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Dank Genforschung: Nachwuchs im Stammbaum des Menschen

Dank Genforschung: Nachwuchs im Stammbaum des Menschen (Wordle) Unsere Familie hat Zuwachs bekommen. Welch freudiges Ereignis! Lasst uns feiern, dass der moderne Mensch kein Einzelkind der Evolution ist. Jetzt gibt es neben unserem menschlichen Cousin dem Neandertaler noch ein weiteres Familienmitglied. Dieser geheimnisvolle fremde Bruder siedelte vor 40.000 Jahre in Ostasien. Genforschern aus Leipzig gelang es, mit Hilfe eines klitzekleinen Knochenstücks das Erbgut dieses Vorfahren zu entschlüsseln.

Aus einem winzig-kleinen versteinerten Knöchelchen konnten die Forscher eine Messerspitze voll Knochenmehl gewinnen, das sie letztlich mit modernsten Mitteln und Methoden analysierten. Daraus konnten sie ein ganzes Kapitel der Menschheitsgeschichte neu schreiben, denn die Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (Deutschland) konnten einen unbekannten Menschentyp anhand der Moleküle nachweisen. Damit wurde die DNA-Sequenz einer dritten Menschenart entschlüsselt. Nach dem Genom des modernen Homo sapiens und des Neandertalers kennen wir nun einen weiteren Ahnen. Diesen unbekannten Dritten tauften die Wissenschaftler „Denisova-Mensch“.

Denisova-Mensch: Wer ist dieser unbekannte Ahne?

Bereits im Frühjahr 2010 war klar, dass man auf die Überreste einer neuen Menschenart gestoßen war. Viel ist es nicht, was bisher die Existenz dieses Hominiden belegt. Bislang gibt es nur ein Fingerknöchelchen, das in der sibirischen Dionysos-Höhle im Altai-Gebirge gefunden worden war. Auf russisch heißt die Höhle auch Denissow peschtschera, wovon sich der Name Denisova-Mensch ableitet. Der Fingerknochen gehörte wahrscheinlich einem Mädchen, das vor ca. 50.000 Jahren starb.
Nach der Entdeckung des Fundes meldeten die Leipziger Forscher sehr schnell Interesse an dem Fund an. Er passte genau in jenen Zeithorizont, für den sich die Anthropologen aus Leipzig interessierten: Jene Zeit, in der der moderne Mensch und der Neandertaler sich einen Lebensraum teilten.
Anfangs schien es eine Routineuntersuchung im Leipziger Reinraumlabor zu werden. Dem federführenden Wissenschaftler Johannes Krause ging es zunächst darum, anhand der DNA festzustellen, ob der kleine Knochen von einem modernen Mensch oder von einem Neandertaler stammte. Die Sensation allerdings war perfekt, als er sich die Ergebnisse anschaute und merkte, dass die DNA-Sequenz nicht mit dem übereinstimmte, was er kannte. Das Individuum war weder ein moderner Mensch noch ein Neandertaler. Folglich musste es sich um einen dritten Typ Mensch handeln, der mit Homo sapiens und Homo neanderthalensis um die Vorherrschaft in Eurasien konkurrierte.

Nachdem die ersten Entdeckungen im März die Sensation ans Licht brachten, bemühten sich die Forscher, mit der Entzifferung der gesamten DNA des Mister X aus dem Altai-Gebirge zu entziffern. Dazu mussten sie die drei Milliarden Buchstaben des Erbguts lesen. Ihnen kam dabei zu gute, dass es sich bei ihrem Untersuchungsgegenstand offensichtlich um einen „Wunderknochen“ handelte. Das gefundene steinzeitliche Erbgut war kaum verunreinigt. 70 Prozent aller im Knochenpulver aufgespürten Erbgutschnipsel stammen von dem Denisova-Mädchen. Ein so hoher Reinheitsgrad ist äußerst selten. Normalerweise besteht bei derart alten Proben 99 % des gefundenen Erbguts aus Verunreinigungen, die von Bakterien stammen. Nur auf Grund des besonderen Reinheitsgrades des Fundes reichte die gewonnene, winzige Menge Knochenstaub überhaupt aus, um daraus die vollständige DNA-Sequenz des Mädchens aus der Urzeit zu rekonstruieren.

Vermischung mit dem modernen Mensch - Nachfahren der Denisova-Menschen leben in Papua Neuguinea

Aus diesen Rekonstruktionen können durchaus detaillierte Rückschlüsse auf die so überraschend aufgetauchten Denisova-Menschen gezogen werden.
Ziemlich wahrscheinlich vor 300.000 Jahren trennte sich Linie der Denisova-Menschen von der Sippschaft ab, aus der später die Neandertaler hervorgingen. Die Neandertaler breiteten sich westwärts im eiszeitlichen Europa aus. Die Denisova-Menschen hingegen wanderten in Richtung Osten. Bislang ist nur einziger Fund in Sibirien diesem Menschentypus zugeordnet. Doch die Experten sind sich sicher, dass die Denisova-Menschen in großen Teilen Asiens auf die Jagd gegangen sein müssen. 
Für die Paläoanthropologen stellt sich eine ziemlich spannende Frage: Was passierte, wenn sich die verschiedenen Menschenarten trafen? Wie reagierten sie aufeinander? Gingen sie sich aus dem Weg? Oder sahen sie den Konkurrenten als Nahrungsquelle an und machten Jagd auf ihn? Gab es Berührungspunkte? Gab es sexuelle Kontakte, ja vielleicht sogar Frauenraub? All das sind Fragen, denen die Forscher auf den Grund gegangen sind, indem sie das Erbgut aus der Dionysos-Höhle mit dem heute lebender Menschen verglichen. Übereinstimmungen mit charakteristischen Merkmalen fanden sie weder bei Afrikanern, noch bei Europäern oder Chinesen. Allerdings einen Treffer fanden die Wissenschaftler dann doch. Bei den Einwohnern von Papua-Neuguinea entdeckten sie eindeutige Spuren einer Vermischung.
Die Forscher vermuten daher, dass sich irgendwo in Südostasien die beiden Menschenarten begegnet sein müssen. Als der moderne Mensch in dieser Gegend vor ca. 30.000 Jahren ankam, waren die Denisova-Stämme schon längst da. Beide Menschenarten konnten wahrscheinlich die Finger nicht voneinander lassen. Zwar nicht sehr oft, aber hin und wieder mussten sie miteinander Sex gehabt haben, aus dem Mischlinge hervorgingen.
Die modernen Menschen zogen später mitsamt der genetischen Mischung weiter südwärts. Sie besiedelten die pazifische Inselwelt. Ihre Nachfahren sind die heutigen Melanesier.

Die Leipziger Anthropologen starten nun eine Suche in russischen und chinesischen Sammlungen. Sie möchten nach weiteren Fossilien des Denisova-Menschen fanden. Gelingt das Vorhaben, könnte man dem menschlichen Vetter womöglich sogar ein Gesicht zuordnen. Zu seinem Aussehen können bislang keine Aussagen getroffen werden. Leider lässt sich die äußere Erscheinung nicht aus den DNA-Sequenzen ablesen.

Ein weiterer Fund wurde zusammen mit der Publikation des Denisova-Erbguts präsentiert: In einer anderen sibirischen Höhle wurde ein Backenzahn gefunden. Dessen Besitzer war mit dem Denisova-Mädchen relativ nah verwandt, wie eine Erbgut-Analyse bestätigte. Der Zahn unterscheidet sich jedoch enorm von den Zähnen aller anderen bekannten Menschenarten. Seine gewaltige Größe beeindruckt die Forscher. Sie gehen davon aus, dass er wohl einem Mann gehört haben musste. Sollte dem allerdings nicht so sein und der Zahn widererwartend einer Frau gehören, dann möchte man lieber nicht dem Mann begegnen. Das zumindest erklärt der Genforscher Svante Pääbo mit einem Augenzwinkern.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Samstag, 11. Februar 2012 um 13:52 Uhr )
 

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