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Motivation & Wurzeln der systembezogenen Akteurskonstellation

Zusammenfassung: Die Wurzeln des Ansatzes liegen im Diskurs zwischen System- und Handlungstheorie und dem Wunsch nach der Verbindung von Mikro- und Makroebene.

 

Wurzeln: Zwischen den Stühlen der Handlungstheorie und der Systemtheorie

Bei der Betrachtung der Wurzeln der Theorien systembezogener Akteurkonstellationen muss man sich fast zwangsläufig mit den verschiedenen differenzierungstheoretischen Perspektiven auseinander setzen.
Die ersten Theorien waren die handlungstheoretischen Betrachtungen der Gesellschaft von Simmel, Durkheim oder Weber. Talcott Parson und Niklas Luhmann nahmen hierauf Bezug und entwickelten ihre Systemtheorien.8
Die 1980er Jahre waren das Jahrzehnt, in dem die intensive Auseinandersetzung mit den Systemtheoretikern begann. So wurden entscheidende Impulse bei Entwicklung  akteurtheoretischer Konzeptionen gesetzt. Das erklärte Ziel der Forscher war es, die Ideen von Ideen modifiziert weiter zu entwickeln. In den USA stehen vor allem die Bewegung der Neofunktionalisten für diese Überlegungen. In Deutschland kamen wichtige Impulse für die Forschung in dieser Richtung von Norbert Elias und Renate Mayntz.
Elias entwickelte im Rahmen seiner Zivilisationstheorie das Konzept der Figurationen, um so theoretische Erklärungen für die Vorgänge des gesellschaftlichen Wandels liefern zu können. "Mit dem Begriff  der "Figurationen" legte er den Grundstein für die Vorstellung von einer Wechselwirkung zwischen Akteuren und gesellschaftlichen Strukturen, wie sie später von Esser und Schimank verwendet wird."9 In seinem Konzept wird bereits auch der dominante Einfluss transintentionaler Struktureffekt erläutert.10

Renate Mayntz entwarf den "Akteurzentrierten Institutionalismus" und beeinflusste so maßgeblich die Entwicklung nachfolgender akteurtheoretischer Konzepte. In ihren Ausführungen präsentiert sie ein generelles Modell von Akteurstruktur-Dynamiken, das später Schimank aufgriff und weiterentwickelte.11

 

Essers Ausgangslage für seine integrative Sozialtheorie

Essers Ausgangslage, die er bei seinen Überlegungen vorfand und aus der die Motivation für seine integrative Sozialtheorie erwuchs, lässt sich wie folgt skizzieren.

In vielen Punkten gelang es den bisherigen Theorien nicht, zufrieden stellende Lösungsvorschläge zu liefern. Esser war beispielsweise der Meinung, dass der ökonomisch geprägte Ansatz des Rational Choice die subjektive Vernunft und die begrenzte Rationalität des Menschen zu wenig berücksichtigt. Aber den Ausschlag gaben die anscheinend unvereinbaren Paradigmen der System und Handlungstheorie. So fand Esser z. B. bei der Parson’schen Handlungstheorie keine Angabe für die kausale Verbindung zwischen den Randbedingungen und der Selektion eines bestimmten Handelns. Die sozialwissenschaftliche Analyse wird beim handlungstheoretischen Ansatz, der die sozialen Systeme und die Mikroebene in den Mittelpunkt stellt, an die Binnenperspektive sozialer Gruppen gebunden. Die soziologische Systemtheorie von Luhmann bleibt auf der reinen Makroebene, denn hier bleibt die sozialwissenschaftliche Analyse an die Außenperspektive des Beobachters gebunden. So vermag es die Luhmann’sche Systemtheorie nicht, den Mikromechanismus zu nennen, der die Makrophänomene erzeugt.12
Beide Ansätze bleiben unvollständig und geben kein Gesamtbild wieder. Die logische Konsequenz ist das Anstreben einer Verbindung von Mikro- und Makroebene. An dieser Stelle ist man wieder bei der Situationslogik von Popper.13 All diese Gründe brachten Esser dazu mit Hilfe des Hempel-Oppenheim-Schemas seine Gedanken zu einer integrativen Sozialtheorie zu entwickeln.

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, „dass die sozialwissenschaftlichen Wurzeln des Ansatzes der systembezogenen Akteurkonstellation ganz klar in der Systemtheorie (von Luhmann), welche auch die Überlegungen zur funktionalistischen Systemtheorie von Rühl und Weischenberg beeinflusste, und der Akteurtheorie bzw. Handlungstheorie (von Parson und Weber) zu suchen sind. Hinzu kommen noch konstruktivistische Elemente, wo u. a. Maturana als Vordenker genannt werden muss, und die z. B. in der Situationsdefinition, in der man sich praktisch selbst die Sichtweise der Situation konstruiert, zu finden sind. Außerdem wird noch auf die Organisations- bzw. Institutionentheorie zurückgegriffen.“14
Oftmals haben sozialwissenschaftliche Ansätze ihren Ursprung in naturwissenschaftlichen Problemen bzw. Lösungen. Beispielsweise geht die Systemtheorie aus der Kybernetik hervor. Weitere wichtige Impulse kamen sowohl aus der allgemeinen Anthropologie sowie aus der Psychologie hinzu. Letztere beispielweise lieferte neue Impulse in Bezug auf Wahrnehmung und menschliche Informationsverarbeitung.

 

 


Quellen:

  • [8] Vgl. Schimank, U. (2000): Theorien gesellschaftlicher Differenzierung. Leske + Budrich, Opladen. S. 15
  • [9] Raßler, St.; Richter, K.; Scholz, M. (2006): Journalismus als systembezogene Akteurkonstellation. Ilmenau. S. 5
  • [10] Vgl. Schimank, U. (2000), S. 222
  • [11] Vgl. Schimank, U. (2000), S. 24
  • [12] Vgl. Schimank, U.; Greshoff, R. (2006): Die integrative Sozialtheorie von Hartmut Esser. Preprint. S. 23- 24 und vgl. Bucher, H.-J. (2004): Journalismus als kommunikatives Handeln : Grundlagen einer handlungstheoretischen Journalismustheorie. S. 265. In: Löffelholz, M. [Hrsg.]: Theorien des Journalismus. Ein diskursives Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden: S. 263-285.
  • [13] Vgl. Esser, H. (2002): Was könnte man (heute) unter einer „Theorie mittlerer Reichweite“ verstehen?. S. 131. In: Mayntz, R. [Hrsg.]: Akteure – Mechanismen – Modelle: Zur Theoriefähigkeit makro-sozialer Analysen. Frankfurt [u. a.]: S. 128-150.
  • [14] Raßler, St.; Richter, K.; Scholz, M. (2006): Journalismus als systembezogene Akteurkonstellation. Ilmenau. S. 6

 

Aktualisiert ( Montag, 15. Oktober 2012 um 19:44 Uhr )
 

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