auffallend an der Steinzeit-Barbie ist, dass es anstelle des Kopfes eine Öse gibt, die darauf hindeutet, dass die Figur als Amulett um den Hals getragen wurde. Die Figur hat Arme und fein geschnitzte Hände, die auf dem Bauch unterhalb der Brüste ruhen. Außerdem gibt es grazile eingeschnittene Linien, die eine Art von Kleidung, möglicherweise einen Schurz, andeuten. Es fehlen lediglich der linke Arm und die Schulter.

 

Spekulationen über die Bedeutung der Steinzeit-Figur

Viele Merkmale finden sich auch auf späteren Figurinen wieder. Handelt es sich bei der Venus aus der Höhle Hohle Fels um die Mutter aller Frauenfigurinen? Hat man es hier mit einem Archetypus des steinzeitlichen Frauenbildes zu tun - quasi mit der Ur-Eva? Fragen über Fragen, auf die die Forscher im Grund genommen keine genauen Antworten liefern können, denn - so stellt es zumindest Nicolas Conrad klar - „Ich war nicht da vor 40.000 Jahren, und unter dem Strich habe ich keine Ahnung“. Dennoch muss die Frage nach dem Zweck gestellt werden. Warum setzt sich ein Steinzeit-Michelangelo (oder wie Emma vermutet eine Steinzeit-Niki de Saint Phalle) hin und schnitzt in einer Zeit, in der die Menschheit eigentlich mit dem Überleben in der Eiszeit genug zu tun gehabt hätte, ein solches Kunstwerk? Die Spekulationen über die Beweggründe schießen ins Kraut.
Waren die drallen, aus unserer heutigen Perspektive obszönen, beinahe pornografischen, Frauenstatuen im Taschenformat Fruchtbarkeitsidol oder Gebrauchsporno? Waren sie etwa das steinzeitliche Pendant zu Playboy oder dem Beate Uhse-Katalog für die Männer, die in den eiszeitlichen Steppen auf Jagd gingen? Oder sollten die Figuren Schwangere beschützen? Waren sie ein Abbild der großen Göttin? Oder waren sie nur ein Abbild einer korpulenten Clan-Chefin, deren Statur festgehalten wurde, damit sich der Clan mit ihr als eine Art Status-Symbol schmücken konnte?
Es gilt hier der alte Spruch: „10 Wissenschaftler – 13 Meinungen.“

 

Venus vom Hohle Fels = Kunsturknall in der Schwäbischen Alb?

Doch bei all diesen Spekulationen wird beinahe übersehen, dass die Venus den Beginn der menschlichen Kunst markiert. Vor beinahe 40.000 Jahren begannen auf der Schwäbischen Alb Menschen detailgetreue Figuren zu schnitzen. In den Höhlen Hohler Fels, Vogelherd, Hohlenstein-Stadel und Geissenklösterle wurden in den letzten Jahren Miniatur-Löwen, -Mammuts, -Pferde und zwei aufwendig geschnitzte Löwenmenschen wieder ans Tageslicht befördert. Auch die ältesten Musikinstrumente – zwei Knochenflöten – stammen aus dieser Zeit, die Forscher als „Human Revolution“ bezeichnen. Gab es einen Kunst-Urknall in Schwaben? Dies deckt sich nicht mit der bisherigen Lehrmeinung – einer schrittweisen Entwicklung der Kunst. Wurde die Kunstfertigkeit von Schwaben aus exportiert? Erstaunlich kunstfertig waren die Schnitzer und forsch genug, sich gleich an die Königsdisziplin, an das menschliche Abbild, zu wagen.

 

Venusfigurinen als Beleg dafür, dass die Menschen schon vor 30.000 bis 40.000 Jahren die Kunstfertigkeit des Webens beherrschten?

Und noch etwas konnten die Forscher bei wiederholter Betrachtung in den letzten Jahren feststellen: Im Gegensatz zu früheren Ausführungen, die die Figuren alle als nackt beschrieben, werden mittlerweile feine Linien und Muster als Andeutung von Kleidung gedeutet: mal ein Gürtel, dann ein Rock oder Tuch. Das aber würde bedeuten, dass noch ein althergebrachtes Bild des Steinzeitmenschen über den Haufen zu werfen wäre: der bloß in Fell gekleidete Jäger und Sammler. Denn wenn vor 35.000 Jahren bereits die Kultur des Webens und Fädenmachens bekannt gewesen wäre, würde das eine zweite Kulturrevolution nahelegen. Die Kleidermode der Steinzeit ist dabei uninteressant, aber aus Fäden ließen sich Fäden und Seile herstellen. Damit könnten Mütter die Kinder auf den Rücken binden, damit sie ihre Arbeiten erledigen oder auch längere Strecken zurücklegen können. Außerdem ließen sich mit Seilen Baumstämme schnell zu Flößen zusammenfügen oder Netze knüpfen, mit denen sich nicht nur Fische sondern auch Kleintiere wie Hasen oder Vögel fangen ließen. Das würde einen gewaltigen Kulturfortschritt bedeuten, denn die Menschen wären leichter an frisches Fleisch gelangt und konnten sich den Luxus leisten, auf Aas zu verzichten. Möglicherweise muss damit auch der Mythos des sich mit dem Speer todesmutig auf Mammut und Höhlenbär stürzende Steinzeitjäger beerdigt werden.

All das erzählen die Venusfigurinen selbst nach Jahrtausenden – die Wissenschaftler müssen nur ganz genau hinsehen und dürfen sich nicht zu sehr von den überdimensionierten Geschlechtsmerkmalen ablenken lassen.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Sonntag, 19. Februar 2012 um 14:56 Uhr )
 

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