Zufallskarte

Holzspeer
Image Detail
Valid XHTML 1.0 Strict CSS ist valide!

Paläoanthropologie : Homo sapiens vs. Homo neanderthalensis. Wer regierte die Welt?

Paläoanthropologie : Homo sapiens vs. Homo neanderthalensis. Wer regierte die Welt? (Wordle) Wie war der Neandertaler? Waren er und der moderne Mensch sich sehr ähnlich? Oder stellte der Neandertaler einen völlig andersartigen Gegenentwurf von Mutter Natur da? Forscher vom Max Planck Institut wollten Antworten auf diese Fragen finden. Sie untersuchten mittels eines mobilen Computertomografen unseren menschlichen Cousin, der nach wie vor jede Menge Rätsel aufgibt. Fast nebenbei revolutionieren die Wissenschaftler ihr Fach.

Drei Totenköpfe bereiten dem Besucher einen schaurigen Empfang. Aus den Augenhöhlen gibt es einen kalten Blick – aus Muschelschalen. Eine unwirkliche Szenerie, denn genau an dem Tisch fertigt eine Studentin eine millimetergenaue Zeichnung der Zahnhöcker des Menschengebisses an. 
Die bizarren Räumlichkeiten – hinter vorgehaltener Hand wohl oftmals scherzhaft auch als Knochenkammer bezeichnet – liegt hinter einer Stahltür in der Nähe des Lieferanteneingangs des Anatomischen Instituts der Universität in Tel Aviv (Israel). Und doch so unscheinbar sich das Ambiente gibt, hier liegt einer der größten Schätze der Menschheitsgeschichte.

Die hier aufbewahrten Fossilien zeugen von wichtigen Schritten in der menschlichen Evolution. Hier findet man brüchige Arm- und Schenkelknochen, Kinderschädel, Rippen, Kiefer und jede Menge uralter Zähne.  Es handelt sich hierbei um einzigartige Fragmente.
Sie stammen beispielsweise aus nordisraelischen Höhlen. Hier fanden Paläoanthropologen unter anderem die Überreste von ca. drei Dutzend Menschen. Die Knochen mussten vorsichtig Stück für Stück und Schicht um Schicht aus dem Fels gekratzt werden. Die Einzigartigkeit dieses Fundes liegt darin begründet, dass die Knochen von zwei verschiedenen Hominiden-Arten stammten.  Hier siedelten der moderne Mensch und der Neandertaler räumlich so eng zusammen, dass durchaus „von einem Katzensprung“ die Rede sein kann.  Die Frage aller Fragen aber lautet: Lebten die beiden Gruppen auch zur selben Zeit am selben Ort? Sind sie sich begegnet? Kannten sie sich also? Provokanter gefragt: Gab es in der israelischen Levante den ersten Showdown der beiden Konkurrenten um die Weltherrschaft?

Affären und Liebschaften zwischen Eurasiern und Neandertalern muss es gegeben haben.

Im letzten Jahr lieferte die Entschlüsselung der Neandertaler-DNA wichtige Argumente für die These, dass ein Stück der Neandertaler im modernen Eurasier die Jahrtausende überdauert hat. Der Leipziger Paläogenetiker Svante Pääbo ist daher überzeugt, dass es zur Vermischung der beiden Arten gekommen sein muss. Der Zeitraum, in dem diese folgenreichen Kontakte stattfanden, konnte von den Genetikern bestimmt werden. Vor 90.000 bis 65.000 Jahren führten Techtelmechtel zu Mischlingen. Dieser Kontakt kam demzufolge nach der Ankunft des modernen Menschen auf der eurasischen Landmasse zustande. Vermutet wird hier das Gebiet am östlichen Mittelmeer.

Doch welche Zusammenhänge gibt es zwischen den gefundenen Bewohnern der israelischen Höhlen und den Stammvätern und –Müttern der heutigen Eurasier? Finden sich möglicherweise Spuren des Zusammentreffens und Zusammenlebens in den versteinerten Überresten der beiden Spezies?
Diesen Fragen gingen die Forscher um Jean-Jacques Hublin auf den Grund. Er ist ebenfalls Paläoanthropologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (Deutschland). Er war als Jungwissenschaftler in Israel dabei als in der Qafzeh-Höhle in der Nähe von Nazareth gewaltige Felsbrocken mit Hilfe eines Hubschraubers geborgen wurden. Nun möchte er auch den Fundstücken von damals das letzte Geheimnis entlocken und helfen, das Wesen des Homo neanderthalensis zu entschlüsseln.

Hublin und seine Kollegen fuhren schwere Geschütze auf. Sie kamen nicht mit Zeichenblock und Gleitzirkel. Sie hatten Hightech-Geräte im Gepäck. Darunter einen tonnenschweren Computertomografen, mit dem sie digitale Abbilder der Fossilien erschufen.
Andere Forscher müssen so nicht mehr von einem Museum zum anderen reisen, sondern sie können am heimischen Arbeitsplatz auf dem Bildschirm alle Fundstücke in Ruhe betrachten und bis ins kleinste Detail untersuchen – selbst solche Feinheiten, die mit dem bloßen Auge normalerweise gar nicht erkennbar sind.
Hublins Team ist bereits um die halbe Welt gereist, um alle Vor- und Urmenschen-Fossilien einzuscannen. Südafrika, Kenia, Marokko, Kroatien und Russland waren dabei Stationen. Stück für Stück entsteht ein digitales Archiv für den Stammbaum und die Geschichte des Homo sapiens.
Weltweit sucht dieses „Urmenschen-Projekt“ seines gleichen

Nach dem der Tomograf in Tel Aviv aufgebaut und justiert wurde, tastet auch hier ein Röntgenstrahl ganz genau die Fossilien ab. Ein Scan kann durchaus vier bis acht Stunden dauern. Am Ende gibt es eine riesige Datenmenge, die eine Software in ein digitales Abbild umwandelt. Die Auflösung ist bis auf tausendstel Millimeter genau. Während das Original längst gut geschützt wieder in den Tresoren und Schubladen verstaut ist, beginnt die eigentliche wissenschaftliche Arbeit. Im Leipziger Virtual-Reality-Labor können die Forscher nun die Überreste drehen, wenden, kippen oder vergrößern. Selbst das Fühlen ist kein größeres Problem. Müssen die Forscher etwas Greifbares in den Händen halten, dann kann ein 3-D-Drucker in weniger als 30 Minuten eine Gips-Kopie anfertigen.

Digitale Abbilder stellen bei Total-Verlust ein wichtiges Backup dar

Nicht alle Paläoanthropologen zeigen sich begeistert, dass die digitale Zukunft auch in ihrem Fachgebiet Einzug gehalten hat. Israel Hershkovitz wacht als Kurator über die Tel Aviver Sammlung. Er gibt zu bedenken, dass bei dem ganzen Technikeinsatz das ursprüngliche Individuum auf der Strecke bleibt. Er bezweifelt, dass die teuren Apparate und die aufwendige Software notwendig sind, um den Knochen ihre Geschichten zu entlocken – beispielsweise, dass ein steinzeitlicher Chirurg einem Patient den Schädel öffnete und die Blutung mit Bienenwachs stoppte.
Doch auch Hershkovitz bestreitet nicht, dass die digitalen Kopien eine wichtige Rückversicherung darstellen können – vor allem in unsicheren Regionen wie dem Nahen Osten oder dem teilweise bürgerkriegsgeplagten Afrika. Beispiele für den unwiderbringlichen Verlust wertvoller prähistorischer Fossilien gibt es genügend. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges fehlt in China von der Urmenschen-Kollektion rund um den Peking-Menschen jede Spur. Und auch in den Bürgerkriegswirren im Libanon verschwand ein Skelett eines Kindes aus der Steinzeit.

Vorteilhaft an den digitalen Abbildern ist auch der Umstand, dass durch die Arbeit an diesem das fragile Original keinen Schaden nehmen kann. Früher kam es häufiger vor, dass ein Fossil nach einem ungeschickten Umgang geklebt werden musste.
Die Abneigung von Hershkovitz gegen die Technologie der Leipziger fusst auf zwei unterschiedlichen Berufsauffassungen. Hershkovitz ist ein Archäologe von altem Schlag. Diese schuften Jahre wenn nicht gar Jahrzehnte im Feld, bis sie schließlich einen Schatz aus einer Handvoll Knochen hüten können. Demgegenüber steht der Anthropologe Hublins, der mit seiner Technik die Früchte der wissenschaftlichen Arbeit ernten möchte.

Leipziger Zentrum ist Mekka der Urmenschen-Forschung

Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie zu einem weltweit führenden Zentrum der Urmenschen-Forschung. In Leipzig wurden viele Trends der Paläoanthropologie gesetzt. Doch Hershkovitz sieht diese Zentralisierung mit gemischten Gefühlen. Es kann durchaus passieren, dass Forscher nach Leipzig kommen, um an „seinen Fossilien“ zu arbeiten und nicht nach Tel Aviv.
Hublin und seine Leipziger Kollegen sind Argwohn und Neid gewohnt. Sie wissen, dass sich ihr Institut innerhalb von 15 Jahren einen Namen von Weltrang erarbeitet hat. Das Digitalisierungsprojekt mischt die Machtverhältnisse in ihrem Wissenschaftsfach neu.
Bislang wurden Fossilien aus den Anfangstagen der Menschheit wie Reliquien oder nationale Heiligtümer behandelt. Die Kuratoren hatten dabei die Rolle der Gralshüter. Sie konnten dabei aber auch bestimmen, wer Zugang zu den Fossilien bekam und wer nicht. Damit erstreckte sich ihre Macht auch auf Forscherlaufbahnen. Nun fürchten die Kuratoren den Kontrollverlust, denn das virtuelle Fossilien-Archiv hebelt all dies aus.
Doch nicht allein der Wissenschaftsbetrieb an sich wird tiefgreifend verändert sondern auch der Forschungsprozess selbst. Zukünftig werden die ganz großen Entdeckungen nicht mehr vor Ort im Sedimentgestein mit dem Hammer in der Hand gemacht sondern mit der Maus am Computer. Das hat wenig von der ursprünglichen Indiana-Jones-Romantik.

Die Knochenkammer in Tel Aviv ist dafür einer der ersten Belege. Hier entsteht ein bis lang nicht erreichtes, detailliertes Bild des Neandertalers. Ein Mitglied des gefundenen Clans hat bunteingefärbte, große Eckzähne. Die Färbung soll Rillen und Kratzer besser sichtbar machen. Diese entstehen durch den Abrieb bei der Nahrungsaufnahme. Die Forscherin Adeline Le Cabec erklärt, dass sie bereits Zähne gesehen hat, die so weit abgenutzt waren, dass dort der Nerv frei lag. Die Zahnschmerzen will sich weder Forscher noch Laie genauer vorstellen. Le Cabec führt weiter aus, dass solche wuchtige Zahnwurzeln beim modernen Menschen sich nur selten finden würden. Unser markantes Kinn tritt nur deshalb so weit vor, weil sich der Kauapparat beim modernen Menschen immer weiter zurück bildete. Beim Neandertaler dagegen zeigt sich ein völlig anderes Bild. Sein Gebiss wölbt sich viel weiter vor. Offenbar führte er mit seinem Kiefer stärkere Malmbewegungen aus. Doch wofür waren diese nötig?
Knabberte er auf Holz herum? Bearbeitete er mit seinen Zähnen Tierhäute? Nagte er an Knochen herum? Le Cabec hat für ihre Doktorarbeit rund 400 Zähne in den Computertomografen geschoben, um genau das herauszufinden. Sie fand, dass vor allem die Eck- und Schneidezähne beim Neandertaler viel fester im Kiefer verankert waren als beim heutigen Menschen. Sie schließt daraus, dass der Neandertaler sie auch als zupackendes Werkzeug eingesetzt haben könnte.

Die beiden Menschenarten unterschieden sich auch in ihren Bewegungen. Dazu untersuchten sie die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts das Gleichgewichtsorgan im Schädel. Der Schwung der Bogengänge im Innenohr lässt die Forscher vermuten, dass der Neandertaler eher behäbig dahintrottete. Einen weiteren Beleg für die These liefert das schwammartige Gerüst im Schienbein-Inneren. Es ist anders strukturiert als beim Homo sapiens. Um der Entstehung solcher Unterschiede auf die Spur zu kommen, ließen die Wissenschaftler Schafe mit angewinkelten Beinen über Laufbänder humpeln. Täglich 30 Minuten dieses sehr speziellen Trainingsprogramms reichten aus, um sichtbare Veränderungen der Knochenstruktur herbeizuführen.

Ein Neandertaler tickte einfach anders. Sein Leben spielte sich in Zeitraffer ab.

Die Wissenschaftler können im Moment folgendes Bild vom Homo neanderthalensis zeichnen: Er war ein guter Wanderer. Ging es jedoch ums Sprinten und Springen, dann sah er alt aus. Hier war dem Neandertaler der moderne Mensch überlegen. Doch ein bedeutender Unterschied zwischen den Menschenarten war die Geschwindigkeiten, mit der die beiden Hominiden aufwuchsen und alterten. Beim Neandertaler lief alles in Zeitraffer ab. Diese Erkenntnis konnten die Forscher den dünnen Schichten des Zahnschmelzes entnehmen. Hierüber lässt sich beispielsweise das Alter von Kindern bestimmen. Der Neandertaler-Nachwuchs wurde deutlich früher flügge. Beim Erwachsenwerden waren sie den Kindern und Jugendlichen des modernen Menschen um zwei bis drei Jahre voraus.

So ähnlich, wie vielfach beschrieben, sind sich die beiden Arten offenbar nicht: Der Neandertaler hat eine kurze Kindheit. Er konnte schlecht sprinten dafür aber gut zupacken – zumindest mit seinem Gebiss. In vielen Museen und Fachbüchern wird der Neandertaler beinahe wie ein völlig moderner Mensch dargestellt. Dieses Bild gilt es erneut zu korrigieren. Nach dem keulenschwingenden, geistig minderbemittelten Grobian war der Neandertaler nämlich auch kein adretter Business-Mann. Der Leipziger Forscher Hublin fordert deshalb, dass sich die Wissenschaft darauf konzentriert, die Unterschiede herauszuarbeiten. Die Entdeckung der Neandertaler-Spuren im Erbgut der Europäer ist noch lange kein Beweis für sentimentale Lovestories. Am Anfang der genetischen Vermischung könnten genauso gut Frauenraub und Vergewaltigung gestanden haben. Das hat die Geschichte bereits oft genug gezeigt. Wie die beiden Arten zusammenlebten, wissen wir noch immer nicht genau. Doch Hublin hält eine Rivalität für durchaus denkbar. Möglicherweise zog dabei der Neandertaler den Kürzeren.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Mittwoch, 01. Februar 2012 um 20:27 Uhr )
 

© H[AGE]: Langenwetzendorf (2008 - 2011)