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Bauer sucht Frau in der Steinzeit: Keine Vermischung der eingewanderten ersten Bauern mit den ansässigen Jägern und Sammlern in Europa

Bauer sucht Frau in der Steinzeit: Keine Vermischung der eingewanderten ersten Bauern mit den ansässigen Jägern und Sammlern in Europa (Wordle) Wie kam die Landwirtschaft aus dem Nahen Osten nach Europa? Neue genetische Studien weisen darauf hin, dass es eine entsprechende Einwanderungswelle gab.
Die Sesshaftwerdung des Menschen begann im Nahen Osten. Dort begannen die Menschen gegen Ende der mittleren Steinzeit, das Nomadendasein und damit ihre Lebensweise als Jäger und Sammler aufzugeben. Statt umherzuziehen wurden sie sesshaft. Sie „erfanden“ Ackerbau und Viehzucht und traten damit eine Entwicklung los, an deren Ende ich heute vor einem Laptop sitze und diesen Text in die Tastatur hämmere. Diese Umwälzung vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter wird auch Neolithische Revolution genannt. Wie bereits erwähnt, begann sie im Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds im Nahen Osten und breitete sich von dort über ganz Europa aus.

Soweit sind sich alle Forscher einig. Danach gehen die Meinungen weit auseinander – getreu dem Motto: Drei Forscher, fünf Meinungen.
Der zentrale Diskussionspunkt ist die Frage: Wie kam Ackerbau und Viehzucht nach Europa? War es lediglich die Idee des sesshaften Lebens, die sich von Lagerfeuer zu Lagerfeuer ausbreitete? Oder brachten die Erfinder während einer Einwanderungswelle die Lebensweise selbst nach Europa?

Wie kamen Akcerbau und Viehzucht nach Europa: Import der Ideen oder Immigration der Fachkräfte?

In Frankfurt erforschte der Archäologe Jens Lüning die Bandkeramiker. Die nach ihren bandförmig verzierten Tongefäßen benannte Kultur war eine der ersten Bauernkulturen überhaupt. Lüning ist Anhänger der ersten Variante – also der Ausbreitung der Idee. Und er sieht seine These in der kulturellen Kontinuität der Bandkeramiker bestätigt. Die Feuerstein-Werkzeuge, die man an den Siedlungsplätzen der frühen Bauern fand, entsprechen 1 : 1 denjenigen, die seit mehr als 40.000 Jahren von den Jägern und Sammlern in Europa benutzt wurden. Für Lüning steht daher fest, dass die meisten bäuerlichen Bandkeramiker von den ursprünglichen Nomaden abstammten – auch wenn es möglicherweise einen kleinen Zuzug aus dem Nahen Osten gegeben haben könnte.

Doch die These des Ideen-Imports aus dem Nahen Osten bekommt erste Risse. Verantwortlich für die Erosion sind genetische Untersuchungen, wie sie zum Beispiel der Australier Alan Cooper und sein deutscher Kollege Wolfgang Haak vornahmen. Die beiden stellten einen Erbgut-Vergleich aus den Knochen von 21 Skeletten an. Diese waren vor mehr als 7000 Jahren auf einem Friedhof der Bandkeramiker bestattet worden. Das Ergebnis der Untersuchung ist laut Haak sehr eindeutig und lässt sich mit dem Satz zusammenfassen, dass die ersten europäischen Bauern Einwanderer waren. Es gelang den Forscher sogar, aus den Genen die potentielle Wanderroute abzulesen. Demnach stammten die Immigranten aus Anatolien und dem Nahen Osten. Sie wanderten dann über Südeuropa und das Karpatenbecken nach Mitteleuropa ein.

die ersten Bauern sind keine direkten Nachfahren der alteingesessenen Jäger und Sammler

Dieses Bild deckt sich mit Ergebnissen von Forschern aus Mainz (Deutschland). Barbara Bramanti und Joachim Burger untersuchten die DNS von 25 Bauern aus der Bandkeramiker-Kultur. Sie verglichen das extrahierte Erbgut mit dem von 20 Jägern und Sammlern. Das Resultat der Untersuchung war verblüffend: Auf genetischer Ebene hatten die beiden Gruppen nichts miteinander gemein - lediglich dass sie der Spezies Homo sapiens sapiens angehörten. Definitiv waren die untersuchten Bandkeramiker keine Nachkommen der ursprünglich jagenden und umherziehenden Bevölkerung. Die Schlussfolgerungen liegen auf der Hand: Es muss eine Einwanderung jungsteinzeitlicher Bauern nach Mitteleuropa gegeben haben – förmlich mit Sack und Pack, mit Familien und Tieren.

Für die Mainzer Wissenschaftler ist es kein Widerspruch, dass sowohl Jäger und Sammler als auch die Bauern und Viehzüchter über die gleichen Werkzeuge verfügten. Sie führen sie auf simplen Tausch zurück, was sich jetzt wahrscheinlich deutlich leichter schreiben lässt als es damals definitiv war. Zwischen der mitteleuropäischen Urbevölkerung und den Einwanderern aus dem Nahen Osten lagen 30.000 Jahre unterschiedliche Entwicklungen. Die beiden Gruppen sahen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit kein bisschen ähnlich und sie sprachen auch unterschiedliche Sprachen. 
Diese Barrieren dürften enge Kontakte und damit auch eine schnelle Vermischung der Gruppen deutlich erschwert haben. Weiterhin bevorzugten die beiden Fraktionen unterschiedliche Lebensräume. Die Jäger und Sammler mochten größere Seen und die Küsten. Die Bauern besiedelten dagegen vorzugsweise das Landesinnere mit den fruchtbaren Lössböden.
Doch trotz aller Verständigungsprobleme und Unterschiedlichkeiten gab es offenbar eine Art von Tauschhandel zwischen den Gruppen. Beispielsweise konnte in der hessischen Bandkeramiker-Siedlung von Wetterau Feuersteinerzeugnisse nachgewiesen werden, die ursprünglich aus den heutigen Niederlanden stammten. Zu dieser Zeit waren die Bauern aber definitiv noch nicht in dieses Gebiet eingewandert. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die als Nomaden umherziehenden Jäger und Sammler von ihren Wanderungen die Stücke mitbrachten und sie bei den Bauern gegen deren Erzeugnisse eintauschten.

Vermutlich dauerte es fast 1500 Jahre - die Skandinavier brauchten fast doppelt so lange -  bis die Gruppen schließlich anfingen, sich miteinander zu vermischen. Dies lässt sich aus den Daten von Burgers Untersuchungen ablesen. Erstaunlicherweise reicht jedoch die Vermischung der Jäger und Sammler mit den frühen Bauern nicht aus, um den mitochondrialen DNS-Pool der heutigen europäischen Bevölkerung zu erklären. Es gibt also noch eine dritte, bislang unbekannte Gruppe. Erst die Formel: regionale Variationen von Jägern & Sammlern plus regionale Variationen der frühen Bauern plus die Gene einer Gruppe X ergeben die mitochondriale DNS der heutigen Europäer.

Wer ist Mister X? Die Suche nach dem unbekannten Dritten

Dieser X-Faktor ist mysteriös. Und bislang gibt es nur Vermutungen, dass es eine zweite Immigrationswelle gegeben haben muss – lange nach der Einwanderung der neolithischen Bauern. Dann erfolgte eine Vermischung der Neuankömmlinge um Mister X mit den damaligen Europäern. Die Identität der Neuankömmlinge ist bislang unbekannt. Allerdings gibt es einen Verdacht. Es könnte sich um Angehörige der Jamnaja-Kultur gehandelt haben. Dies war eine Gruppe von Rindernomaden, die aus der Steppe rund um das Schwarze Meer stammten. Da über die Jamnaja-Kultur kaum etwas bekannt ist, bleibt es ein geheimnisvolles Volk. Die X-Akten über die Jamnaja bleiben daher offen.

 


Quellen:

Aktualisiert ( Montag, 13. Februar 2012 um 21:32 Uhr )
 

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