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Australopithecus sediba: Skelette krempeln Bild von der menschlichen Evolution um

Australopithecus: Skelette krempeln Bild von der menschliche Evolution um (Wordle) Wer war der Urahn aller heutigen Menschen? In Südafrika erlauben die Fossilien einer Vormenschenart einen Blick in die Evolution der Menschheit. Die jetzt erstmals bis ins kleinste Detail untersuchten Skelette von Australopithecus sediba offenbaren, dass dieser Urmensch bereits in der Lage war, Werkzeuge zu bauen. Sein Gehirn allerdings verblüffte die Experten.

Das Synchroton in Grenoble ist die stärkste Röntgenquelle der Welt. Jährlich kommen mehr als 7000 Wissenschaftler für ihre Forschungen hierher. Es ist eine äußerst bunte Mischung: Molekularbiologen, Pharmaforscher, Geophysiker, Luftfahrtechniker, Materialwissenschaftler oder Kunsthistoriker halten ihre Proben in dieses einzigartige Licht.
Doch selbst für die Mitarbeiter des Synchrotron, die jahrein, jahraus hier arbeiteten, war der Untersuchungsgegenstand „MH 1“ etwas außergewöhnliches. Als MH 1 wird ein Fossil des Frühmenschen Australopithecus sediba bezeichnet. Die Überreste entdeckten südafrikanische Archäologen im Jahr 2008. Der Öffentlichkeit vorgestellt wurden die versteinerten Überreste erstmals in einer Fachpublikation im vergangenen Jahr. Dieser Frühmensch kam nach Grenoble (Schweiz), damit ihm die intimsten Details entlockt werden können. Und die Knochen enttäuschten die Forscher nicht. Dieser Fund hat das Potential, zu einem der bedeutendsten Fundstücke in der menschlichen Evolution aufzusteigen. Vielleicht wird MH 1 einmal im gleichen Atemzug genannt wie Lucy. Der Australopithecus-Schädel ist noch nicht einmal vollständig aus dem Fels herausgearbeitet. Dennoch ließen ihn die Forscher mit Hilfe des Synchrotons-Strahls durchleuchten. Damit konnte auch das Innere der Schädelkalotte abgetastet werden.

Dieser Scan offenbarte den genauen Abdruck eines Jahrmillionen alten Gehirns. Der Schädel gehörte einem noch nicht ausgewachsenen Individuum. Vermutlich handelt es sich um einen 10- bis 13-jährigen Jungen, der ca. 1,30 Meter groß war. Damit gilt er für seine Art als fast ausgewachsen. Die hinteren Backenzähne kamen gerade durch und vermutlich die ersten Schmetterlinge im Bauch auf. Der Junge dürfte gerade die Geschlechtsreife erreicht haben.

Bislang unbekannte Details wurden durchs Röntgen sichtbar

Noch ein zweites Exemplar mit dem Namen „MH 2“ wurde von den Forschern im Synchrotron untersucht. Es handelt sich hierbei um einen weiblichen Urmenschen, der auf ein Alter von Ende 20 bis Anfang 30 geschätzt wird. Hier sind Hand und Becken erstaunlich gut erhalten geblieben. In den vergangenen Jahren wurden die beiden Fossilien von einem rund 80 Mann starken Wissenschaftler-Team untersucht. Die Ergebnisse wurden nun in fünf Artikeln des Wissenschaftsmagazins Science veröffentlicht. Nicht nur der Umfang der Auswertungen auch die Inhalte sorgten für Aufregung. Nur sehr wenige andere Skelette aus der Frühgeschichte der Menschheit sind so vollständig und in solch einem guten Zustand erhalten geblieben. Die Fachwelt ist aber vor allem vom Alter der beiden Australopithecus sediba fasziniert: MH 1 und MH 2 sind rund zwei Millionen Jahre alt. Sie stammen also aus einer Zeit, in der sich das Menschliche aus dem Menschenaffen herausbildete.

Aus dieser spannenden Epoche wurden bislang nur vereinzelte Knochen gefunden, die davon zeugen, dass sich aus der Vormenschengattung Australopithecus der Urmensch Homo entwickelte.
Im Synchrotron schälte sich jetzt ein Wesen aus dem Dunkel der Zeit heraus, dass schon kein Affe mehr ist aber auch noch nicht Mensch. Wichtige Körperteile und damit Merkmale wie Hirn, Schädel, Kiefer, Hand, Becken oder Fußgelenk blieben erhalten.

Der Entdecker der beiden Fossilien, Lee Berger, ist buchstäblich aus dem Häuschen. Der südafrikanische Anthropologe verdankt den Jahrhundertfund dem Internet und Google Earth. Auf den Satellitenbildern sondierte er jenes Gebiet nordwestlich von Johannesburg (Südafrika), das von vielen Wissenschaftlern als „Wiege der Menschheit“ bezeichnet wird, nachdem dort zu Beginn den 20. Jahrhunderts die ersten spektakulären Funde gemacht wurden.
Mit Hilfe der Google-Earth-Bildern spürte Berger mehr als 500 bislang nicht bekannte Höhlen auf. Den Fund seines Lebens machte am 15. August 2008 der damals neunjährige Sohn Matthew. In einer Höhle, die von den Einheimischen Malapa genannt wird, fand er das Schlüsselbein eines menschlichen Verwandten. 
In der Johannesburger University of Witwatersrand lagern mittlerweile die Knochen von drei weiteren Vormenschen. Darunter befinden sich sogar die Überreste eines Babies. Diese Ausbeute ist umso erstaunlicher, da die eigentliche Grabung noch gar nicht begonnen hat.

Wie menschlich war Australopithecus sediba?

Doch die wichtigste Entdeckung zeigt sich in den Windungen und Furchen des Gehirns, das das Röntgengerät sichtbar machte. Den Fachleuten offenbaren sich hier die ersten Spuren dessen, was den Menschen ausmacht. Der Hirn-Experte Carlson weist darauf hin, dass die Frontallappen bereits leicht unterschiedlich groß waren. Besonders diese Asymmetrie gilt als charakteristisches menschliches Merkmal. Denn die Sprachentwicklung forcierte die immer stärkere Spezialisierung der beiden Hemisphären.

Und genau da, wo im Menschenhirn die Sprachregion liegt – nämlich am unteren Rand des linken Frontallappens – zeigt auch das Gehirn des Vormenschen-Jungen eine Wölbung. Die Wissenschaftler sind zwar sehr vorsichtig und reden noch nicht von richtigem Sprachvermögen, doch der folgenreiche Umbau des Denkorgans bahnt sich bereits an. Für heutige Verhältnisse winzig war allerdings das Hirnvolumen. Australopithecus sediba brachte es gerade einmal auf 420 Kubikzentimeter. Damit hatte das Gehirn gerade mal die Größe einer Avocado oder Grapefruit. Es liegt nur 40 Kubikzentimeter über dem durchschnittlichen Gehirnvolumen von Schimpansen.

Die Wissenschaft muss auf Basis dieser neuen Erkenntnisse die Gehirnentwicklung völlig neu überdenken und möglicherweise einige alte Theorien über Bord werfen. Beispielsweise ging man bislang davon aus, dass das Wachsen des Gehirns dazu führte, dass das menschliche Becken umgebaut werden musste. Dieses dehnte sich im Verlauf der Menschwerdung immer weiter aus, damit der immer größer werdende Kopf der Babys durch den Geburtskanal passte.
Der Schädel von Australopithecus sediba war bei der Geburt in etwa so groß wie der eines Schimpansen. Das Becken allerdings wies bereits die für den Menschen typischen Merkmale auf: Es war kurz und breit. Demzufolge kann der treibende Faktor zur Vergrößerung des Beckens nicht die Geburt gewesen sein.

Puzzle aus Merkmalen von Mensch und Menschenaffen

Becken und Gehirn wiesen also schon in die richtige Richtung der Menschwerdung. Demgegenüber verschmolzen im Fuß die Merkmale von Zweibeinern mit denen von Vierbeinern. Die Individuen hatten hier zwar das Gelenk eines Menschen aber noch die Ferse eines Affen. Es ist gut möglich, dass die Evolution hier mit dem Zweibeiner-Gang experimentierte.
Das Bild der Vormenschen-Hand ist dagegen eindeutig: Mit den kurzen, geraden Fingern und dem kräftigen Daumen sind alle typischen Merkmale einer Menschenhand vorhanden. Mit ihr ließen sich bestimmt schon Werkzeuge herstellen. Demnach müsste Australopithecus sediba der erste Handwerker in der Menschheitsgeschichte sein.

Ist Australopithecus sediba gar der Urahn aller heute lebenden Menschen? Die Voraussetzungen dafür bringt er mit: Nutzung von Werkzeugen, ein bereits relativ weit entwickeltes Gehirn und ein menschlich anmutendes Becken. Berger, der Entdecker von MH 1 und MH 2 ist überzeugt davon. Doch die Anthropologen-Zunft ist gerne streitbar. Ziemlich sicher wird es zunächst Kritik geben. Doch diese schreckt Bergers Team nicht ab. Sie widmen sich der weiteren Untersuchung des Fossilien und hier gibt es noch genügend zu entdecken. Beispielsweise jene sonderbaren Schichten, die sich am Schädel von MH 1 und am Kinn von MH 2 finden lassen. Könnte es sich dabei um versteinerte Überreste der Haut handeln? Die Kühnheit der These ist den Wissenschaftlern sehr wohl bewusst. Normalerweise versteinert Hautgewebe nicht.

Doch der Ursprung dieser Strukturen muss eindeutig geklärt werden und auch dazu betritt das Team Neuland. Es richtete die Website „Malapa Soft Tissue Project“ ein. Hier kann jeder seine Vorschläge einreichen, wie man den fossilen Strukturen am besten ihr Geheimnis entlockt. Die Website ist ein Experiment, das durchaus als „Offene Wissenschaft“ bezeichnet werden kann.

 


Quellen:




Aktualisiert ( Mittwoch, 01. Februar 2012 um 20:09 Uhr )
 

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