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Catal Hüyük: In Second Life wurde die erste Stadt der Welt rekonstruiert

Catal Hüyük: In Second Life wurde die erste Stadt der Welt rekonstruiert (Wordle)Selten war Archäologie so real und plastisch. Man könnte meinen es wäre erst gestern. Die Stadt in der die ersten domestizierten Schweine grunzen und Menschen leben, wirkt so bekannt und ist uns doch so fern, denn sie wurde vor 9000 Jahren errichtet. Demgemäß tragen die Bewohner auch die „Haute Couture“ der Steinzeit.

Die Stadt Catal Hüyük (oftmals auch als Catal Höyük geschrieben) ist die älteste bekannte Stadt der Menschheitsgeschichte. Sie wurde um 9000 vor Christus in der Türkei – genauer auf der anatolischen Hochebene – erbaut. Heute liegen die Überreste ca. 40 Kilometer südöstlich der Stadt Konya. Rund 1000 Jahre lebten Menschen in Catal Hüyük bis sie die Metropole aus unbekannten Gründen verließen und die Ruinen in Vergessenheit gerieten. Doch sie wurden aus dem Dornröschenschlaf erweckt und buchstäblich hinüberkatapultiert in die neue virtuelle Welt.

Digitaler Nachbau bis ins kleinste Detail

Denn Medienwissenschaftler und Archäologen von der University of California in Berkley (USA) machten gemeinsame Sache und so erweckten sie die Steinzeit-Stadt in Second-Life wieder zum Leben. Damit sind sie Pioniere und begründen möglicherweise einen neuen Forschungszweig der experimentellen Archäologie. Die rekonstruierten Details faszinieren. Irgendwo in der Stadt ist ein Feuer ausgebrochen. Es frisst sich durch die Häuser. Man hört es knistern und könnte meinen, man riecht den Rauch oder die Ausdünstung einer kleinen Schafherde. Diese Details hauchen den Bits und Bytes Leben ein, lassen mitfühlen und mit erleben. Bislang vermochte dies noch kein Projekt – auch nicht die CyArk-Datenbank, wo im millimetergenauen 3D-Verfahren die Oberflächen von vielen Weltkulturerbestätten abgetastet wurden und nun aus allen Herren Ländern auf der Website betrachtet werden können. Doch den Monumenten fehlt etwas Entscheidendes: Leben.

Auch nach Catal Hüyük kann jeder kommen und das steinzeitliche Leben am eigenen Avatar nachvollziehen. Man braucht dafür kein Flugticket. Ein Internetzugang und ein Second-Life-Benutzerkonto reichen aus. Einen Unterschied zum Original gibt es allerdings. Die digitale Stadt liegt nicht auf einer Hochebene sondern auf Okapi Island. Dieser Name ist eine Homage an das „Open Knowledge and the Public Interest“-Programm, das das virtuelle Grundstück in der Computersimulation kaufte und dafür auch künftig 1800 Dollar pro Jahr berappen muss.

Steinzeit meets Education

Das nachgebaute Catal Höyük ist mittlerweile auch eine Art von öffentlichem Hörsaal. Alle Interessierte sind jeden Mittwoch von 20 bis 21 Uhr eingeladen, an einer Frage-und-Antwort-Stunde teilzunehmen. Selbstverständlich können die Spieler aber auch selber forschen und die Zeichen, die die ersten Siedler hinterließen, selbst erforschen. Dafür bietet sich der Sandkasten (= Sandbox) von Okapi Island an. Er ist Labor, Testumgebung und Ausstellungsraum.

So haben Design-Studenten die Kleidung und die Einrichtung anhand tatsächlicher Funde aus der Stadt designt. So finden sich Götterstatuen, ein Kochtopf aus Stein oder ein Leopardenschrein.

Im Ausgrabungszelt erläutern die Archäologen mit Fotos und Videos ihren realen Arbeitsalltag und stellen ihn ebenso auf einer interaktiven Grabungsfläche nach. Von 1997 bis 2003 gruben einige der beteiligten Forscher direkt vor Ort in der Türkei. Allerdings konzentrierte man sich zunächst auf das Freilegen eines einzelnen Hauses. Es wurde Gebäude Nummer 3 getauft. Die Forscher bauten es auch damals nach – allerdings nicht virtuell, sondern real zum Anfassen.

Gebäude Nummer 3 war typisch für das Stadtbild. Es handelte sich um einen fenster- und türlosen Kasten. Die Ausgräber testeten an der Rekonstruktion beispielsweise, wie man am besten durch die Dachluke ein- und aussteigen konnte. Dank der nachgewiesenen weißen Wandfarbe waren die Räume trotz fehlender Fenster relativ hell. Außerdem probierten die Archäologen verschiedene Varianten des Baus einer Feuerstelle aus, mit dem Ziel, dass der Rauch möglichst schnell und gerade durch die Dachluke abziehen konnte. All diese wissenschaftlichen Erkenntnisse flossen auch in das Second Life Catal Höyük ein.

Eine Sightsseing-Tour durch das virtuelle Catal Höyük ist anstrengend aber lohnt sich

Wer sich in der Cyberstadt selbst umsehen möchte, braucht neben flinken Fingern zur Bedienung des Second Life Interfaces auch einen guten Orientierungssinn. Straßen in unserem Sinne gibt es nicht. Die Häuser wirken fast zufällig zusammengewürfelt. Oftmals sind sie Wand an Wand gebaut. Die Bewohner der neolithischen Stadt gelangten über die Dächer von einem Gebäude zum nächsten. Nagte der Zahn der Zeit zu stark an einem Gebäude, wurde das durch den Einsturz entstandene Loch mit Schutt aufgefüllt und darauf direkt ein neues Wohnhaus errichtet. So entstand der Hügel von Catal Höyük, der bis zu 18 Häuserschichten umfasst. Und genau durch dieses Labyrinth aus Würfeln muss sich der Avatar kämpfen. Leiter rauf klettern, Dach queren, Leiter runter und so weiter bis zum Ziel.

Doch die Mühe lohnt sich. In vielen Häusern findet man liebevolle und detailreiche Rekonstruktionen der alten Einrichtung. Doch die Besucher der virtuellen Steinzeit-Stadt sind nicht nur eingeladen, durch die Ruinen zu spazieren, sondern auch konstruktive Kritik zu äußern, um so mit den Forschern in einen Dialog zu treten. Dies unterscheidet die Siedlung auf Okapi Island von anderen Rekonstruktionen in Second Life. So kann man im nachgebauten alten Rom zwar auch gegen Gladiatoren kämpfen oder ein Wagenrennen fahren, in Babylon Ochsen und Esel streicheln oder die Chinesische Mauer erkunden, doch so nah dran und mittendrin ist man nur in Catal Höyük. Die virtuelle Stadt ist ein geselliger Ort, an dem sogar Steinzeit-Partys gefeierten werden, zu denen auf Facebook eingeladen wird. Ein netter Anachronismus, den die digitale Welt und die Vernetzung des Cyberspaces mit sich bringt.


Wer mehr über Catal Hüyük erfahren möchte, dem sei neben der Second Life Version (erreichbar unter: SLurl.com) auch das OpenBook "Catal Höyük - Interpretationen am Scheideweg" von Gabriele Ulmann ans Herz gelegt.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Mittwoch, 15. Februar 2012 um 21:48 Uhr )
 

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