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Acheuléen: Eine Faustkeil-Kultur in der Steinzeit

Acheuléen: Eine Faustkeil-Kultur in der Steinzeit

(Steinzeit-Lexikon). Als Acheuléen wird eine Kultur der Altsteinzeit bezeichnet. Sie zeichnet sich durch die Nutzung von Faustkeilen aus. Experten unterscheiden dabei noch zwischen dem Altacheuléen, das dem Altpaläolithikum zugeordnet wird, dem Mittelacheuléen und dem Jungacheuléen. Die letzten beiden Differenzierungen werden bereits dem Mittelpaläolithikum zugerechnet. Damit erstreckt sich das Acheuléen von vor ca. 1,7 Millionen Jahren bis hin vor 150.000 Jahren. Funde, die dieser Kulturepoche des Menschen zugeordnet sind, wurden in Afrika, Europa, Eurasien, Asien und Indien gemacht.

Erstmals wurden Faustkeile vor etwa 1,76 Millionen Jahren in Afrika gefertigt. Bis dahin nutzte die Oldowan-Kultur nur Geröllgeräte. Diese gelten trotz ihrer Primitivheit als älteste Werkzeuge der Menschheitsgeschichte.
Als erste Faustkeil-Werkzeugmacher kommen gleich mehrere „Verdächtige“ in Frage – nämlich die ersten Frühmenschenarten in Ostafrika. Dazu zählen Homo habilis, Homo rudolfensis, Homo ergaster und Homo erectus. Die Kulturtechnik der Faustkeilherstellung wurde in ganz Afrika beherrscht. Und auch den meisten Regionen Eurasiens kommt sie vor. Hier wurde sie allerdings erst deutlich später - nämlich vor rund 600.000 Jahren - eingeführt.

Wissenschaftler sprechen beim Acheuléen von einer Schlüssel-Innovation, als die Menschen lernten, stereotype Werkzeuge herzustellen, indem sie den Stein von beiden Seiten so bearbeiteten, dass eine symmetrische, sogenannte bifaciale Schneide entstand. Die typischen Faustkeile aus dem Acheuléen werden daher auch als Bifaces bezeichnet.
Faustkeile in ganz unterschiedlichen Formen wie z. B. die klassischen Faustkeile oder die Tropfen- bzw. Lanzettenform sind zwar das bekannteste Steinwerkzeug für das Acheuléen, allerdings gibt es weitere Formen, die der Epoche zugeordnet werden und für sie sehr typisch sind.
Dazu zählen große Hackmesser, die im Archäologen-Jargon als Cleaver bezeichnet werden, aber auch Pickel und Äxte. Einige gefundene Handäxte sind so überdimensioniert, dass man von einer rituellen Nutzung ausgehen muss.
Die kleineren Abschläge von großen Faustkeilen wurden weiter verarbeitet. Im europäischen Archeuléen man fertigte man daraus vor allem Schaber und kleinere Faustkeile. Zur Unterscheidung mit großen Faustkeilen werden die kleinen auch Fäustel genannt.

Komplizierter Fertigungsprozess der Steinwerkzeuge. Dennoch gibt es Spuren, die auf eine fast industrielle Fertigung hindeuten.

Faustkeil (Biface)Um diese Artefakte herstellen zu können, musste ein relativ komplizierter Arbeitsablauf entwickelt werden. Zunächst begaben sich die Werkzeugmacher auf die Suche nach einem geeigneten Steinbrocken. Dieser musste durch langwieriges und kraftintensives Abschlagen geformt und so weit ausgedünnt werden bis schließlich das spitze Ende eines Faustkeils oder die breite Schneide eines Cleavers herausgearbeitet war. Eine Fundstelle in Afrika legt sogar die Vermutung nahe, dass es im Acheuléen soetwas wie eine Faustkeil-Fließband-Produktion gab. Die Ausgrabungsstätte in Olorgesailie in Kenia versetzt Besucher durch die ungeheure Anzahl an Steinwerkzeugen ins Staunen.

Namensgebend für die Kulturepoche des Acheuléen ist der früheste Fundort von Faustkeilen. In Saint-Acheul, das ein Vorort von Amiens (Frankreich) ist, wurden die ersten Funde 1838 von Jacques Boucher de Perthes entdeckt. Heute befindet sich an der Fundstelle, die ein Fenster in die Lebenswelt von vor 500.000 Jahren eröffnet, der Archäologische Garten von Saint-Acheul.
Vor Perthes hatte bereits John Frere 1797 bei Hoxne einen Faustkeil-Fundplatz entdeckt und die ersten urtümlichen Werkzeuge bei der Society of Antiquaries of London (Großbritannien) eingereicht. Die Funde wurden jedoch zu seinem Pech von der Wissenschaft nicht akzeptiert. Vor dem gleichen Problem stand zunächst auch Boucher de Perhtes. Sein Glück war jedoch, dass Jean Paul Rigollot in denselben Schichten weitere Faustkeile entdeckte und deren Alter letztlich der Geologe Joseph Prestwich bestätigte. Ab 1869 erfolgte unter Federführung von Gabriel de Mortillet eine Klassifizierung der Kulturepochen anhand der namengebenden Fundstellen in Frankreich. Am Ende stand nicht nur eine Nomenklatur sondern auch eine Einordnung der Perioden des Paläolithikums. Und in dieser Klassifizierung findet sich das Acheuléen wieder.

Unterscheidung in Spät-, Mittel- und Jung-Acheuléen

Das europäische Acheuléen beginnt vor ca. 600.000 Jahren. Es wurde dann 1924 von Hugo Obermeier in die Stufen Alt- und Jung-Acheuléen eingeteilt. Die jüngere Periode beginnt dabei vor ca. 300.000 Jahren. 1964 führte Klaus Günther dann noch eine weitere Unterepoche – nämlich das Spät-Acheuléen ein. Bei dieser groben Unterteilung blieb es. Allerdings ist der Zeitraum chronologisch nicht wirklich fassbar. Vor allem das Ende des Acheuléens ist nicht klar abgegrenzt.
Viele später datierte Funde (zum Teil erst vor 60.000 bis 50.0000 Jahren) weisen trotzdem typische Merkmale des Acheuléen auf. Während auch schon ältere Funde bereits dem Moustérien zugeordnet werden. Es ist daher von fließenden Übergängen und Weiterentwicklungen auszugehen.
Heute spricht man übrignes von Alt-, Mittel- und Jung-Acheuléen.

Bei der geografischen Verbreitung der Kulturtechnik des Acheuléen spielen sowohl paläoklimatische als auch ökologische Faktoren eine Rolle. Hier sind beispielsweise die Eiszeiten aber auch die Desertifikation der Sahara zu nennen.
Die Werkzeuge dieser Epoche fand man auf dem gesamten afrikanischen Kontinent bis hin zum Regenwald am Kongo. Von Afrika aus wurden die Faustkeile nach Norden über Kleinasien und die Arabische Halbinsel verbreitet. Fundstellen gibt es im heutigen Iran, in Pakistan und in Indien. Selbst eine Verbreitung bis nach Südostasien ist verbrieft. In Europa wurden die Faustkeile erstmalig rund um das Mittelmeer vor 900.000 Jahren eingeführt. Nördlich der Alpen sind die ältesten Funde auf ein Alter von ca. 600.000 Jahren datiert.

In dieser Kulturepoche lebten geschickte Werkzeugmacher, die bereits große Beutetiere erlegen und zerteilen konnten

Die Funde des Acheuléen geben Aufschluss über die Lebensweise der Jäger und Sammler in der Steinzeit. Sie berichten vor allem vom Leben des Homo erectus. Die meisten Funde stammen aus sogenannten Freilandfundplätzen. Erst jüngere Funde wurden in Höhlen gemacht. Neben den Faustkeilen finden sich an einigen Fundstellen auch erste Spuren, die auf die Nutzung des Feuers hindeuten. Sie werden auf die Epoche der Mindel-Kaltzeit vor etwa 460.000 bis 400.000 Jahren datiert. Zusammen mit den Werkzeugen wurden auch die Überreste der Jagdtiere gefunden. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass Waldnashorn und Waldelefant recht häufig auf dem Speiseplan der frühen Menschen standen. Die Werkzeuge aus Quarzit, Lava-Gestein oder Feuerstein dienten demnach zum Zerlegen der Tiere. Auch wurde Holz mit ihrer Hilfe bearbeitet.
Leider haben sich aus dieser Zeit keine Gräber erhalten. Daher weiß man nichts über die soziale Organisation oder die religiösen Ansichten der Menschen dieser Zeit.

2008 wurde von einer Forschungsgruppe aus Griechenland und den USA eine Grabung bei Plakias an der südwestlichen Küste von Kreta durchgeführt. Hier fand man Steinwerkzeuge, die auf ein Alter von 700.000 Jahren geschätzt werden. Es wäre damit der bislang älteste Beweis, dass die Menschen im Acheulèen bereits die Kunst der Seefahrt beherrschten und auch ferne Küsten erreichen konnten, denn Kreta war zu jeder Zeit eine Insel und nur per Boot oder Floß besiedelbar.
Vielleicht waren die Faustkeilmeister des Acheuléens bereits sehr gute Schilfboot-Bauer.

 


Das Acheuléen wird der Kategorie Zeit zugeorndet.

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Quellen:

 

Aktualisiert ( Samstag, 10. März 2012 um 10:12 Uhr )
 

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