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Konstellationen und handelndes Zusammenwirken als zentrale Begriffe

Zusammenfassung: Soziale Systeme entstehen durch die eingegangenen Beziehungen von Akteuren. Dies sind die sogenannten Akteurkonstellationen, die z. T. unbeabsichtigte Effekte hervorrufen. Diese können den Erwartungen, Bewertungen und Entscheidungen der Akteure zuwiderlaufen. Schimank unterscheidet drei Typen von Akteurkonstellationen: die Beobachtungskonstellation, die Beeinflussungskonstellation und die Verhandlungskonstellation.


Soziale Systeme entstehen, weil auf Grund von Interdependenzen der Intentionen von Akteuren Beziehungen zwischen diesen eingegangen werden. Somit sind soziale Systeme die Aggregate von Intentionen. Schimank umschreibt mit den Begriff „Akteurkonstellationen“ den Prozess des Gewahrwerdens und Abarbeitens von Intentionsinterferenzen in sozialen Situationen.37 

Laut den handlungstheoretischen Überlegungen von Max Weber ist Handeln nichts anderes als sinnhaftes Verhalten, das motivational gesteuert und somit letztlich intentional ist. Bei allen intentionalen Prozessen besteht allerdings auch das Problem der transintentionalen Effekte, d. h. ungewollter und damit nicht intendierter Effekte. Schimank geht sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, dass Handlungen sehr viel häufiger transintentionale Nebenwirkungen hervorrufen, als dass das eigentliche Bestreben erreicht wird.38
Transintentionalität wird vor allem auf Grund von Interferenzen mit den Handlungen anderer bewusst hervorgerufen. Neben den bewussten Transintentionalitäten gibt es auch noch unbewusst verursachte Nebenwirkungen, die selbst dann entstehen können, wenn es den Akteuren gelang, die eigentlichen Ziele umzusetzen.39   

In sozialen Systemen handeln immer mindestens zwei Akteure in wechselseitigem Bezug aufeinander. Dies erfolgt immer unter der Bedingung der sogenannten doppelten Kontingenz. Hier erkennen Akteure andere Akteure als Akteure an. Sie orientieren ihre Handlungen demnach sowohl an ihren ureigenen Erwarten und Bewertungen wie auch an denen der anderen. Das Eintreten einer bestimmten Handlungsfolge erfolgt somit nicht nur auf der Basis von Erwartungen, Bewertungen und Entscheidungen eines einzelnen Akteurs sondern immer auch unter der Berücksichtigung der Erwartungen, Bewertungen und Entscheidungen der anderen Mitakteure.40 


Typen von Akteurkonstellationen

3 Arten von Akteurkonstellationen:
Beobachten = Beobachtungskonstellation;
Beobachten + Beeinflussen = Beeinflussungskonstellation;
Beobachten + Beeinflussen + Verhandeln = Verhandlungskonstellation


Konstellation der wechselseitiger Beobachtung (Beobachtungskonstellation)

Demnach hat auch kein einzelner Akteur das Ergebnis seines sozialen Handelns unter voller Kontrolle. Diese Grundannahme einer sozialen Situation beschreibt Schimank mit der ersten von drei möglichen Akteurkonstellationen – die Konstellation wechselseitiger Beobachtungen. Sie liegt vor, sobald mindestens zwei Akteure einander einfach nur wahrnehmen und bemerken, dass zwischen ihnen eine irgendwie geartete Intentionsinterferenz existiert. Letztlich richten beide Akteure ihr Handeln entsprechend dieser Wahrnehmung aus.41  

 

Konstellation der wechselseitigen Beeinflussung (Beeinflussungskonstellation)

Die wechselseitige Beeinflussung ist eine zweite Konstellation. Sie entsteht immer dann, wenn Akteure nicht nur beobachten können, sondern auch über Einflusspotentiale verfügen und diese einsetzen können. Ziel der Akteure bei der wechselseitigen Beobachtung ist es, die existierende Erwartungsunsicherheit zu reduzieren, indem die Intentionsinterferenzen zum eigenen Vorteil bewältigt werden. Einfluss ist in diesem Sinne als die intendierte Einschränkung des eigenen Handlungsspielraums bzw. der Handlungsalternativen des Gegenübers definiert. Treffen mehrere Akteure zusammen, so ergeben sich Einflusspotentiale. Letztlich beeinflussen Akteure, indem sie den Einsatz ihrer Einflusspotentiale tatsächlich anwenden, androhen oder versprechen. Spezifische Anreize wie Wahrheiten, Sympathien, Achtung bzw. Achtungsentzug oder formale Macht (z. B. Geld und Gesetze) sind konkrete soziale Einflusspotentiale.42 Die bipolare Ausprägung der spezifischen Reize basieren auf der instrumentellen Dimension des sozialen Einflusses. Der Einsatz kann als Versprechen im Sinne einer Belohnung als auch als Androhung einer Bestrafung erfolgen.

 

Konstellation der wechselseitigen Verhandlungen (Verhandlungskonstellation)

Die Konstellation der wechselseitigen Verhandlungen ist die komplexeste Form von Akteurkonstellationen. Hier wird als primäres Ziel die Schaffung einer bindendenVereinbarung angestrebt. Verhandlungen werden hier als das wechselseitige Anbringen von Vorschlägen definiert. Bis ein Konsens vorliegt, werden die Vorschläge schrittweise einander angenähert. Am Ende treffen die Akteure eine bindende Vereinbarung. Diese schaffen ein hohes Maß an Erwartungssicherheit. Diese entlastet die involvierten Akteure von einem strategischen Sondierungs- und Reflexionsaufwand. Zur Realisierung dieses Vorgangs müssen jedoch zwei Vorraussetzungen gegeben sein: Die Akteure müssen ihre Verhandlungswilligkeit und Verhandlungsfähigkeit unter Beweis stellen.

Ein Akteur ist nur dann verhandlungswillig, wenn der Aufwand lohnend erscheint und damit mehr Nutzen verspricht als die bloße Anpassung an der Verhalten anderer Akteure (Beobachtungskonstellation) oder der Versuch der Beeinflussung anderer. Nicht alle Konstellationen lassen Verhandlungen überhaupt zu. Nicht verhandlungsfähig sind beispielsweise Konstellationen, in denen ein Akteur über ein überdurchschnittliches Einflusspotential verfügt.43 „Entsprechend diesen unterschiedlichen Gegebenheiten finden in den drei Konstellationsarten unterschiedliche Arten von sozialen Dynamiken mit unterschiedlichen strukturellen Effekten statt.“44

 

 


Quellen:
  • [37] Vgl. Schimank, U. (2002/a): Handeln und Strukturen. Einführung in die akteurtheoretische Soziologie. Juventa Verlag, Weinheim [u. a.]. S. 175
  • [38] Vgl. Schimank, U. (2000): Theorien gesellschaftlicher Differenzierung. Leske + Budrich, Opladen. S. 4
  • [39] Vgl. Schimank, U. (2002/a): S. 186
  • [40] Vgl. Schimank, U. (2002/a): S. 27- 36
  • [41] Vgl. Schimank, U. (2002/a): S. 207
  • [42] Vgl. Schimank, U. (2002/a): S. 247- 258
  • [43] Vgl. Schimank, U. (2002/a): S. 285- 301
  • [44] Schimank, U. (2002/a): S. 324
Aktualisiert ( Sonntag, 21. Februar 2010 um 10:42 Uhr )
 

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