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Vorfahren der Briten tranken aus Schädelkelchen

Vorfahren der Briten tranken aus Schädelkelchen Dass sich ein menschlicher Schädel als Trinkkelch eignen kann, haben schon die frühen Menschen erkannt. Um ein solches Trinkgefäß herzustellen, entfernten sie die Haut, entnahmen das Gehirn und brachen die Kanten ab. Forscher haben nun in einer britischen Höhle derart bearbeitete menschliche Überreste entdeckt. Sie sind ca. 15.000 Jahre alt und Zeugnis von Ritualen, die auf uns „zivilisierte Menschen“ martialisch und schaurig wirken.

*Zwischenruf!* Kein Wunder also, dass eine solche Meldung die Nachrichtenwert-Theorie problemlos erfüllt und sich deswegen die deutschsprachige Presse landauf und landab auf die vermeintliche Sensation stürzte. Vorfahren der Europäer blutrünstige Bestien? Guhut! Das gibt Auflage! Auf sie mit Gebrüll! Doch ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht. Deswegen soll an dieser Stelle der Sachverhalt so neutral wie möglich dargestellt werden.*Zwischenruf Ende*

Bislang kannte man die Nutzung von Schädeln als Schalen lediglich von den Wikingern oder auch von den Langobarden. Diese brachten während eines Feldzuges einem Fluss ein Menschenopfer. Von Alboin, einem Langobarden-König, der im Jahre 572 eines unnatürlichen Todes durch Ermordung starb, ist folgende Erzählung überliefert: Angeblich hat Alboin den Vater seiner Gattin erschlagen und aus dessen Schädel ein Trinkgefäß anfertigen lassen.

Es gibt etliche Funde, die von solch furchbaren Ritualen zeugen. Nun veröffentlichte das Londoner Natural History eine Studie, die offenlegt, dass auch in England einst dieses schaurige Brauchtum ausgeübt wurde. Britische Steinzeit-Menschen nutzten Menschenschädel ebenso als Trinkkelche.
Dies kam durch einen Fund im Südwesten Englands ans Tageslicht. In der Grafschaft Somerset fand ein Team aus Paläoanthropologen um Silvia Bello rund 14.700 Jahre alte, menschliche Überreste in einer Schlucht. Es handelt sich um die Schädel von zwei Erwachsenen und einem ca. dreijährigen Kind. Die Spuren auf den Schädeln sind ziemlich offensichtlich.

Ur-Briten sehr geschickt bei der Herstellung der Schädelgefäße

Wie das Wissenschaftlerteam im Journal „Public Library of Science“ schreibt, sind die Ur-Briten sehr geschickt und sorgfältig vorgegangen. Zunächst mussten sie die Schädel gründlich säubern. Erst anschließend konnten sie beginnen, die Schädeldecke zu einem Trinkgefäß umzuarbeiten. Bedenkt man, welche Werkzeuge den Menschen dabei zur Verfügung standen, so muss dies eine sehr mühsame Arbeit gewesen sein.

Für uns heutige Menschen ist diese Vorstellung schon schlimm genug, doch die Forscher glauben, dass die Steinzeit-Briten während der Arbeiten auch Teile des Gehirns  aßen. Man darf das aber trotzdem nicht als reinen Kannibalismus sehen, betont Bello. Es war für die Menschen damals ganz normal, zu jagen und im Anschluss daran die Beute zu töten und zu essen. Nur so war ein Überleben überhaupt möglich gewesen. Für moralische Debatten war einfach nicht die Zeit.
Wäre es nämlich bei der Prozedur lediglich darum gegangen, an das Schädelinnere zu gelangen, so hätte es wesentlich einfachere Möglichkeiten gegeben. Man hätte den Schädel nur zertrümmern müssen. So aber war es ein sehr mühsames und sorgfältiges Vorgehen, was auf ein Ritual schließen lässt. Denn der Schädel sollte als ganzes Stück erhalten bleiben. Die Schnittspuren und Dellen weisen auf eine gewissenhafte Herstellung der Kelche hin. Dazu waren gute anatomische Grundkenntnisse notwendig. Denn zuerst mussten die Weichteile des Kopfes beseitigt werden. Als nächstes stand die Entfernung der Gesichtsknochen und der Schädelbasis an. Zuletzt wurden die Kanten Stück für Stück bearbeitet, um eine gewölbte Schale zu erhalten.

Die schauerlichen Trinkgefäße sind an einem geschichtsträchtigen Ort gefunden worden. Die Höhle Goghs liegt in der Nähe des Dorfes Cheddar und wurde bereits 1903 entdeckt. In der Höhle wurde beispielsweise auch der berühmte Cheddar Man gefunden. Er ist rund 10.000 Jahre alt und bekannt als Britanniens ältestes komplett erhaltenes Skelett. Die meisten der vielen Fossilien aus der Höhle Goughs lagern im Natural History Museum bzw. werden dort ausgestellt.

Ritueller Kannibalismus oder gezielte Menschenjagd?

Bereits 1987 wurden die drei Schädelkelche ausgegraben. Für Verblüffung sorgt, dass sie nachweislich aus einer Periode stammen, die zeitlich vor den meisten anderen Funden aus der Höhle liegt. Sie wurden auf ein Alter von 14.700 Jahren datiert. In dieser Periode gab es zwischen den Eiszeiten eine relativ kurze Zeitspanne, in der ein wärmeres Klima herrschte. Vermutlich gelang es den Völkern aus Südeuropa in nördlichere Breitengrade und damit in Gebiete, die bis dato unbewohnt waren, vorzustoßen.
Diese Menschen werden Cro-Magnon-Menschen genannt. Sie lebten als erste moderne Menschen in Europa. Es handelt sich um Jäger und Sammler, die als Nomaden umherzogen.

Verlauf der Küsten und Landmassen vor 15.000 Jahren

Verlauf der Küsten und Landmassen zwischen den Eiszeiten vor ca. 15.000 Jahren. Eingezeichnet sind außerdem die Siedlungsplätze der Cro-Magnon-Menschen.
(Bildquelle: Bello et al (in: plosone.org))

Die neuen Funde könnten belegen, dass sie ab und an auch Menschenfleisch aßen, wenn es eine Gelegenheit gab und/oder die Not es erforderte. Natürlich gehen in dieser Hinsicht die Fantasie-Pferde mit uns durch. Wir stellen uns vor, dass sie zum Beispiel ihre Feinde nach der Niederlage feierlich verspeisten. Vielleicht gehörte das ganze aber auch zu einer feierlichen Beerdigungszeremonie, die der Seele den Übertritt in die andere Welt ermöglichen sollte. Solche Formen des rituellen Kannibalismus sind noch von Völkern aus dem indo-pazifischen Raum überliefert, die erst im 20. Jahrhundert dem Verzehr von Menschenfleisch abschworen.

Die Funde zeigen jedoch, dass die Ur-Menschen sich gut mit Leichen auskannten. Möglicherweise wurde damals auch das Knochenmark mit verzehrt. Das wiederum lassen andere, frühere Funde - ebenfalls aus der Höhle Goughs - schließen.
Die letzte aller Fragen aber bleibt unbeantwortet: Was wurde aus den Schädeln getrunken? Hier können nur Vermutungen angestellt werden. Eine These besagt, dass es lediglich Wein war. Es könnte aber auch Blut gewesen sein. Einige Forscher sehen gar einen anderen Verwendungszweck. Die Schädel dienten nicht als Kelch sondern als Schüssel, in die bei besonderen Rituale Menschenfleisch gefüllt wurde.

So schaurig dies für uns alles klingt, Wissenschaflter kennen Schädelkelche auch von anderen Völkern und Kulturen. Beispielsweise existieren solche Gefäße in der tibetischen Kultur oder auf den Fidji-Inseln und in Indien. Allerdings sind die Schädel-Trinkgefäße aus Großbritannien die bisher ältesten ihrer Art.

 


Quellen:

Aktualisiert ( Donnerstag, 09. Februar 2012 um 21:16 Uhr )
 

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