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Die Lerntheorie des Konstruktivismus

Zusammenfassung: Der Konstruktivismus basiert auf der Annahme, dass bei der Wissensaneignung immer Bezug auf das Vorwissen genommen wird und letztlich Wissen immer eine individuelle Konstruktion des Lernenden ist. Es gibt deswegen auch keine optimale allgemeingültige Lernstrategie oder Darstellungsweise.


Konstruktivismus: Wissen ist die individuelle Konstruktion eines aktiven Lerners

Wie bereits angedeutet, ist eine trennscharfe Abgrenzung zwischen Konstruktivismus und Kognitivismus nur sehr schwer möglich, denn beispielsweise Piagets Entwicklungsstufenmodell oder auch das problemlösende Lernen weisen konstruktivistische Elemente auf. Einige Autoren möchten daher den Konstruktivismus als eine Strömung des Kognitivismus verstanden wissen.[29]
Gleichwohl darf bezweifelt werden, ob dies sinnvoll ist, denn der Fokus beider Theorien ist dennoch verschieden. Der kognitivistischen „[…] Sichtweise von Lernen als einem Informationsverarbeitungsprozeß wird die Vorstellung von Wissen als der individuellen Konstruktion eines aktiven Lerners in einem sozialen Kontext gegenübergestellt […]“[30]. Im Konstruktivismus spielt das Vorwissen des Lernenden die zentrale Rolle, denn bei der Wissensaneignung wird immer Bezug darauf genommen. Der Lernende konstruiert auf das „alte“ Wissen einfach das „neue“ Wissen darauf. Der ganze Prozess würde ohne die Aktivierung von Vorkenntnissen, die Einordnung auf Basis eines individuellen Kategoriensystems oder die Korrektur, Erweiterung und Integration bereits existierender Schemata nicht funktionieren.[31]
Die Basis des Konstruktivismus bilden die Ausführungen von Maturana. Er prägte den Begriff von autopoietischen Systemen als Unterscheidungsmerkmal zwischen Leben und Nicht-Lebendem.

 

Mensch ist ein autopoietisches System: Es gibt nicht die eine Realität für alle

Als Lebewesen ist der Mensch ein autopoietisches System. Dieses zeichnet sich durch Selbstorganisation und strukturelle Geschlossenheit aus. Es existiert kein informationeller Input und Output. Alle Informationen erzeugt das System ausschließlich selbst. Austauschprozesse mit der Umwelt sind zwar möglich, doch sie finden ausschließlich auf energetischer Ebene statt.
Da die Wahrnehmung das Ergebnis von kognitiven Prozessen ist, sind Sinneswahrnehmungen wie Sehen oder Hören letztlich keine wirklichen Abbilder der Realität sondern individuelle Konstruktionen.[32] Bestes Beispiel sind hierfür die sogenannten Sinnestäuschungen. Oftmals meint unser Verstand etwas „zu sehen“, was so gar nicht existiert. Jeder Mensch erschafft seine eigene Wirklichkeit. Damit gibt es nicht die eine endgültige Realität, sondern viele unterschiedliche, individuelle Realitäten.
Hier wird ein weiterer Unterschied zum Kognitivismus deutlich. In seinem Blickfeld liegt das Lösen von definierten Problemen, die es im Alltag allerdings nicht gibt. Denn ein Problem ergibt sich immer aus der Situation heraus und ist abhängig von der Sichtweise der Beteiligten.[33] Ferner ist der Konstruktivismus skeptisch, ob Instruktion – also die Vermittlung von Wissen – überhaupt möglich ist.

 

Erkenntnis konstruktivistischer Lernmethoden:  Es gibt keine optimale Lernstrategie und keine optimale Darstellungsweise

Für Konstruktivisten steht fest, dass Wissen auf keinen Fall wie bei der Vorstellung vom „Kelch der Erkenntnis“ oder dem „Nürnberger Trichter“ von einem Individuum zu einem anderen Individuum weitergegeben werden kann. Lernen ist immer individuell und demnach weder vorhersagbar noch von außen determinierbar.[34] So ist es unmöglich vorherzusagen, dass ein Lernender nach einer bestimmten Zeitspanne das Gewünschte gelernt hat, denn es gibt weder die optimale Lernstrategie noch eine optimale Darstellungsweise.[35]

 

Situiertes Lernen

Das situierte Lernen wird vom konstruktivistischen Denken geprägt. Röll beschreibt es als Ansatz, der „[…] Lernen nicht als Resultat von Entscheidungsprozessen des einzelnen Individuums […]“ sieht. „Lernen ist […] in den materiellen und sozialen Kontexten (Lebenswelt) eingebunden. Unter keinen Umständen kann das Gelernte von den situativen Bedingungen, zu der auch historische und kulturelle Kontexte gehören, in der das Lernen stattfindet, getrennt werden. Lernen wird als Prozess aufgefasst, in dem personenexterne Komponenten, personeninterne Faktoren und die konkrete Situation eine Wechselbeziehung eingehen.“[36]

Untrennbar mit dem situierten Lernen verbunden ist das geankerte Lernen, das auch als „anchored instruction“ bezeichnet wird. Hierbei versucht man das Problem des sogenannten „trägen Wissens“ in den Griff zu bekommen: Beim trägen Wissen wird Wissen zwar gelernt, kann letztlich aber in Problemsituation nicht angewendet werden und bleibt damit ungenutzt. Aus diesem Grund gibt es die Empfehlung, dass der „[…] Lerninhalt in sinnvollen, problemorientierten und lebensnahen Kontexten verankert […]“[37] wird.
In der Regel erfolgt eine Einbettung der Probleme in zusammenhängende Geschichten, die multimedial präsentiert werden. Hier wird der Lernbiologie Tribut gezollt, die beispielsweise fordert, dass nach Möglichkeit immer mehrere Sinne angesprochen werden sollten, um Verstehens- und Behaltensprozesse zu fördern.[38] Außerdem klingt bereits eine weitere Forderung des situierten Lernens an: Die sogenannte „cognitive flexibility“. Der Lernende soll dabei ein Problem aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten können, um auf vielfältige Art und Weise eine kognitive Repräsentation zu erhalten. Dieses multidimensionale Bild wird dann abgespeichert und kann später in unterschiedlichen Kontexten und Situation flexibel abgerufen und genutzt werden. Die kognitive Flexibilität verhindert Schubladendenken und soll Querverbindungen und Abgrenzungen zu ähnlichen Wissensinhalten erleichtern.[39]

 

Konstruktivistische Lernangebote

Als konstruktivistisch geprägte Lernangebote können die sogenannten Webquests mit ihren Elementen aufgefasst werden. Zunächst erfolgt eine Einführung in das Thema. Es werden Kontextinformationen bereitgestellt. Im nächsten Schritt bekommt der Lernende bzw. die Lernenden die konkrete Aufgabe gestellt. Diese kann zum Teil in Teilaufträge aufgeteilt oder durch unterschiedliche Rollen gelöst werden. Darüberhinaus gibt es im Vorfeld ausgewählte Ressourcen im Internet. Unterstützung bekommen die Lernenden durch sogenannte Prozesshilfen. Das sind beispielsweise nichts anderes als Tipps zum sinnvollen Einsatz von Hilfsmitteln oder auch bereitgestellte Werkzeuge, die z. B. bei der besseren Zeitplanung helfen sollen.
Eine weitere feste Komponente der Webquests ist die Evaluation. Der Lernende erhält so Instrumente zur Selbsteinschätzung des Lernprozesses im Hinblick auf Verbesserungen. Am Ende werden die Arbeitsergebnisse präsentiert und ein Ausblick gegeben.[40] Typisch für solche Lernangebote ist auch, dass die Lehrenden keine steuernde oder kontrollierende Funktion haben. Sie sollen den Lernenden vielmehr beraten und unterstützen. Kognitive Lernplattformen bedingen, dass der Lehrende klar definierte Lerninhalte im Vorfeld exakt bestimmen muss. Zwar ist es sinnvoll, auch bei konstruktivistisch geprägten Lerneinheiten die Lernziele grob zu bestimmen, doch mehr ist für den einzelnen Lernenden nicht sinnvoll. Handelt es sich hierbei doch um Lernumgebungen, in denen sich der Lernende selbst steuern und sich durch Handlungen mit der Umwelt auseinander setzen muss. Eine Steuerung der dabei genutzten Methoden von außen ist nicht sinnvoll. Der Lehrende kann nur dafür sorgen, dass ein möglichst großer Methodenpool zu Verfügung steht.[41]

 

 


Quellen:

Aktualisiert ( Samstag, 20. Februar 2010 um 16:58 Uhr )
 

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