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Lichte Nacht: Lichtverschmutzung löscht Dunkelheit aus und bringt Natur durcheinander

Lichte Nacht: Lichtverschmutzung löscht Dunkelheit aus und bringt Natur durcheinander (Wordle) Wer eine Nacht in der Wüste verbracht hat, der schwärmt davon: Von der absoluten Dunkelheit, die die Juwelen am Nachthimmel funkeln lässt. In vielen Regionen der Welt sieht man in der Nacht fast gar keine Sterne mehr. Grund dafür ist das zunehmende Kunstlicht, das auch nachts die Städte fast Tag hell erstrahlen lässt. Auf der Erde gibt es nur noch wenige Orte, wo nach Sonnenuntergang die totale Finsternis zu finden ist. Forscher sind jetzt auf der Suche nach den letzten dunklen Orten mit ihrer besonderen Magie.

Ein Kandidat für ihre Studien ist die Kanalinsel Sark. Touristisch warb das Eiland mit all dem, was es dort nicht gibt: keine Einkommenssteuerpflicht, keine Autos, keinen Asphalt und kein Straßenlicht. Besonders auf letzteres können die 600 Bewohner mittlerweile richtig stolz sein - die fehlenden Lampen. Hier kann die Flora und Fauna auch noch in der Nacht Natur sein.

Als erste Gemeinde weltweit trägt Sark jetzt den Titel „Dark-Sky-Community“. Diesen Status verleiht die International Dark Sky Association (Ida). Ihren Sitz hat die Organisation in Amerika und auf die Flaggen schrieben sich die Initiatoren nichts anderes als die Rettung eines mittlerweile vom Aussterben bedrohten Naturphänomens: die Nacht - dort, wo sie noch Nacht sein darf. Dunkel, mystisch, geheimnisvoll und mit Abermillionen funkelnden Sternen am Nachthimmel!
Viele Menschen heutzutage haben noch nie die erhabene Schönheit der Milchstraße gesehen. Die Venus ist mit ein wenig Glück auch in der beleuchteten Großstadt zu erkennen. Aber dort hat der Mensch die Finsternis nach Sonnenuntergang weitgehend vertrieben. Statt der Sterne leuchten  Straßenzüge, Gebäude und/oder Reklametafeln. Für dieses Phänomen der Dauerbestrahlung gibt es auch schon einen Namen: „Lichtmüll“. Die Folgen der ständigen Dauerbeleuchtung werden am Astrophysikalischen Institut in Potsdam zusammen mit den Leibnitz-Instituten und den beiden Berliner Universitäten Freie Universität und Technische Universität Berlin (Deutschland) erforscht. Das Projekt heißt treffenderweise „Verlust der Nacht“.

Sag mir wieviel Sternlein stehen ...

Lichtverschmutzung ist durchaus ein ernstes Umweltproblem. Darüber sind sich Fachleute wie Astronomen, Ingenieure, Ökologen, Soziologen und Mediziner einig. Die verursachten Problemen fangen an bei der Vernichtung von Kulturgut wie dem Wissen um die Gestirne, die Zerstörung von Ökosystemen, die Tötung von Tieren und hören beim Schaden der Gesundheit noch lange nicht auf.
Dass Dunkelheit zu den durchaus schützenswerten Gütern gehört, ist ein relativ junger Gedanke. Erst Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich das elektrische Licht – zunächst ausschließlich in den Städten. Fortan stand Dunkelheit für ländliche Rückständigkeit. Künstliches Licht dagegen wurde zum Lebensgefühl einer attraktiven, schillernden Großstadtkultur und damit zum Symbol für die Moderne. Es symbolisierte Fortschritt und Wohlstand. Heute bedarf es aufwendiger Kampagnen, damit die Nacht wieder Nacht und damit dunkel sein darf. Ein Kämpfer gegen den Lichtmüll ist die Dark Sky Association. Sie zeichnete neben der Insel Sark auch den ostungarischen Hortobágy-Nationalpark. Dieses Gebiet ist der dritte Sternenpark in Europa. Das Gebiet umfasst 10.000 Hektar. Vor dem Hortobágy-Nationalpark erhielten nur der Galloway Forest Park in Schottland in Großbritannien und der Zselic-Nationalpark in Ungarn den Titel Sternenpark. In Nordamerika bekamen zuvor schon einige Gebiete diesen Titel. Dafür müssen die Parkbetreiber belegbar nachweisen, dass sie sich für den Erhalt der Dunkelheit genauso engagieren wie sie sich um das Wohl der Flora und Fauna bemühen. Unumstößliches Kriterium ist die gute Erkennbarkeit der Milchstraße.

Als erster Anwärter in Deutschland will sich der brandenburgische Naturpark Westhavelland um den Dark-Sky-Titel bewerben. Weitere Titel-Chancen haben sowohl der Exmoor-Nationalpark in England als auch das Gebiet um das Pic-du-Midi-Observatorium in den Pyrenäen in Frankreich. All dies sind letzte Refugien für die Finsternis.
Für viele Tiere stellt der Lichtmüll eine tödliche Bedrohung dar. Vor allem Vögel lassen sich vom allgegenwärtigen Streulicht irritieren und prallen dann gegen hell illuminierte Hochhäuser. Bei einigen Singvogelarten konnte bereits ein verändertes Balz- und Sozialverhalten beobachtet werden. Das Licht animiert beispielsweise Männchen dazu, vermehrt fremdzugehen. Das konnten erst vor kurzem Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen nachweisen. Doch auch andere Tierarten sind von der Lichtverschmutzung betroffen. Fröschen vergeht bei zuviel Helligkeit die Lust aufs Balzen. Junge Meeresschildkröten schlagen nach dem Schlüpfen die falsche Richtung ein. Anstatt ins Meer zu laufen, orientieren sie sich am Licht der Straßen.
Da Algen in Gewässern auf Grund von verstärktem Lichteinfall vermehrt wachsen, bringen sie Ökosysteme gefährlich durcheinander. Doch auch Insekten sind betroffen. Geschätzte 150 Milliarden Mücken und Fliegen umkreisen bis zum Erschöpfungstod die Straßenlaternen. Dagegen wird die Vermehrungsrate von einigen Spinnen- und Fledermausarten angeregt. Für sie sind die desorientierten Insekten eine leichte Beute.

Taghell erleuchtete Nächte sind für Mensch und Natur ein Problem

Gut, jetzt werden viele Leute sagen: „Was interessiert mich das Schicksal der Vögel?  Schön dass es weniger Mücken gibt. Und ja … persönliches Pech für die kleinen Schildkröten. Hauptsache ich muss nicht um meine Sicherheit fürchten.“
Denn es ist immer wieder ein Argument der Stadtplaner und Ordnungshüter, dass Licht der Nacht mache den Kriminellen das Leben schwer. Doch der Zusammenhang mehr Licht gleich weniger Einbrüche oder Überfalle ließ sich statistisch bisher nicht eindeutig belegen. Und auch Autounfälle werden durch Straßenbeleuchtung nicht vermieden. Dies zeigt das Beispiel Belgien. Dort wurden bis vor wenigen Jahren die Autobahnen die ganze Nacht über taghell erleuchtet. Doch mittlerweile werden, um Energie zu sparen, die Lampen stundenweise ausgeschalten. Diese Maßnahme führte jedoch nicht zu einer Zunahme der Unfälle, weil offensichtlich die Menschen im Dunkeln vorsichtiger fahren.

Wenn das viele künstliche Licht in der Nacht nicht wirklich Vorteile bringt und der Natur schadet, gibt es etwa auch Nachteile oder Gefahren für den Menschen? Jetzt hegen Mediziner sogar den Verdacht, dass Lichtverschmutzung eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellt. Die ständige Helligkeit hemmt im Körper die Melatonin-Produktion. Dadurch reichern sich in den Zellen jedoch Moleküle an, die der DNS Schaden zufügen können. Die Folge hiervon wäre ein erhöhtes Krebsrisiko. Dieses konnten Forscher nicht nur bei Tier- und Zellstudien nachweisen sondern bereits auch bei Schichtarbeitern, die zwangsläufig auch nachts arbeiten müssen. Allerdings sagen diese Ergebnisse noch nichts über das Risiko für all jene Menschen aus, deren Nachtruhe vom Streulicht einer Straßenlaterne oder Reklametafel beeinträchtigt wird.
Kompromisse sind sicherlich nötig. Und selbst die schärfsten Befürworter der Finsternis fordern nicht, dass jede Straßenlampe abgeschaltet werden muss. Sie glauben, es könnte bereits viel gewonnen werden, wenn das abgestrahlte Licht nur noch nach unten abgeben wird und nicht den ganzen Himmel erstrahlen lässt.
Letztlich ist absolute Dunkelheit gewöhnungsbedürftig. Viele Besucher des schottischen Sternenparks können sich nur schwer mit völlig finstren Nächsten anfreunden. Der Parkchef Keith Muir berichtet, dass sich viele vor der vollkommenen Dunkelheit erschrecken.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Donnerstag, 09. Februar 2012 um 21:59 Uhr )
 

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