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Spannungsfeld eines Lernsammelkartenspiels (Teil 1)

Aus aktuellem Anlass sei die Frage gestattet: Was ist Lernen überhaupt?

Dank PISA-Test ist das Thema "Lernen" derzeit wieder in aller Munde. Doch was ist Lernen und wie funktioniert es? Was gilt es zu beachten? Pädagogen können sicherlich auf die eine oder andere Teilfrage eine halbwegs schlaue Antwort geben, doch was sollten Eltern dazu wissen? Ist Lernen nun ein absoluter Selbstläufer oder harte Arbeit?

Hiermit wird der Anfang gemacht und das Phänomen näher beleuchtet. Im Laufe der Zeit spannt sich darüberhinaus auch das Spannungsfeld, in dem sich H[AGE] bewegt, auf. Denn als geschichtliches Lernsammelkartenspiel berührt H[AGE] nicht nur das Lernen sondern auch das Spielen. Die Synthese von Lernen und Spiele ergibt die Lernspiele (= Serious Games). Damit gewährt diese Reihe einen Einblick in den theoretischen Hintergrund.

   

Was ist Lernen?

Etymologische Wurzeln

Bereits vor über 100 Jahren erkannten Pädagogen, „[…] dass Lernen eine so alltägliche, selbstverständliche Tätigkeit ist wie Essen und Atmen, dass jedes Kind mit einem natürlichen Wissens- und Erfahrungsdrang auf die Welt kommt […]“[1].

So komplex Lernvorgänge sind, so schwer fällt es jedoch, den Begriff „Lernen“ in Worte zu fassen. Auf den richtigen Weg wird man durch die etymologische Betrachtung der Wurzeln gebracht. Demnach gehört „Lernen“ zur Wortgruppe von „leisten“ und ist u. a. mit den Wörtern „lehren“ und „List“ verwandt. „Leisten“ bedeutete ursprünglich „einer Spur nachgehen“. Lernen geht auf „lais“ bzw. „lis“ zurück. „Lais“ war die gotische Bezeichnung für „ich weiß“. „Lis“ ist das indogermanische Wort für „gehen“. Es deutet also vieles darauf hin, dass bereits sehr früh, Lernen als ein Prozess verstanden worden ist, bei dem der Lernende einen Weg zurücklegen muss und dabei Wissen erlangt.[2]

 

Definitionen aus unterschiedlichen Bereichen

In der Literatur finden sich viele Definitionen, die mehr oder weniger stark auf die spezifischen Eigenheiten des Lernens eingehen. Das Brockhaus Universal Lexikon beschreibt Lernen als „[…] die Aneignung von Kenntnissen und Fähigkeiten sowie die Änderung von Denken, Einstellungen und Verhaltensweisen aufgrund von Einsicht oder Erfahrung […]"[3]. Auch die Definition des Meyers Online Lexikons geht in eine ähnliche Richtung: Unter Lernen werden hier „[…] alle individuellen, relativ dauerhaften Veränderungen des Verhaltens und Erlebens, die auf Erfahrung beruhen […]“ verstanden.  Beim Lernen im engeren Sinne handelt es sich um „[…] bewusste und planvolle Bemühungen, sich Wissen oder spezifische Fertigkeiten anzueignen […]“[4]. Die Sicht der Kognitionswissenschaften beschreibt Lernen als einen „[…] Prozess der Informationsverarbeitung […]. Dabei wird Information encodiert […], im Gedächtnis gespeichert und bei Bedarf von dort abgerufen […]“[5].

 

Besonderheiten des Lernens

Einigkeit unter den Experten besteht darin, dass Lernen „[…] ein lebenslanger Prozeß […]“[6] ist, denn das „[…] Gehirn lernt immer, es kann gar nicht anders […]“[7]. Allerdings läuft der Lernprozess nicht immer gleich gut bzw. gleich schnell ab. Mal erlernt der Mensch Fähigkeiten beinahe blind und automatisch und manchmal muss er hart ringen, um eine Situation meistern zu können und so etwas gelernt zu haben.[8] Dafür verantwortlich sind u. a. zwei Faktoren: Das Alter des Lernenden und die Emotionen beim Lernen. So weist beispielsweise Spitzer mehrfach darauf hin, dass „Lernen bei guter Laune am besten funktioniert“[9] und „[…] Hänschen schneller […] als Hans […]“[10] lernt. Gleichwohl sieht er sogar einen Vorteil der Älteren gegenüber den Jungen. „Ältere Menschen lernen zwar langsamer als junge, dafür haben sie jedoch bereits sehr viel gelernt und können dieses Wissen dazu einsetzen, neues Wissen zu integrieren […]“[11]. Da der Lernende kein „unbeschriebenes Blatt“ ist, kann auch der Lernprozess nicht als Prozess aufgefasst werden, der immer bei Punkt 0 beginnt. Im Gegenteil: Bei jedem Menschen verläuft das Lernen anders.

So gibt es z. B. mit dem auditiven Typ (= Lernen durch Zuhören), dem visuellen Typ (= Lernen durch Sehen), dem kommunikativen Typ (= Lernen durch Gespräche) und dem motorischen Typ (= Lernen durch Bewegung) verschiedene Lerntypen[12], die unterschiedliche Lern- und Denkstile bzw. Lernstrategien zur Folge haben.
Dennoch sollte man sich bei der Beschäftigung mit dem Thema „Lernen“ immer eine Eigenschaft vor Augen halten: Lernen selbst ist nicht direkt beobachtbar, man kann es jedoch „[…] an den Verbesserungen von Leistungen ablesen […]“[13]. Lernen ist aber auch immer mit Vergessen verbunden. Durch die Gewichtung der zu verarbeitenden Informationen, werden die wichtigen Informationen im Gehirn weiter verarbeitet und abgespeichert, während das Gehirn unwichtige Informationen aussortiert. Mit dieser Vorgehensweise reagiert das Gehirn auf die Umwelt und bemüht sich Komplexität zu reduzieren, um so den „Informationsoverkill“ zu verhindern. Lernen ist demnach auch immer im Kontext der jeweiligen Situation und als Reaktion auf die Umwelt bzw. in Interaktion mit der Umwelt zu betrachten.

 

Die 10 Prinzipien des Lernens

Die grundlegenden Eigenschaften des Lernens arbeitete Carl Rogers in seinen „10 Prinzipien des Lernens“ heraus. Diese erschienen bereits 1969. In punkto Aktualität haben sie jedoch nichts eingebüßt.
Rogers gibt damit gleichzeitig Richtlinien vor, in welchen Situationen Lernen am effektivsten ist. Für Rogers ist Lernen zunächst eine natürliche Gabe. Lernen wird fast immer zum Selbstläufer, wenn der Lerninhalt vom Lernenden als wichtig eingestuft wird. Deswegen sollte immer ein Lernziel benannt werden, um den Lernstoff einordnen zu können. So ermöglicht man dem Lernenden selbstverantwortlich am Lernprozess teilzunehmen. Lernen ist dann am effektivsten, wenn das Wissen durch eigene Handlungen angeeignet wurde, weil dies die Person als Ganzes (er)fordert. Verstärkt wird der Lerneffekt, wenn beim Lernprozess (positive) Emotionen im Spiel waren. Lernen sollte ohne Zwang erfolgen und daher im Grunde genommen selbst gewählt sein. Die Beurteilung der Leistungen durch andere ist dagegen nur von nebensächlicher Bedeutung. Besser ist es, dass sich der Lernende selbst einschätzt. So werden Unabhängigkeit, Kreativität und Selbstvertrauen gefördert.[14]

Im zweiten Teil werden die neurobiologischen Voraussetzungen, also die sogenannte Lernbiologie, betrachtet. Nur so lässt sich klären, wie überhaupt auf organischer Ebene gelernt wird.

 


Quellen:

  • [1]: Romberg, J.; Reeg, A. (Mai 2008): Wir machen Schule. S. 142. In: GEO : Das neue Bild er Erde. 05/2008. Hamburg. S. 134 – 156
  • [2]: Vgl. Mielke, R. (2001): Psychologie des Lernens: Eine Einführung. Stuttgart. S. 11 und Wasserzieher (1974) zitiert nach Stangl, W.: Begriffsdefinitionen Lernen. Linz-Auhof.
  • [3]: Zwahr, A. (2003): Brockhaus Universal Lexikon. A – Z in 26 Bänden. Leipzig. S. 4289
  • [4] bis [6]: Holoch, K. (27.02.2007a): Lernen : Meyers Lexikon Online 2.0. Mannheim.
  • [7]: Spitzer, M. (18.09.2003): Medizin für die Pädagogik. In: Zeit. 39/2003.
  • [8]: Vgl. Hilgard, E. R.; Bower, G. H. (1973): Theorien des Lernens I + II. Stuttgart. S. 22
  • [9] bis [11]: Spitzer, M. (18.09.2003)
  • [12]: Vgl. Falk-Frühbrodt, Chr. (NN): Lerntypen (I – III). Teltow.
  • [13]: Zimbardo, P. (1992): Psychologie. Berlin [u. a.]. S. 227
  • [14]: Vgl. Rogers, C. (1969): Freedom to learn: a view of what education might become. Columbus (OH). S. 114. Zitiert nach: Zimring, F. (1999): CARL ROGERS.
Aktualisiert ( Sonntag, 17. Januar 2010 um 11:51 Uhr )
 

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