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Archäologie mit Hightech-Equipment : Wenn der Forscher in die Luft geht

Archäologie mit Hightech-Equipment : Wenn der Forscher in die Luft geht (Wordle) Wie sieht das klassische Bild eines Archäologen seit vielen Jahrzehnten aus? Der verschrobene Experte verbringt zunächst Wochen mit dem Durchstöbern alter Quellen, geht dann in Feld und Flur und rammt an der vermeintlich richtigen Stelle den Spaten in den Boden. Von nun an heißt es buddeln und sich nicht beirren lassen ... Der große Fund kommt bestimmt.
Doch solche Methoden sind Schnee von gestern. Moderne Archäologen setzen auf die Unterstützung modernster Technik. Da wird mit Hilfe von Sonargeräten der Boden inspiziert oder unbemannte Drohnen für Bilder aus der Vogelperspektive in die Luft geschickt.

So wie im russischen Altai-Gebirge. Dort gelang durch die von den kleinen Fluggeräten vorgenommene Luftaufklärung die Entdeckung von skythischen Gräbern. Die imposanten Bestattungsanlagen könnten bald zerstört werden. 

Die Geschichte der modernen Hightech-Archäologie beginnt ganz banal vor mehr als 100 Jahren. Damals lebte der Apotheker Julius Neubronner in Kronberg. Er besaß zwei Hobbys: Zum einen züchtete er Brieftauben und zum anderen interessierte er sich für die damals relativ neue Fotografie. 1903 unternahm er einen Versuch, seine beiden Freizeitbeschäftigungen miteinander zu kombinieren. Er schnalle seinen Tauben eine kleine Kamera vor die Brust. Das Gerät hatte einen zeitverzögerten Auslöser. Die Vögel wurden losgeschickt und überflogen die Heimatstadt. Neubronner war so der erste, der das Schloss der Stadt Kronberg sowie die Straßen der Großstadt Frankfurt (Deutschland) aus der Vogelperspektive zu sehen bekam. Die Bilder aus der Luft faszinierten ihn so sehr, dass er auch weiter entfernt liegende Ort von oben fotografieren wollte. Deswegen erfand der Apotheker außerdem einen mobilen Taubenschlag und fing an, seine Tauben auf das rollende Gefährt zu trainieren.

Kombination aus fliegendem Helfer und Kamera revolutionierte die moderne Archäologie

Die Idee von Julius Neubronner überlebte die Jahrhunderte. Auch heute noch profitieren Wissenschaftler von seinem Erfindergeist. Die Ausstattung hat sich nur seit dem Jahr 1903 erheblich weiterentwickelt. So nutzt beispielsweise der Belgier Marijn Hendrickx, der an der Universität Gent (Belgien) forscht, statt Brieftauben mittlerweile einen kleinen Modellhubschrauber. Mikrodrohne nennt sich dies im Fachjargon. Mit Hilfe des unbemannten Flugobjekts sondierte er im Sommer im Altai-Gebirge eine Reihe von skythischen Grabanlagen aus der Luft. Bei solchen Projekten sind Spaten, Pinsel und Zahnstocher zunächst weit entfernt.

Zunächst machte Hendrickx Aufnahmen aus 70 und aus 40 Metern Höhe. Sie lieferten die Basis für 3D-Landschaftsmodelle, die die Kollegen am Computer berechnen konnten. Dabei zeigte sich, dass ein Grabhügel bereits durch illegale Grabungen von Grabräubern stark zerstört worden war. Zum Glück ließ er sich am Rechner wieder rekonstruieren. Die Luft-Archäologie bietet in unwegsamem Gelände einige Vorteile. Herkömmliche Vermessungsmethoden stoßen hier an ihre Grenzen, denn die Hügel liegen unter der Vegetation wie Büschen und Bäumen versteckt.

Quadrocopter im Einsatz: Grabräubern und Zerstörung zuvorkommen

Die technische Unterstützung von Hendrickx und seinen Kollegen heißt Quadrocopter. Der kleine batteriebetriebene Flieger ist nur 585 Gramm leicht. Er kann aber eine Ladung von bis zu 200 Gramm mit in die Luft nehmen. Genauso viel Gewicht hat eine kleine Kamera. Der Hubschrauber – mit dem Produktnamen „md4-200“ misst 70 cm – gemessen von einer Rotorblattspitze bis zur anderen. Die Drohne kann abhängig von der Qualität der Batterien, der Beladung sowie dem Wind bis zu 20 Minuten in der Luft verbringen. In einem Radius von bis zu zwei Kilometern lässt sich der Hubschrauber von der Bodenstation aus noch gut kontrollieren. Die so gewonnenen Daten der Kamera und eines GPS-Gerätes werden per Funk direkt an einen Rechner übertragen.

Problematisch für die Forscher wird es, wenn der Wind zu stark weht. Windgeschwindigkeiten von über vier Metern pro Sekunde führen zu unscharfen Bildern und jedermann weiß, dass es im Gebirge recht windig sein kann. Dann kann es sogar passieren, dass die Drohne vom Winde verweht, den Funkkontakt verliert. In einem solchen Fall blieb den Forschern nichts anders übrig, als per Fuß die Drohne zwischen den Grabhügeln zu suchen. Auf Grund dieses Zwischenfalls arbeiten die Forscher jetzt mit einem modifizierten Nachfolger-Modell. Der md4-1000 wurde vom Hersteller Microdrones so konstruiert, dass er auch noch bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 13,8 Metern eingesetzt werden kann. Außerdem wurde seine Traglast auf 1,2 Kilogramm erhöht.

Sagenhafte Schätze der Skythen bedroht

Weiteren Forschungen zu den skythischen Grabhügeln könnten damit nur russische Grenzbeamte im Weg stehen. Diese könnten Ärger machen, wenn Wissenschaftler mit kleinen Spionagehubschraubern versuchen einzureisen. Doch auch für einen solchen Fall sind die Wissenschaftler bestens vorbereitet. Sie hatten detaillierte Beschreibungen der Ausrüstung dabei und außerdem Briefe von den Universitätsdirektoren. Darin beschreiben die Rektoren der Universität Gent als auch der russischen Gorno-Altaisk-Staatsuniversität den einzigen Zweck der Hubschrauber: Sie stehen im Dienste der archäologischen Forschung.

Skythische Grabhügel sind bekannt für ihre reiche Ausstattung mit Kunstwerken aus Gold. Sie kommen vor allem im Altai-Gebirge vor. So entdeckte der deutsche Archäologe Hermann Parzinger vor 10 Jahren einen unversehrten Grabhügel. Dieser lag in der südsibirischen Teilrepublik Tuwa. Bei der Untersuchung kamen Tausende von Goldobjekten zum Vorschein.
Die Skythen waren Reiternomaden, die zwischen 800 und 300 v. Christus lebten. Sie bestatteten hohe Würdenträger in imposanten Grabhügeln, die Kurgane genannt werden.

Das Arbeitsgebiet des belgischen Forschers liegt in Tuekta und damit westlich von dem Goldfund, den Parzinger entdeckte. Tuekta befindet sich im Vierländer-Eck, wo Russland, China, Kasachstan und die Mongolei aufeinander treffen. Es ist unwegsames Gelände, doch die Skythen wählten dieses Fleckchen Erde, um ihre Toten zu bestatten. In Tuekta wurden bereits am Ufer des Flusses Ursul rund 200 Kurgane ausfindig gemacht. Leider wurden die meisten von ihnen bereits vor langer Zeit zerstört.

Weltweiter Einsatz der unbemannten Flugobjekte im Dienste der Wissenschaft

Doch nicht nur im Altai wird auf Luftaufklärung gesetzt. Auch in anderen Teilen der Welt suchen Forscher mit fliegenden Helfern nach Spuren. So überflog ein Schweizer Team die peruanischen Ruinen von Pinchango Alto. Ein Hubschrauber kam ebenfalls in der Mongolei zum Einsatz. Hier untersucht ein deutsches Team die Architekturreste im Orkhon-Tal. Um den Zustand zu dokumentieren, schoss ein Octokopter ebenfalls Fotos. Die neueste Entwicklung auf dem Gebiet der Archäologie aus der Luft ist der sogenannte Helikite. Es handelt sich hierbei um eine Kreuzung aus Zeppelin und Lenkdrachen, die an der Universität Gent von Geert Verhoeven entwickelt wurde. Der Helikite liegt besonders ruhig und stabil in der Luft und liefert somit hervorragende Luftbildaufnahmen.

Mittels solcher Aufnahmen lassen sich so sehr schnell auch größere Flächen archäologisch dokumentieren. Diese Sicherungsmaßnahmen bedeuten oftmals Rettung in letzter Sekunde, da viele Fundstätten von der Zerstörung bedroht sind. Der Bau von Staudämmen und die Umwandlung in Acker- oder Bauland sind nur einige der Bedrohungsszenarien. Für Archäologen bedeutet das, dass die Stellen innerhalb kürzester Zeit dokumentiert werden müssen. Ansonsten sind sie für immer verloren. Diese Heerausforderung gibt es auch im Altai-Gebirge. Obwohl das Gebiet kaum besiedelt ist, wird hier eine Pipeline von Russland nach China gebaut. Der Trassenverlauf ist genau durch einige der schönsten archäologischen Stätten geplant. Über 1000 Monumente sind von der Zerstörung betroffen. Auf die Archäologen mit ihren Fluggeräten wartet also noch jede Menge Arbeit.

 


Quellen:

Aktualisiert ( Mittwoch, 01. Februar 2012 um 14:55 Uhr )
 

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