Zufallskarte

Eisbär
Image Detail
Valid XHTML 1.0 Strict CSS ist valide!

Ozeanologie: Tsunami in der Nordsee unwahrscheinlich aber möglich

Ozeanologie: Tsunami in der Nordsee unwahrscheinlich aber möglich (Wordle) Ein Tsunami in der Nordsee? Laut den Aussagen unserer Politiker ein Unding. Das ein solches Unding bereits einmal vor 8000 Jahren meterhoch durch die Nordsee pflügte, dafür gibt es Beweise. Ausgelöst wurde der Tsunami damals durch eine Hangrutschung. Diese könnte wieder auftreten.

Irgendwie wirkt die Situation beinahe schon surreal. Zwischen Brokdorf und Brunsbüttel ist es still und friedlich. Auf dem Deich ist es so ruhig, dass man das Summen der Transformatoren des Atomkraftwerks hinten und das plätschern der Elbe vorn hören kann. Alles wirkt super. Alles toll! Die Atomkraft scheint gezähmt. Warum regen sich die Leute überhaupt auf? Die Ereignisse in Japan sind mehr als 8000 Kilometer entfernt. Deutschland ist sicher. Ganz sicher?! Im Moment erscheint die Vorstellung, dass ein Tsunami mit einer meterhohen Wasserwand auf die deutsche Bucht zusteuert, die Elbemündung hinaufbrandet und über den Hochwasserschutz der Kernkraftwerke hinwegspült, vollkommen aus der Luft gegriffen und einfach nur absurd.

Ein Tsunami in der Nordsee - unwahrscheinlich aber nicht unmöglich

Dieser Tage werden unsere Politiker nicht müde, stets zu betonen, dass es in Deutschland weder große Erdbeben noch Tsunamis geben kann. Dieser Unterschied zu Japan wird in allen Argumentationsketten gründlich herausgearbeitet – egal welcher Fraktion der Politiker letztlich angehört. Und dennoch beschleicht Viele ein leicht ungutes Gefühl – zumindest all jene, die Frank Schätzings Bestseller „Der Schwarm“ kennen.
In diesem Roman beschreibt Schätzing eine andere Vision. Vor der norwegischen Küste löst sich im Buch Methan-Eis vom Meeresgrund und destablisiert dadurch ein Stück des Kontinentalschelfs. Dieser kommt ins Rutschen und löst einen Tsunami aus, der halb Nordeuropa verwüstet. Zugegeben, Schätzing hat sich da eine spannende Katastrophengeschichte ausgedacht. Aber meinen Sie nicht auch, dass das schöne an fiktionalen Romanen ist, dass ein solcher Horror niemals geschehen kann, oder?

In diesem Tagen stehen Fachleute zu jedem Thema rund um Atomkraft, Erdbeben, Vulkane und Tsunamis eh Rede und Antwort. Da kann es ja nicht schaden, einmal nachzufragen und endgültige Sicherheit zu erlangen. Eine gute Adresse für derlei Fragen ist das Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel – allgemein bekannt als IFM-Geomar. Und der Fragesteller bekommt als Antwort auch genau das zu hören, was er hören wollte. Ja, Herr Schätzing hätte gut recherchiert und das was er da beschrieben hat, ist so schon mal passiert. Ah ja. Danke … Moment! Könnten wir da noch mal kurz zurückspulen? „Ist schon einmal passiert?“ Also doch Tsunami-Gefahr in der Nordsee?
Je nachdem wie man es nimmt. Tatsache ist, es gab dieses Ereignis in der Nordsee. Frank Schätzings künstlerische Freiheit bestand lediglich darin, das Abrutschen des Kontinentalschelfs von der Vergangenheit in die Gegenwart zu verlegen.

Submarine Hangrutschungen können Tsunamis auslösen

Sebastian Krastel-Gudegast ist Professor für Geodynamik. Er veröffentlichte jüngst und aus aktuellem Anlass den Aufsatz „Submarine Hangrutschungen. Eine (unterschätzte) Naturgefahr?“ Darin erfolgt die Beschreibung der Geschehnisse vor knapp 8000 Jahren. Am norwegischen Kontinentalrand kam unter Wasser ein Gebiet von der Größe Islands ins Rutschen. Insgesamt schlitterte den Hang 800 Meter weit hinunter. In Fachkreisen wird dieses Ereignis als „Storegga Rutschung“ bezeichnet. Sie wurde bereits intensiv untersucht. Man konnte durch Funde an Land belegen, dass der dadurch ausgelöste Tsunami eine zehn bis zwanzig Meter hohe Wellenwand auslöste. Sie suchte vor allem die norwegische Küste aber auch die Küste Britanniens sowie die Shetland Inseln heim. Nicht mehr eindeutig nachvollziehen lässt sich allerdings, ob die Riesenwelle auch die deutsche Küste erreichte. Diese war damals noch völlig anders geformt als heute. Geomar bemüht sich zwar, die Sorgen zu zerstreuen. Die Forscher verweisen allerdings noch auf eine andere Studie. Dort finden sich Aussagen zur statistischen Wahrscheinlichkeit. Demnach wird ein Viertel aller Tsunamis letztlich durch submarine Hangrutschungen ausgelöst.

Bislang sind sich die Wissenschaftler allerdings noch nicht einig, ob die Gashydrate, die auf dem norwegischen Kontinentalschelf liegen, abermals eine Unterwasserlawine und damit einen Tsunami auslösen könnten. Krastel gibt zu, dass die Diskussionen darüber sehr kontrovers verlaufen würden.
Seiner Meinung nach, sei die Gefahr, dass eine Monsterwelle aus dem Nordostatlantik auf die deutsche Küste treffen könnte, in der Tat sehr gering. Denn normalerweise haben wir die flache Nordsee vor unseren Toren und in der Regel laufen sich Tsunamis über flachen Meeren aus. Letztlich können die von den Hangrutschungen ausgelösten Riesenwellen zwar eine größere Höhe erreichen als die von Erdbeben verursachten Tsunamis, aber die Rutschung-Tsunamis sind sehr oft lokal begrenzt.

Ehrlicherweise muss man nun allerdings einräumen, dass es Tsunamis auch an der Nordseeküste geben kann. Ein minimales Restrisiko bleibt daher immer. Moment, das Argument kennen wir jetzt aber schon. Woher nur? Achja! "Atomkraft ist eine saubere Energiequelle mit einem minimalen Restrisiko ..." Statistisch tritt der atomare Ernstfall nur alle 100.000 Jahre auf. Und Gott sei Dank ... Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima waren ja erst. Da kann nix mehr passieren, oder? In diesem Sinne … Lachst du noch oder strahlst Du schon?

 


Quellen:

Aktualisiert ( Donnerstag, 02. Februar 2012 um 15:39 Uhr )
 

© H[AGE]: Langenwetzendorf (2008 - 2011)