Zufallskarte

Sammler
Image Detail
Valid XHTML 1.0 Strict CSS ist valide!

Situationsdefinition als zentraler Begriff

Zusammenfassung: Akteure nehmen auf Basis von strukturellen Verbundenheiten eine Situationsdefinition vor. Damit verorten sie sich in einer Situation und richten ihr Handeln entsprechend aus. Durch das Framing wird die Komplexität einer Situation reduziert. Dabei kommen unterschiedliche Skripte zum Einsatz - in Normalsituationen folgt das Handeln dem routinierten as-Modus. Erst wenn auf Grund von Problemen und Störungen kein Modell gefunden wird, erfolgt die Umschaltung in den rc-Modus. Esser unterscheidet drei Arten von strukturellen Verbundenheiten: die materiell-strategische Verbundenheit, die kulturelle Verbundenheit und die normative Verbundenheit.


Damit ein Akteur in einer konkreten sozialen Situation handeln kann, muss es im gelingen, die Komplexität der Situation zu reduzieren. Deswegen legt jeder Akteur für sich selbst fest, wie er die Situation einschätzt. Durch diese sogenannte Situationsdefinition erhält die Situation einen orientierenden Rahmen. Doch dazu später noch etwas mehr. Zunächst soll die vorgenommene Situationsdefinition an einem Beispiel verdeutlicht werden: der Entwicklung einer Freundschaft.

 

Situationsdefintion

Eine Situationsdefinition vollzieht sich entlang der strukturellen Verbundenheit der Akteure.
Anhand dieser Merkmale nehmen die Akteure eine iterative Einschätzung der Situation vor und handeln entsprechend. 

 

Situationsdefinition am Beispiel der Entstehung einer Freundschaft

Eine Freundschaft ist ein soziales System aus zwei Akteuren. Das System ist gekennzeichnet durch eine bestimmte strukturelle Verbundenheit der Akteure. Diese haben nämlich eine von beiden geteilte Einstellung, die sich ebenso in einer besonderen Exklusivität des Umgangs miteinander zeigt. Beispielsweise vertrauen sich Freunde, helfen sich gegenseitig und legen eine kommunikative Offenheit an den Tag.
Des Weiteren manifestiert sich die gemeinsame Einstellung in gemeinsamen Überzeugungen und Werten.
Folgende Situation ist gegeben: Otto Normal (Akteur A) und Reiner Zufall (Akteur B) treffen sich. Otto nimmt nun eine subjektive Einschätzung der Situation, in der er sich befindet, vor. Er geht davon aus, dass beide einander näher kennenlernen wollen.
Auf Grundlage dieser Einschätzung handelt Otto gegenüber von Reiner. Zum Beispiel teilt Otto Reiner etwas Privates über sich selbst mit. Das Handeln von Otto hat auch immer externe Effekte symbolischer Art. Für Reiner ist es ein Anzeichen. Er nimmt daraufhin seinerseits eine subjektive Definition der Situation vor. Er vermutet, dass Otto ihn besser kennenlernen möchte. Auf Grundlage dieser Einschätzung handelt Reiner gegenüber Otto, indem er Otto ebenfalls etwas Privates über sich selbst mitteilt. Das Handeln von Reiner dient wieder Otto als Anzeichen. Es bestätigt, die von Otto getroffene Definition der Situation. Otto bleibt bei seiner Situationssicht und handelt daran orientiert wieder gegenüber Reiner, indem er ihm noch mehr von sich erzählt. Damit bestätigt er wiederum die Situationsdefinition von Reiner, der sich weiterhin orientiert und entsprechend handelt …
Dieses Spielchen könnte man jetzt beliebig fortsetzen. Durch dieses Sich-immer-wieder-aufeinander-Abstimmen entwickelt sich nach und nach die strukturelle Verbundenheit. Dieser Prozess ist ein Vorgang sozialer Konstitution, d. h. am Ende steht eine kollektive Definition der Situation. In der oben abgebildeten Grafik sollen die gestrichelten Schleifen die innere Situationsdefinition symbolisieren. Dieses innere Tun oder Handeln bezeichnet man auch als covertes Handeln. Es ist für das Gegenüber nicht direkt wahrnehmbar, sondern immer nur durch die daraus resultierende Handlungsfolge. Diese Handlungsfolge ist ein äußeren Tun bzw. Handeln. Man bezeichnet es auch als overtes Handels. Es ist direkt wahrnehmbar. Die hellblauen bzw. hellgrünen Pfeile sollen das darstellen.

Auch bei der Situationsdefinition kann man einen Bezug zum Spielen & Lernen herstellen. Die Situationsdefintion "Spielen" ruft andere Frames auf als zum Beispiel die Situationsdefinition "Schule". Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass man beim Spielen unorthodoxe Lösungen für Probleme findet, die im "normalen Leben" jedoch nicht gefunden werden. Durch die andere Situationsdefinition ist es möglich, dass die eine oder andere Denkblockade nicht existiert. Im Zusammenhang mit der Diskussion "Killerspiele gewaltfördern?" sei auch hier darauf hingewiesen, dass die meisten Computerspieler in ihrer Situationsdefinition unterscheiden können zwischen "Killerspiel", wo sie ihre Agressionen ausleben können, und "Realität", wo gänzlich andere soziale Normen gelten. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass bei manchem späteren Amokläufer nicht doch die Grenzen zwischen den verschiedenen Situationsdefinitionen verschwammen. Aber hier können gewaltverherrlichende Computerspiele lediglich der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat - jedoch nicht der Wasserstrahl, der das Fass gefüllt hat.24   

 

Framing = Wahl des Bezugsrahmens

Durch Wahl des Bezugsrahmens erfolgt letztlich nicht nur eine Einschränkung der Ziele, Handlungsmöglichkeiten, Bewertungen und Erwartungen auf ein für diesen Rahmen charakteristisches Spektrum, sondern er gibt ebenfalls vor, auf welche Art und Weise die Handlungsselektion zu vollziehen ist.

Schema für Framing

Das Framing dient der Komplexitätsreduktion in einer Situation

Dieser innere Definitions- und Selektionsvorgang ist mehrstufig. „Der Akteur kommt mit seiner Identität, seinem gesamten Wissen und Modellen in eine Situation.“25  Dadurch wird er gezwungen, ein bestimmtes Modell auszuwählen. Dieses dient ihm fortan als Bezugsrahmen und ermöglicht es dem Akteur, sich in der Situation zurecht zu finden. Mit der Modellwahl verortet sich der Akteur außerdem in einer gesellschaftlichen Sphäre - einem Frame. „Das in diesem Zusammenhang festgelegte Oberziel gibt vor, was der funktionale, kulturelle und normative Code des Frames ist.“26  Mit der Selektion eines Modells geht ebenfalls die Wahl eines Skript einher.27 Es „beschreibt die typischen, am Code […] orientierten inhaltlichen Abläufe für ganze Sequenzen von Handlungen“28. Ein Skript kann so als Handlungsprogramm innerhalb eines bestimmten Frames umschrieben werden. Im Programm enthalten sind die gemäß der Situation typischen Erwartungen und Alltagsvorstellung über die Wirksamkeit bestimmter Mittel – beispielsweise die Wirksamkeit etablierter Regeln.
Durch das Framing wird auch der Modus der Informationsverarbeitung bzw. der Entscheidungsfindung mitbestimmt. Hier werden von Esser zwei Varianten entschieden: den sogenannten as-Modus und rc-Modus. Eine spontan-automatische Aktivierung von Frame und Skript erfolgt beim as-Modus. Hier finden Konsequenzen keine Berücksichtigung. Beim rc-Modus erfolgt die Frame- und Skriptwahl reflektiv und kalkuliert. Systematisch werden in diesem Modus die Konsequenzen der Wahl bedacht.29  
Im normalen Alltagshandeln erfolgt die Abarbeitung der meisten Dinge in dumpfer und automatischer Routine. Was zu tun ist, ist ganz klar. Zweifel und Fragen gibt es nicht,  da der Akteur sich seiner Situation ganz sicher ist, denn im Vordergrund gibt es ein starkes Modell und die dazu passenden Symbole werden aus der Außenwelt aufgenommen. „Dieser Zustand ist ein perfekter Match zwischen äußeren Reizen und einem bestimmten Modell beim Akteur. Beim perfekten Match greift der Akteur ganz automatisch, unreflektiert und unbewusst auf den as-Modus zurück.“30 
Erst in dem Augenblick, wo es zu Störungen und Problemen kommt, weil Symbole nicht eindeutig sind oder kein Modell im Vordergrund steht, erfolgt die Umschaltung in den rc-Modus. Die Frame- und Skriptwahl erfolgt dann auf reflektierte Weise und bewusst.31 
In dem Augenblick, wo Störungen und Probleme auftreten, weil Symbole nicht eindeutig sind oder kein Modell im Vordergrund steht, dann wird in den rc-Modus umgeschalten. Die Moduswahl selbst allerdings geschieht einfach durch Matching. Matching ist dabei ein physiologischer Vorgang auf Ebene des Gehirns und keine Handlung oder Entscheidung im eigentlichen Sinn.32 

 

Typen der strukturellen Verbundenheiten

Esser liefert eine detaillierter Umschreibung der situationseinschränkenden Regeln detaillierter mit dem Begriff der strukturellen Verbundenheiten.    

Strukturelle Verbundenheiten

Strukturelle Verbundenheiten liefern die Regeln zum Einschränken einer Situation.
Man unterscheidet die materiell-strategische Verbundenheit, die kulturelle Verbundenheit und die normative Verbundenheit.

Esser unterscheidet drei Arten.

  • Die materiell-strategische Verbundenheit. Ihr kommt eine primäre und ausschlaggebende Bedeutung zu. Die materiell-strategische Verbundenheit führt zum Phänomen der sogenannten antagonistischen Kooperation, da sich bestimmt wird durch die unterschiedliche Verteilung von Ressourcen und Kontrollchancen über Ressourcen. Akteure stehen hier im Allgemeinen drei verschiedenen Koordinationssituationen gegenüber, in denen das ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Interesse an einer Kooperation existiert.Möglichkeit 1: Die Beteiligten sind stark an der Kooperation interessiert. Möglichkeit 2: Die Akteure befinden sich in einer Dilemma-Situation und sind nur mehr oder weniger großes Interesse an einer Kooperation. Oder die 3. Möglichkeit: Es existiert eine Konflikt-Situation, in der sich die beteiligten Personen unversöhnlich gegenüber stehen.33
  • Von der materiell-strategischen Verbundenheit wird die kulturelle Verbundenheit unterschieden. „Sie wird über das in Gesellschaften sozial geteilte Wissen, sozial geteilte Bewertungen und Einstellungen und die damit verknüpften Symbole, die all das für die Akteure erkennbar zum Ausdruck bringen, hergestellt.“34 
  • Als Drittes wird noch die Form der normativen Verbundenheit unterschieden. Formelle und informelle Normen beeinflussen mehr oder weniger stark das soziale Handeln.35 

Diesen Ausführungen folgend, lassen sich „Soziale Situationen [...] als Ensemble […] von materiell-strategischen, kulturellen und normativen Strukturen verstehen, […] die von den jeweiligen Akteuren im Horizont von Interdependenz und doppelter Kontingenz produziert und reproduziert werden.“36

 

 


Quellen
Aktualisiert ( Sonntag, 21. Februar 2010 um 10:12 Uhr )
 

© H[AGE]: Langenwetzendorf (2008 - 2011)