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Inside the Haiti Earthquake: News-Game über die Katastrophe

Inside the Haiti Earthquake: News-Game über die Katastrophe (Wordle) „Ich bin empört.“ ist der erste Kommentar zu einem Artikel der Zeit über ein Rollenspiel, das die Perspektiven von Helfern nach dem Erdbeben in Haiti im Januar 2010 einnimmt. Warum? Nur weil das News-Game versucht, den Menschen auf der anderen Seite des großen Deiches nahezubringen, welchen verzweifelten Kampf die Haitianer ums Überleben führen? Nur weil wir mittlerweile durch das Leid so weit abgestumpft sind, dass kein Fernseh- oder Zeitungsbericht uns emotional noch großartig erreichen kann?

Der Satz „Ich bin empört.“ würde passen, wenn der Kommentator gesagt hätte „Ich bin empört, dass sich die Weltgemeinschaft – allen voran die Industrienationen – davor drückt, Haiti beim Wiederaufbau zu helfen. Beispielsweise stellte die EU Haiti 2010 nur 332 Millionen Euro zur Verfügung – während Milliarden für die Rettung von Banken und zur Stabilisierung des Euros aufgrund von hirnloser Zockerei locker gemacht wurden. Auf einer Geberkonferenz sind von den Staaten 9,8 Milliarden Dollar im Verlauf mehrerer Jahre zugesagt worden. Deutschland allein hat bei der Rettung der Hypo-Real-Estate ein Vielfaches von heut auf morgen eingesetzt. Und da empört sich dieser Schreiberling über das Spiel. *Kopfschüttel*

Die Basis von Inside the Haiti Earthquake bildet Dokumentarfilm-Material

Doch zurück zu den Fakten des Spiels Inside the Haiti Earthquake.
Mehr als sechs Monate drehten Dokumentarfilmer für das Rote Kreuz in Haiti, um die dortige Aufbauarbeit zu dokumentieren. Als Zweitverwertung des Materials entstand das Newsgame – für die Macher ein Versuch, um mit Hilfe von Newsgames solche Katastrophen besser verstehen zu lernen.
Ist der virtuelle Einsatz im Katastrophengebiet beendet, erscheint auf dem Bildschirm „Du hast gelernt“. Die Spieler haben gelernt, wie Menschen nach solchen Unglücken unter widrigsten Bedingungen um ihre Existenz kämpfen müssen. Die Spieler haben gelernt, welche Rolle Verzweiflung, Chaos und Überforderung spielen. Inside the Haiti Earthquake kann durchaus als gelungenes Lernspiel bzw. Serious Game bezeichnet werden.

Inside the Haiti Earthquake kommt als Browser-Game daher und ist kostenlos. Spielziel ist das Erleben der Situation. Es gibt keine Punkte und am Ende auch keinen Gewinner.
Die Spieler wählen, in welcher Rolle sie die Zeit nach dem Beben erleben wollen. Zur Auswahl steht ein Journalist, ein Helfer oder ein Überlebender. Der Einstieg in das Spiel erfolgt sehr schnell. Direkt nach einem Video über die angerichteten Zerstörungen steht die Entscheidung nach der Rolle an. Sie bestimmt den Verlauf des Spiels. Auch sonst verzichtet das Spiel weitgehend auf Effekthascherei. Die Macher möchten die „nackten Tatsachen“ für sich sprechen lassen.
Das Spiel ist in ca. einer Dreiviertelstunde zu schaffen, selbst wenn man bei mancher Entscheidung länger überlegen muss oder ein paar englische Vokabeln nachzuschlagen sind.

Überlebe, Berichte, Rette Leben

Doch es geht auch nicht um Zeit. Es geht um Realitätsnähe.

Einige der gewählten Alternativen führen ins Leere, da sie auch vor Ort in Haiti unerfüllbare Wünsche wären. Versucht man beispielsweise als Überlebender beim US-Militär oder den Vereinten Nationen als Helfer anzuheuern, so bekommt man eine Abfuhr, da die nötigen Qualifikationen nicht vorhanden sind. Haiti war schon vor dem Erddbeben das Armenhaus der Welt. Die wenigsten Haitianer verfügen über eine solide Grundausbildung.

Der Spieler bekommt einen Eindruck, warum die internationale Hilfe selbst ein Jahr nach dem Beben noch immer chaotisch ist. Nur wer tatsächlich selbst vor Ort war, kann nachvollziehen, wie schwer es ist, Entscheidungen in solchen Situationen treffen zu können. Dennoch wird die Katastrophe durch das Spiel auch für Außenstehende greifbarer.
Die Bilder sind ehrlich und daher hart. Trotzdem wurde Wert darauf gelegt, dass sie nicht voyeuristisch daherkommen. Somit ist das Spiel zunächst grundsätzlich auch für Kinder geeignet. Es ist ein neuer Spielansatz, den Spieler auch die Ausweglosigkeit und Hilflosigkeit nacherleben zu lassen. Sollen Hilfsgüter sofort vor Ort verteilt werden? Oder wäre es besser, die UNO zu fragen, wo die Hilfe am nötigsten ist? Wer soll zuerst versorgt werden – Helfer oder Opfer? Soll man als Journalist weiterfilmen, wenn Menschen vor laufender Kamera zu Tode getrampelt werden oder soll man sich selbst in Gefahr bringen und versuchen zu helfen?
Das sind definitiv keine leichten Entscheidungen. Sie bringen die Realität viel näher als es je ein Bericht sein könnte. In dem Zeitartikel kommentiert auch ein Ausbilder des Technischen Hilfswerks. Er schreibt, dass er es sich durchaus vorstellen könnte, das Spiel bei der Ausbildung von Helfern einzusetzen, um sie besser darauf vorzubereiten, welche Entscheidungen auf sie im Katastrophenfall zukommen.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Dienstag, 14. Februar 2012 um 07:51 Uhr )
 

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