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Am Puls der Zeit?

Am Puls der Zeit (Wordle)Wie schnell wird aus einer unbedachten Äußerung eines Politikers oder eines Stars ein kleiner, aber handfester Skandal? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Forschungsgruppe rund um John Kleinberg von der Cornell University in Inthaca (US-Bundesstaat New York/Vereinigte Staaten). Dabei markierten die Forscher markante Zitate in News und konnten so den Newslebenszyklus nachverfolgen.

Beispielsweise die Berichterstattung rund um den Ausspruch von US Präsident Barack Obama „Man kann Lippenstift auf ein Schwein malen, und es ist immer noch ein Schwein“. Eigentlich bezog sich Obama dabei auf die wirtschaftspolitischen Ambitionen seines Herausforderers John McCain. Die Republikaner warfen ihm aber bald darauf vor, Vizepräsidentschaftskandidaten Sarah Palin damit beleidigt zu haben.

Page-Rank-Guru auf Nachrichtenfang

Für ihre Untersuchung werteten die Forscher in einem Zeitraum von 3 Monaten gigantische Datenmengen aus: 1,6 Millionen Online Nachrichtenseiten, darunter 20.000 Websites etablierte Nachrichtenmagazine und Blogs. In den 3 Monaten kamen so 90 Millionen News-Items zusammen, die verfolgt werden mussten.
Dadurch, dass die Verlage größtenteils dazu übergegangen sind, ihre Nachrichten auch online zu veröffentlichen, ließ sich etwas quantitativ empirisch überprüfen, was früher nicht möglich war. Nun gab es die Möglichkeiten, das „Ökosystem Nachrichten“ zu erforschen. Kleinberg kennt sich im übrigen hervorragend im Internet aus. Er war früher maßgeblich an der Entwicklung des Page Rank-Algorithmus’ beteiligt. Doch trotz aller Entwicklungen im Hinblick auf das semantische Web, tun sich Computer oder Algorithmen immer noch schwer damit, das eigentliche Thema eines Artikels zu identifizieren. Kleinberg umging dieses Problem auf elegante Art und Weise. Er wich auf markante Zitate aus, die sich im Laufe der Zeit entweder gar nicht oder nur marginal verändern. Und dieser Schachzug reichte aus, um nach verfolgen zu können, wie Nachrichten entstehen und wie Blogs und etablierte Medien zusammenspielen.

Drei, zwei, eins … meins: Wer ist Erster?

Die erste Erkenntnis ist, dass etablierte Medien schneller als Blogs sind. Nur 3,5 % der Nachrichten tauchten zunächst in Blogs auf. Unter den Mainstream-Medien verbreiten sich Nachrichten allerdings sehr langsam. Sie erreichen einen kurzen Höhepunkt und sind bald darauf schon passé.
Blogs ticken anders. Sie haben eine Art von Herzschlag. Rund drei Stunden bevor eine Nachricht in den etablierten Medien ihren Höhepunkt erreicht, wird sie verstärkt von Blogs aufgegriffen. Ist sie in den Mainstream-Medien Diskussion-Schwerpunkt, so findet sie zunächst auf den Blogs doch relativ wenig Beachtung. Erst mit deutlicher Verzögerung steigt die Kurve der Nennungen in den Blogs wieder (nämlich dann, wenn die Nachricht in den Mainstream-Medien schon wieder fast durch ist) und landet auf einem Niveau, das höher als zuvor liegt. In den Blogs toben Diskussionen lang und heftig während sich in den Mainstream-Medien schon wieder keiner mehr dafür interessiert.
Als tragende Muster konnte Kleinberg in den etablierten Medien das Zusammenspiel der Nachrichtenwerte „Aktualität“ und „Imitation“ identifizieren. Eine aktuelle Geschichte, die von der Konkurrenz aufgegriffen wird, lässt andere Medien hellhörig werden und diese Meldung ebenfalls verbreiten. Doch viele Nachrichten sind eh so groß, dass sie sofort auf allen Kanälen laufen.

News-Lebenzyklus

Newszyklus von klassischen Medien und Blogs.
Die untere Grafik zeigt wie mit Hilfe von Aktualität und Imitation das Nachrichtenverhalten ziemlich exakt vorhergesagt werden konnte.

Der Datenschatz von Kleinberg offenbart interessante Details.

  • Das schnellste Medium ist „Hotair.com“. Dort kann man 26,5 Stunden vor der stärksten Verbreitung bereits eine Nachricht lesen. Allerdings fehlt den Machern oftmals der richtige Riecher. Nur 42 von 100 Topmeldungen schafften es auf Hotair.com.
  • Das beste Verhältnis zwischen Schnelligkeit und Treffsicherheit weist der kleine Newsdienst „Breitbart“ auf. 89 % der Top-News waren dort 16 Stunden vor ihrer stärksten Verbreitung zu lesen.
  • Ebenfalls weit vorn landeten lokale Medien wie die „Star Tribune“ aus Minnesota. Der Onlineableger hatte einen Zeitvorsprung von 14 Stunden und eine Treffsicherheit von 93 %.
  • Eine Blogg-Angebot – nämlich die Huffington Post – schaffte mit 18 Stunden und 73 %  den Sprung in die Top-Liga der Medienangebote.
  • Trotz ihrer Größe bringt es die Washington Post gerade einmal auf 10,8 Stunden Vorsprung mit einer Trefferquote von 78 %, dicht gefolgt von CNN mit 11 Stunden und 72 %.
  • Vor Nachrichtenagenturen wie Reuters sieht es gar nicht gut aus. Reuters kommt auf einen Zeitvorsprung von 11 Stunden allerdings lediglich mit einer Trefferquote von 32 %.


Eine weitere erstaunliche Erkenntnis ist, dass Langsamkeit nicht mit größerer Treffsicherheit einher geht. Hier bieten vor allem die britischen Medien ein trauriges Bild.

  • Time-Magazin: 7 Stunden Zeitvorsprung, 43 % Treffsicherheit
  • Daily Telegraph: 5 Stunden Zeitvorsprung, 41 % Treffsicherheit
  • BBC: 5 Stunden Zeitvorsprung, 46 % Treffsicherheit

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Donnerstag, 16. Februar 2012 um 20:55 Uhr )
 

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