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Was wir von Ratten lernen können : Nicht nur die Gene entscheiden - Über Fördern und Fordern sowie einen Stress-Schalter

Was wir von Ratten lernen können : Nicht nur die Gene entscheiden - Über Fördern und Fordern sowie einen Stress-Schalter (Wordle) Sind die Gene an allem schuld? Nein sagen Forscher. Auch die Umwelt und damit ebenso die Erziehung entscheidet letztlich mit darüber, welche Anlagen sich entfalten können. Doch dies ist keine Einbahnstraße. Letztlich hinterlässt die frühkindliche Prägung auch ihre Abdrücke in den menschlichen Erbanlagen.

Ratten können manchmal ganz schön menschlich sein. Auch hier gibt es verschiedene Elterntypen: Manche Rattenmutter hegt und pflegt ihren Nachwuchs. Andere gehen auf Distanz zu den Kindern und vernachlässigen die Nachkommen.
Ratten sind deswegen ideale Studienobjekte, denn bei ihnen lässt sich Elternliebe ganz einfach messen. Eine fürsorgliche Rattenmutter leckt und pflegt ihre Jungen regelmäßig. Rattenweibchen ohne großartige Muttergefühle nehmen ihre Aufgaben deutlich seltener oder gar nicht wahr. Dieses Verhalten heißt im Fach-Vokabular der Wissenschaftler „licking und grooming“. Es ist in den vergangenen Jahren in den Aufmerksamkeitsfokus von Genforschern und Erziehungswissenschaftlern gerückt. Das scheint zunächst eine recht seltsame Mischung der Wissenschaftsdisziplinen zu sein. Dennoch ist man gemeinsam an Antworten auf die großen Fragen der Menschheit dran: Sind Lebewesen durch ihr genetisches Erbe geprägt? Oder werden sie von Umwelt, Körper, Kultur, Vorbestimmung bzw. eigener Kraft zu dem, was sie sind?

Nature vs. Nurture: Was wird von der Natur beeinfluss? Was liegt an der Erziehung?

Im Englischen existiert für diese Fragen ein Gegensatzpaar, das ziemlich griffig klingt: nature (Natur) versus nurture (Pflege/Erziehung). Diese Fragen beziehen sich letztlich nicht nur auf das Tierreich, sondern sind auch für die Menschheit von existenzieller Bedeutung.
Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass den Eltern eine besondere Pflicht auferlegt wird. Die Denkanstöße dafür liefern wiederum die Rattenweibchen. Sie wurden im Jahr 2004 sowohl von Michel Meaney, seines Zeichens Neurowissenschaftler, als auch von Moshe Szyf, seines Zeichens Genetiker, an der McGill University in Montreal (Kanada) dauerhaft oberserviert. Diese Langzeitbeobachtung, bei der die Forscher zwei Rattengruppen untersuchten – nämlich die „high licking and grooming mothers“ (= Glucken) und die „low licking and grooming mothers“ (= Rabenmütter), hat in Fachkreisen einiges an Berühmtheit erlangt.

Meaney und Szyf nahmen das Erbgut der von den unterschiedlichen Rattenmuttertypen aufgezogenen Jungen genauer unter die Lupe. Sie entdeckten dabei erstaunliche Unterschiede. Bei den vernachlässigten Rattenkindern war ein bestimmtes Gen abgeschaltet. Dieses Gen reguliert stressauslösende Hormone. In der Folge waren diese Jungratten auch anfälliger für Stress. Schnell überlastete sie eine neue Situation und damit Herausforderung. Die gut behüteten Kinder dagegen zeigten solche Anzeichen nicht.
Das Team um Meaney und Szyf konnte ebenso belegen, dass gehegte und geliebte Rattenbabys später selbst fürsorgliche Ratteneltern waren während die vernachlässigten und ungeliebten Kinder nachher ebenfalls zu Rabeneltern wurden.

Okay, jetzt kann man natürlich sagen: Zum Glück stammt der Mensch nicht von der Ratte ab. Aber Moshe Szyf gibt zu bedenken, dass dieses Tiermodell in Grundzügen das widerspiegelt, was auch bei uns Menschen abläuft. Wen dem tatsächlich so wäre, dann hätten diese Erkenntnisse weitreichende Konsequenzen. Denn letztlich wären Eltern mit ihrer Brutpflege bzw. auch nicht Brutpflege für die genetische Ausstattung ihrer Kinder verantwortlich.
Dies gilt es nun in epidemiologischen Studien nachzuweisen oder zu widerlegen. Erste Studien lassen Tendenzen erkennen, dass es bei uns Menschen genauso abläuft.

Lebenslange Auswirkungen der Erziehung auf das menschliche Individuum

Lange Zeit war es der Tummelplatz von Psychologen und Erziehungswissenschaftlern. Sie wurden nicht müde zu mahnen, dass sich die Erziehung des Menschen ein Leben lang auf ihn auswirkt. Mittlerweile konnte diese These mit Hilfe der Genetik belegt werden. Für die Naturwissenschaftler ein herber Schlag. Glaubte man doch lange Zeit an das Dogma, dass die Erbanlagen allmächtig und unveränderlich sind. Schließlich liegt die Veranlagung für Eigenschaften wie ruhig oder jähzornig, für dick oder dünn, für fleißig oder faul in der DNA - jener im Zellkern verdrillten Blaupause für die Bauanleitungen von über 21.500 Eiweißen. Die Programmierung war nach dem gängigen Gen-Glauben irgendwo in den Chromosomen hinterlegt. Und so machten sich die Wissenschaftler in den Tiefen und Weiten der Desoxyribonukleinsäure auf die Suche nach bestimmten Genen: dem Darmkrebs-Gen, dem Depressions-Gen, dem Kettenraucher-Gen oder dem Mörder-Gen.

Mittlerweile wissen es die Forscher besser. Viele Wesenszüge sind in den Genen zwar angelegt, doch kann beeinflusst werden, ob diese sich voll ausprägen. Der Mensch reagiert ein Leben lang auf alle möglichen äußeren Einflüsse höchst empfindlich. Und damit ändert sich der Status der Erziehung: Aus dem „schmückendem Beiwerk“ wird mit einem mal „beeinflussender Faktor“.
Als Musterbeispiel galt lange die Frage nach der Intelligenz. Hier ging man davon aus, dass 80 % der Intelligenzleistung eines menschlichen Individuums auf Erbanlagen zurückzuführen sind und nur 20 % anderweitig beeinflusst werden können. Mittlerweile werden ganz andere Zahlen genannt. Nun sprechen Experten vom Fifty-Fifty-Joker. Maximal 50 % sind durch Gene vorbestimmt. Aber 50 % können anderweitig gelenkt werden. Dies ist für Eltern, Kindergärtner und Lehrer ein enormes Betätigungsfeld.

An diesem Bewusstseinswandel hat die Epigentik einen großen Anteil. Diese relativ junge Wissenschaftsdisziplin geht der Frage nach, wie molekulare Mechanismen Erbanlagen ein- bzw. ausschalten können. Damit hätte man einen Schalter, den man an oder ausknipsen kann und die Folge wäre, dass bestimmte Eigenschaften wirksam werden oder nicht. Genauso funktionierte der Stress-Schalter bei den Ratten. Hier hatten sogenannte Histone, das sind auf dem Erbgut sitzende Methilgruppen, Enzyme beeinflusst.
Heißt dies im Umkehr-Schluss, dass sich Frauen für die Brutpflege zu Gunsten der Kinder aufopfern müssen?
Bryan Turner von der University of Birmingham (United Kingdom) stellt einen anschaulichen Vergleich an. Er sieht das Erbgut als Tonband. Auf ihm sind Informationen gespeichert. Doch das beste Tonband nützt nicht viel, wenn das Abspielgerät nicht vorhanden ist. In diesem Vergleich untersucht die Epigenetik das Tonbandgerät.

Eineiige Zwillinge: Trotz gleicher Erbanlagen unterschiedliche Entwicklungen

Der Zwillingsforschung gelang der eindrucksvolle Beweis, dass trotz identischer Gene sich zwei Menschen unterschiedlich entwickeln können. Es gab sogar Fälle, in denen einer der eineiigen Zwillinge an Schizophrenie oder Diabetes Typ 1 erkrankte, der Kelch allerdings am anderen vorüber ging. Eine Erklärung könnten unterschiedlich verlaufende Lebensgeschichten sein, die sich epigenetisch einprägen. Denkbar wären hier die Jugend, sportliche Aktivitäten, der soziale Status und Krankheiten.
Richtig ist zweifelsohne, dass wir von unseren Genen gesteuert werden, aber wir können auch unsere Gene steuern. Mögliche Stellschrauben unsererseits sind der Lebensstil, den wir pflegen: Sei es geistige und körperliche Aktivität oder der Umgang mit unseren Mitmenschen. Letztlich entscheidet das Umfeld mit, welche Erbanlagen sich entfalten oder nicht. Es ist daher nicht nur wichtig, was in unserer DNA geschrieben steht, sondern ebenfalls, was diese Gene erleben.

Bei solchen Poesie-Album-Sätzen liegt einem fast ein neuer kategorischer Imperativ für Eltern auf den Lippen. Dieser wäre nicht moralisch begründet sondern genetisch:

„Handle so, dass du deinen eigenen Genen und denen deiner Kinder Gutes tust, so dass diese wiederum die besten Chancen haben, ein gelungenes Leben zu führen und die Menschheit weiterzubringen.“

Fast möchte man dies an jeder Straßenkreuzung plakatieren. Denn jedes Verhalten hat das Potential von epigenetischen Folgen. Vernachlässigen Eltern ihre Kinder, dann verunsichern sie den Nachwuchs fürs Leben. Wer raucht oder eine schlechte Ernährung bevorzugt beeinflusst möglicherweise seine Kinder selbst dann, wenn sie noch „Mutz im Schaufenster“ – also nicht gezeugt – sind.

  • Sind Eltern daher gezwungen, höchsten Wert auf ein absolut intaktes Umfeld ihrer Kids zu legen?
  • Gibt es einen wissenschaftlichen Beleg, dass Vollzeitmütter, die in den USA „soccer moms“ genannt werden, das aus epigenetischer Sicht perfekte Modell sind?
  • Sind Mütter, die vielleicht auch eigenen Interessen nachgehen, bereits Rabenmütter, die es billigend in Kauf nehmen, ihren Kindern Schaden zuzufügen?

Dieser provokative Abschnitt wirft kontrovers diskutierte Fragen der modernen Gesellschaft auf.
Auch hier sprechen die Untersuchungen der Wissenschaftler zum Glück eindeutige Empfehlungen aus: Die Maximen gelungener Erziehung müssen allerdings nicht umgeschrieben werden. Die Untersuchungen belegen letztlich nur das, was gesunder Menschenverstand, natürliche Eingebung und Elternliebe sowieso empfahlen: Es ist für ein Kind gut, wenn sich Personen darum kümmert, die Wünsche ernst genommen werden, es gefördert wird und es eine stabile emotionale Bindung vorfindet. Diese Bezugs- und Vertrauensperson muss nicht einzig und allein die Mutter sein. Vielmehr sollten die Eltern all die Werte, die sie für wichtig erachten, auch selbst vorleben. Kinder sind empfänglich für ein anregendes Umfeld. Sie können die daraus hervorgehenden Impulse durchaus selbst umsetzen. Das muss letztlich nicht das Kindergarten-Englisch oder Baby-Yoga sein. Es reicht auch „altmodisches Gedöns“ wie gemeinsames Basteln oder Gute-Nacht-Geschichten-Vorlesen.

Neuer kategorischer Imperativ für Eltern. Kinder brauchen Stabilität & Förderung. Allerdings müssen Eltern ein gesundes Mittelmaß zwischen Unterforderung und Überforderung finden.

Es lässt sich an dieser Stelle jedoch festhalten, dass mangelnde Geborgenheit und fehlende elterliche Zuwendung in den ersten Lebensjahren einen Menschen beeinflusst. Sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit kann darunter bis ins Erwachsenenalter leiden. Belegen können die Wissenschaftler solche Feststellungen beispielsweise mit der „Mannheimer Risikokinderstudie“. Hier begleiteten die Forscher Hunderte Probanden von Geburt an auf deren Lebensweg. Viele der Männer und Frauen wuchsen in schwierigen Familien auf und hatten suchtkranke Eltern, Eltern mit psychischen Störungen oder die Erziehungsberechtigten waren selbst noch Jugendliche.

Als die Probanden 19 Jahre alt wurden, nahm man 279 von ihnen im Labor Blut ab. Die Analysen zeigten, dass der Nachwuchs aus Risikofamilien einen Mangel an bestimmten Proteinen aufwies. Die fehlenden Apolipoproteine A1 und HDL helfen beim Abtransport von überschüssigem Cholesterin aus dem Blut. Diese jungen Menschen hatten somit einen geringeren Schutz gegenüber Fettleibigkeit, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ihnen diese Hypothek epigenetisch von ihrer Herkunft auferlegt wurde. Moshe Szyf konnte bei Untersuchungen von 13 Selbstmördern nachweisen, dass Misshandlungen in der Kindheit zu Gen-Blockaden geführt hatten. Das frühe Trauma war diesen Menschen nicht nur eingebläut sondern auch in die DNA eingeschrieben worden.

Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit trotz schweren Start ins Leben möglich

Doch selbst wenn man bereits in der Kindheit buchstäblich vom Leben gebeutelt wurde, hat man dennoch die Chance auf die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit. Die Forschung findet auch Belege für solch Hoffnung machende Botschaften.
Die Epigenetik schreibt zwar den ersten Lebensjahren eine enorm prägende Kraft zu, dennoch können im Verlauf des Lebens stabilisierende Faktoren ihre Wirkung entfalten. Hier werden Intelligenz und Willenskraft, emotionale Beziehungen innerhalb und außerhalb der Familie sowie die Begeisterung für bestimmte Werte und Lebensziele genannt.

Die Ergebnisse einer Langzeitstudie geben Anlass zur Hoffnung. Auf der hawaiianischen Insel Kauai wurden 200 Kinder des Geburtsjahrganges 1955 beobachtet. Ihr Start war schwierig: zerrüttete Ehen der Eltern, Suchtprobleme und Armut waren nur einige Beispiele. Einem Drittel dieser Kinder gelang es trotzdem, später ein gefestigtes Leben zu führen. Sie widerstanden Widrigkeiten und zeigten sich resilient, dank bestimmter Schutzmechanismen, die offenbar teilweise erlernt werden können. Und um den Bogen zum eingangs erwähnten Rattenexperiment in Montreal zu schlagen. Auch hier gibt es positive Meldungen. Die Jungen einer „low licking and grooming mother“ entwickelten sich deutlich besser, nachdem sie einer liebevollen Pflegemutter anvertraut wurden. Sie waren nach einer gewissen Zeit fast genauso stressresistent wie die von Beginn an behüteten Rattenkinder. Auch sie entwickelten sich selbst zu fürsorglichen Ratteneltern.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Mittwoch, 01. Februar 2012 um 21:00 Uhr )
 

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