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Hatte der moderne Mensch die Neandertaler einfach zum Fressen gern?

Hatte der moderne Mensch die Neandertaler einfach zum Fressen gern? (Wordle)Haben wir oder haben wir nicht? Wissenschaftler diskutieren dieses Phänomen schon seit langem. Hatte der moderne Mensch womöglich seinen Cousin, den Neandertaler, mit auf dem Speiseplan?

Warum verschwand der Neandertaler ausgerechnet in der Zeit, in der der moderne Mensch nach Europa kam? Gibt es da womöglich einen Zusammenhang? Wurde der Neandertaler von Homo sapiens sapiens verdrängt? Reichten die Ressourcen für beide Menschengattungen nicht aus? Machten die neuen Menschen, die aus Afrika kamen, sogar Jagd auf den Neandertaler? Fragen über Fragen …

Zwei relativ neu gefundene Spuren gießen Öl in dieses Feuer der wissenschaftliche Debatte.

Grotte el Sidrón (Spanien)

Der eine Fund liegt im Hochland von Spanien – genauer in der Grotte el Sidrón im Hochland von Asturien. Dort stießen Freizeitforscher auf zwei Unterkieferknochen. Zunächst dachten sie, dass die Knochen von Opfern des spanischen Bürgerkriegs stammen und holten die Polizei. Diese gräbt erst einmal 140 Knochen aus und schickt sie zur Untersuchung ins gerichtsmedizinische Institut von Madrid. Die Analyse ergibt, dass die vermeintlichen Bürgerkriegsopfer einen kleinen Tick älter sind. Es handelt sich dabei um die versteinerten Überreste einer Gruppe von Neandertalern, die vor 43.000 Jahren in der Höhle el Sidrón lebten. Bei der Analyse durch die Wissenschaftler rund um Antonio Rosas (vom Staatlichen Naturkundemuseum Madrid) gelang es, die Überreste von 9 Neandertalern zu identifizieren: fünf junge Erwachsene, zwei Jugendliche, ein etwa achtjähriges und ein dreijähriges Kind. Doch eine Vermutung konnte ebenso bestätigt werden: Diese Frühmenschen starben möglicherweise eines gewaltsamen Todes. Die Spuren an den Knochen sind ziemlich verräterisch. So entdeckte Rosas einen Oberarmknochen mit unregelmäßig gezackten Rändern. Dieses Verletzungsbild ist typisch, wenn jemand versucht, mit einem Faustkeil an das Knochenmark zu kommen. Weitere Schnittkerben belegen, dass hier Menschen am Werk waren.

Doch warum aßen Menschen Menschen? Aus Hunger oder gab es einen nicht bekannten Kult?

Höhle Les Rois (Frankreich)

Die spanischen Funde sind kein Einzelfall. Auch in einer Höhle in Frankreich stießen Forscher auf eindeutige Spuren. In der Höhle Les Rois (nahe Mouthier-sur-Boëme gelegen) stieß man ebenfalls auf menschliche Überreste, die man auf ein Alter von 28.000 bis 30.000 Jahre datierte. Man schrieb sie allerdings zunächst dem Homo sapiens sapiens zu. Doch der Pariser Anthropologe Fernando Rozzi vom Centre National de la Recherche Scientifique in Paris fand zwischen den menschlichen Fossilien den Unterkieferknochen eines Kindes, der aufgrund seiner Merkmale einem Neandertaler zugeordnet werden musste. Bei genau diesem Unterkiefer waren die Zähne herausgebrochen. Außerdem wies er typische Schnittspuren auf, wie sie entstehen, wenn mit Werkzeugen aus Feuerstein Fleisch vom Knochen getrennt wird.
Für die Forscher sind drei Szenarien denkbar:

  1. Das Neandertaler-Kind war für die Menschen einfach eine Mahlzeit. Eventuell wurde der Schädel als eine Art Trophäe aufbewahrt.
  2. Das Kind ging aus einer Beziehung eines modernen Menschen mit einem Neandertaler hervor und weist deswegen die Merkmale beider Spezies auf.
    Trotz Erbgutanalysen von Mensch und Neandertaler ist sich die Wissenschaft immer noch unschlüssig, ob der moderne Mensch und der Neandertaler sexuelle Kontakte pflegten.
  3. In der Gruppe der modernen Menschen gab es eine große Bandbreite der Erscheinungsform, sodass auch recht primitive äußere Merkmale nicht unüblich waren.

Auch wenn es uns nicht passt, Fernando Rozzi hält die blutigste dieser Thesen für die wahrscheinlichste. Doch einige seiner Kollegen wie z. B. Francesco d'Errico widersprechen vehement. Schließlich seien ein paar Schnittspuren noch lange kein handfester Beweis für Kannibalismus zwischen modernem Mensch und Neandertaler. Immerhin ist auch denkbar, dass die nach Europa eingewanderten Steinzeit-Menschen den Neandertaler-Unterkieferknochen fanden und aus seinen Zähnen eine Kette machten. Auch könnte die Entbeinung eines Toten eine rituelle Handlung und fester Bestandteil einer Begräbniszeremonie gewesen sein.

Doch zunächst belegt der französische Fund, dass Mensch und Neandertaler auf engstem Raum zur gleichen Zeit in Europa lebten. Auch wenn die Neandertaler-Population in ihrer Blütezeit wahrscheinlich nie mehr als 15.000 Individuen aufwies, könnten sich unsere Vorfahren und unser menschlicher Cousin begegnet sein. Und diese Begegnungen müssen nicht immer friedlich ausgegangen sein, da beide Spezies in einer beschwerlichen Epoche Nahrungskonkurrenten waren. Doch Ralf Schmitz vom Landesmuseum Bonn gibt zu Bedenken, dass die Jagd auf Neandertaler ziemlich gefährlich gewesen sein muss und deswegen auch in der damaligen Zeit bestimmt nicht alltäglich gewesen sein konnte, denn wenn „[…] man ein Rentier erlegt hat, zündet einem dessen Herde hinterher wenigstens nicht die Hütte an.“

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Donnerstag, 16. Februar 2012 um 21:10 Uhr )
 

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