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Aufreger der Woche: Das Computerspiel „1378 (km)“

Aufreger der Woche: Das Computerspiel Autsch! Das ging (leider) nach hinten los. Mit einem Serious Game über die innerdeutsche Grenze wollte der Student Jens Stober und mit ihm die Karlsruher Hochschule für Gestaltung anlässlich des 20. Jahrestages der Deutschen Einheit auf die dramatischen Szenen, die sich an der Mauer abgespielt haben, aufmerksam machen. „Gegen das Vergessen“ könnte auch ein Untertitel des Projektes lauten. Problematisch an der Sache ist, dass „1379 (km)“ auf Half Life 2 basiert und somit ein klassischer Ego-Shooter ist.

Der Spieler kann zwischen der Perspektive eines DDR-Grenzsoldaten oder eines Republikflüchtlings wählen. Das finden einige makaber und so schlug die Ankündigung der Veröffentlichung hohe Wogen. Die Schlagzeilen reichten von „Die Mauer als Ballerspiel“ (B. Z.) bis hin zu „So widerwärtig! Die Morde am Todesstreifen als Online-Spiel“ (BILD). Letztlich knickte die Hochschule vor soviel negativer Presse ein. Das Freischalten des kostenlosen Downloads wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.
Schade eigentlich! Denn das Spiel beschönigt nichts und zeigt die volle Brutalität des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze. Man kann sich Tausende Bilder ansehen, Hunderte Texte durchlesen und wird doch nie ein wirkliches Gefühl dafür bekommen. Vor allem die junge Generation, die die DDR nicht mehr selbst erlebt hat, könnte so aus ihrer Gleichgültigkeit gerissen werden. Immerhin wird es 1378 (km) problemlos schaffen, sich mit dem Thema intensiv auseinander zu setzen.

Hier gibt's mit dem Trailer einen Einblick in die Szenerie.

Trailer des Spiels 1378 km (derzeit noch auf Youtube zu finden)

Ein Ego-Shooter bleibt nun mal ein Ego-Shooter. Am Spielprinzip lässt sich nicht rütteln. Es macht meiner Meinung nach keinen Sinn - um es überspitzt zu formulieren - innerhalb des Todesstreifens Schäfchen zu hüten bzw. das antifaschistische Bollwerk per buntem Jump 'n' Run-Spiel zu überwinden. Das Spielkonzept von „1378 (km)“ ist für die Thematik schlüssig: An mehreren unterschiedlichen, detailgetreu auf Basis von Satellitenbildern nachgebildeten Grenzabschnitten muss sich der Spieler entscheiden, ob er schießt oder verhaftet oder ob er flüchtet oder sich ergibt. Bei der Flucht müssen Sperrzäune, Panzersperranlagen und Selbstschussanlagen überwunden werden. Die Grenzer sollen die Flüchtlinge  aufhalten – mit oder ohne Waffengewalt. Dabei steht es ihnen frei, selber zu fliehen und ihre Spielkollegen in einen moralischen Zwiespalt zu stürzen.
Was fast alle Presseberichte verschweigen, es geht hier nicht darum, die meisten Republik-Flüchtlinge „abzuknallen“. Denn in der Spielmechanik sind moralische Komponenten verankert. Dazu kann man folgendes auf der Spielhomepage nachlesen:

„In detailliert nachgebauten und originalgetreuen Szenarien kann die dramatische Situation erlebbar werden. Durch ein Punktesystem werden die politisch-sozialen Aspekte berücksichtigt. Gibt es zu viele Tote an der Grenze, steigt der politische Druck auf die DDR und es wirkt sich negativ auf das Punktekonto der Grenzsoldaten aus.
Der Grenzsoldat wird nach erfolgreichem Dienst an der Grenze in das Jahr 2000 teleportiert und muss sich vor Gericht in einem Mauerschützenprozess verantworten.
Im Fall der Verhaftung kommt der Republikflüchtling in ein Gefängnis. Der Spieler ist mit dem Dilemma schießen oder verhaften konfrontiert. Durch die persönliche Identifikation als Republikflüchtling oder Grenzsoldat und das intensive Kennenlernen der Grenzorte soll auf neue Art und Weise das Interesse zur Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte hervorgerufen werden.“

An und für sich eine gute Idee und mich würde ernsthaft interessieren, wer am Ende mehr gelernt hat: Der Spieler von 1378 km oder der Besucher einer Gedenkstätte wie dem Grenzlandmuseum Eichsfeld?

Die ganze Diskussion erinnert mich auch sehr stark an die Diskussionen rund um die neueste Version von Medal of Honor. Dort kann der Spieler ja auch die Perspektive eines Talibans einnehmen, worauf die US-Army das Spiel nicht mehr auf dem Gelände ihrer Armee-Basen verkauft. Sicherlich, wenn man die Idee von Jens Stober weiterspinnt, ist es nicht mehr allzu weit bis zum KZ-Ego-Shooter. Obwohl es so etwas ähnliches in den 1980er Jahren auch schon einmal gab.
Bevor sich die Moralisten über dieses Spiel aufregen, sollten sie sich auf andere gesellschaftspolitische Fragen stürzen: Ab wann ist ein Ego-Shooter „politisch korrekt“? Kann sich ein Spieleentwickler auch auf die Kunstfreiheit berufen? Oder noch besser: Warum dürfen echte Handfeuerwaffen zu Hause aufbewahrt werden? Wozu gibt es Schützenvereine? Warum ist Deutschland einer der größten Rüstungsexporteure?

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Mittwoch, 15. Februar 2012 um 22:22 Uhr )
 

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