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Venus von der Pipeline : Archäologisch bedeutsamer Fund entlang neuer Erdgastrasse

Venus von der Pipeline : Archäologisch bedeutsamer Fund entlang neuer Erdgastrasse (Wordle) Deutschlands längste Ausgrabungsstätte erstreckt sich entlang der neuen Erdgastrasse, die in den Medien als Ostseepipeline bezeichnet wird. Die Funde sind bedeutend – und dass, obwohl die Wissenschaft wenig Spektakuläres erwartete. Sie dachte ursprünglich, dass die Gegend weitgehend unbewohnt war.

Das russische Gas kommt über die Ostseepipeline nach Deutschland. Im Zuge des Projektes Nord-Stream werden im deutschen Boden über 1000 Kilometer Rohre verlegt. Doch bevor dies geschieht, haben Archäologen die Chance, den Boden zu untersuchen. Damit ist der Bau der Gas-Trasse auch eines der größten Archäologie-Projekte, die es durchgeführt wurden.

Henning Haßmann ist der Landesarchäologe von Niedersachsen und mit dabei, wenn seine Kollegen Grabungen durchführen. Eines der größten Projekte hat eine Gesamtfläche von fast sieben Quadratkilometern. Dabei handelt es sich um einen 400 m langen und 30 Meter breiten Streifen. Er ist bereits planiert und wird von einer Abraumhalde gesäumt. Die Schneise fällt auf. Sie schlängelt sich durch die norddeutsche Tiefebene. Ende nächsten Jahres, also 2012, wird man davon nicht mehr viel erkennen können. Höchstens „Szenekenner“ wissen dann, dass die gelben Pfosten die Markierungen für den Verlauf der Nordeuropäischen Erdgasleitung (NEL) sind.

Verlauf von NEL und Opal sowie NordalVersorgt wird NEL mit Gas aus der Nord-Stream-Pipeline und damit aus Russland. Die in der Bevölkerung „Ostseepipeline“ genannte Trasse entspringt im russischen Wyborg und schlängelt sich 1200 Kilometer über den Ostsee-Boden bis nach Lubmin am Greifswalder Bodden. Dort wird das Gas aufgeteilt. Einen Teil leiten die Verantwortlichen durch NEL über 440 Kilometer bis ins niedersächsischen Rehden. Diese Trasse wird südlich an Hamburg und Bremen vorbeigeführt. Eine zweite Leitung zieht sich von Lubmin bis nach Tschechien. Bei dieser Trasse, die den Arbeitstitel „Opal“ trägt, läuft bereits der Testbetrieb.

Bevor gebaut wird, dürfen die Archäologen ran

Im November 2010 starteten die ersten Untersuchungen im Zuge der NEL. Auf den 200 Trassenkilometer, die in Niedersachsen verlaufen, gibt es 6 Grabungsfirmen, die über 100 Mitarbeiter beschäftigen. Henning Haßmann fährt bei seiner Arbeit aber nur relativ selten durchs Land, um die Grabungen zu inspizieren. Viel mehr Zeit kostet die Schreibtisch- und Büroarbeit. So müssen Akten gewälzt, Karten und Datenbanken gesichtet werden – immer auf der Suche nach sogenannten Verdachtsflächen. Dies sind Orte, an denen bereits früher Funde gemacht wurden. An diesen Stellen, die er mit Hilfe seiner Kollegen in den Städten und Kreisen vor Ort, ausfindig macht, darf nur dann gebaut werden, wenn sie vorher kontrolliert wurden.

Üblicherweise hält sich die Menge der Grabungen bei ähnlichen Projekten wie zum Beispiel den Ausbau von Bundesstraßen in Grenzen, da nicht nur in Niedersachsen der Steuerzahler dafür zur Kasse gebeten wird. Man beschränkt sich dann meist auf den engen Rahmen, den das Gesetz vorschreibt. In der Praxis bedeutet das viel zu oft: Ohne Verdachtsfall keine Untersuchung und damit ohne Funde auch keine Grabungen. Dank NEL jedoch können sich die Archäologen glücklich schätzen. Denn sie dürfen auch dann vor Ort „buddeln“, wenn kein Verdacht vorliegt. Die Kosten dafür werden vom Bauträger übernommen.

Nun können die Wissenschaftler auch solche Flächen unter die Lupe nehmen, an denen es eigentlich keine Relikte geben dürfen. Eigentlich heißt in diesem Fall: Man will nämlich verhindern, dass später unerwartete Funde den gesamten Bauablauf verzögern. Und schon oft stießen die Bagger beim Abtragen des Oberbodens auf Verfärbungen. Diese sind wichtige Hinweise, dass sich im Grund eventuell eine Sensation verbirgt: Bei genaueren Grabungen kamen dann Gruben, Gräber oder Pfostenlöcher zu Tage. Solche Funde gilt es zu bergen. Der Grabungsleiter muss dann entscheiden, was bei solchen Verfärbungen gemacht wird. Meist wird das verfärbte Areal Schicht für Schicht abgetragen – im Fachjargon heißt dies dann „geschnitten“. Durch den Querschnitt kann der Aufbau des Fundes dokumentiert werden.

Bereits jetzt entdeckten die Archäologen und Arbeiter bei den Grabungen unzählige neue Fundstellen in Niedersachsen. Beispielsweise fünf neue Friedhöfe aus der Germanenzeit nach Christi Geburt. Zu Tage kamen Gräber mit Hunderten von Urnen. Ein solches Graberfolg liegt bei Syke. Die Gräber dort waren reich ausgestattet. Man fand Silbermünzen und römische Bronzegefäße. Unter diesen Gefäßen waren sogar sogenannte Hemmoorer Eimer. Dabei handelt es sich um Importware aus dem Römischen Reich. In diesen Bronzekesseln aus wurde ursprünglich Wein aufgetischt.

Wiederentdeckt: Ganze Siedlungen und große Gehöfte

Andere Gräber stammen gar aus der Jungsteinzeit und sind damit über 4000 Jahre alt. Auch in ihnen fanden sich aufwendig verzierte Gefäße. Außerdem Flintklingen und Beile. Die zeitliche Bandbreite der Funde erstreckt sich von der Bronzezeit bis ins Mittelalter. Es kamen ganze Siedlungen aber auch einzelne Gehöfte wieder zum Vorschein.

Aufsehen erregte ein Fund. Dieser wurde auf den Namen „Venus von Bierden“ getauft. Bei dem im August gefundenem eiszeitlichen Werkzeug ist in minimalistischen Strichen eine nackte Frauengestalt eingeritzt. Das Grabungsteam unter dem Leiter Klaus Gehrken taufte das steinzeitliche „Pin-Up-Girl“ liebevoll „Nelly“. Sie ist auf einen flachen Stein mit den Maßen fünf mal acht Zentimeter geritzt. Wozu dieser Stein vor über 11.000 Jahren diente, ist ungewiss. Zunächst vermutete man, dass damit andere Feuersteine geschärft wurden. Doch auch wenn nachvollziehbar ist, dass Steine-Schleifen eine langwierige Aufgabe ist und der Schleifer dabei vielleicht etwas schönes vor Augen haben wollte, erwies sich diese Vermutung als falsch.
Der Eiszeit-Michelangelo achtete durchaus auf Details der weiblichen Anatomie: Der Schambereich ist angedeutet. Er stellt mit einer Linie das Gesäß und mit zwei anderen, die spitz zulaufen, die Beine dar. Auf Füße und Kopf verzichtete er allerdings. Bei Nelly handelt es sich um den ersten Fund einer eiszeitlichen Frauendarstellung im norddeutschen Tiefland. Der Beifund rund um eine alte Feuerstelle bestand aus weiteren, kleinen Feuersteinmessern und Pfeilspitzen.

In Mecklenburg befinden sich noch sieben Grabungsteams im Einsatz. 130 Mitarbeiter arbeiten hier entlang von NEL. In der Ausstellung „Pipeline-Archäologie“ präsentiert das Land Mecklenburg-Vorpommern einen ersten Teil der Funde im Schloss Güstrow in der Nähe von Schwerin. Darunter befinden sich auch Funde der neueren Geschichte beispielsweise ein Feldtelefon, das aus dem Zweiten Weltkrieg stammt, oder die Überreste eines US-Kriegsgefangenlagers, die im Landkreis Ludwigslust zu Tage befördert wurden. Es wird noch Jahre wenn nicht gar Jahrzehnte dauern bis alle Funde und die gesammelten Messdaten in den Karten und Landschaftsmodellen aufgenommen sind.
Die Aufgabe der Stunde ist es, zunächst alle Informationen zu retten, bevor sie zerstört werden. Selten sind solche aufregenden Funde wie die „Venus von Bierden“ dabei. Doch für die Archäologen ist es bereits erstaunlich und Ansporn genug, dass der Boden Norddeutschlands an geschichtlichen Schätzen reichhaltiger ist als bislang gedacht.

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Donnerstag, 20. Dezember 2012 um 22:37 Uhr )
 

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