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Kind von Taung: Mehr als der Missing Link - Greifvogel-Opfer und lange Zeit Streitgegenstand der Wissenschaft

Kind von Taung: Mehr als der Missing Link - Greifvogel-Opfer und lange Zeit Streitgegenstand der Wissenschaft (Wordle)

(Steinzeit-Lexikon). Der fossile Schädel eines jungen Vormenschen wird als Kind von Taung bezeichnet. Er wurde 1924 in der Ortschaft Taung (Südafrika) entdeckt und ist laut Datierung über zwei Millionen Jahre alt.

Ein Anatom der University of Witwatersrand im südafrikanischen Johannesburg erkannte sehr schnell die Bedeutung und Tragweite der menschlichen Überreste. Bereits 1925 veröffentlichte Raymond Dart in der Fachzeitschrift Nature einen Aufsehen erregenden Artikel, denn er nannte darin für das Fossil einen neuen Art- und Gattungsnahmen: Australopithecus africanus. Zu seiner Zeit waren die auf den Namen „Kind von Taung“ getauften Überreste die ältesten, bekannten Fossilien eines menschlichen Urahns aber gleichzeitig auch die ersten in Afrika entdeckten Überreste eines unserer Vorfahrens.

Damit wurde auch die von Charles Darwin aufgestellte Hypothese bestätigt, dass der Mensch nicht nur vom Affen abstammt sondern die Wiege der Menschheit in Afrika lag. Diese Erkenntnisse leiteten ein Umdenken unter Paläoanthropologen ein. Sie waren zuvor aufgrund von anderen in den 1920er Jahren gemachten Fossilienfunde davon ausgegangen, dass die Evolution des Menschen zu großen Teilen in Asien stattgefunden hätte.

Australopithecus africanus: Der Missing Link in der menschlichen Evolution?

Der Schädel gelangte 1924 über einen Vorarbeiter des Buxton-Kalksteinbruchs der Northern Lime Company in die Hände von Raymond Dart. Dieser Vorarbeiter namens M. de Bruyn hatte im Vorfeld bereits öfters Funde nach Johannesburg geschickt.
Bei dem Kind von Taung handelte es sich unter den Vormenschen-Fossilien um einen ganz besonderen Fund. Es war einerseits ein fast vollständiger Schädel und anderseits waren es offensichtlich die Überreste eines Kindes. Der Gesichtsschädel ist nahezu unbeschädigt. Auch der Unterkiefer blieb fast vollständig erhalten und zeigt darüber hinaus noch fast alle Zähne. Unter ihnen befinden sich teilweise noch die Milchzähne. Andererseits sind auch schon bleibende Zähne vorhanden. Einige der bleibende Zähne sind noch nicht vollständig durchgebrochen. Deutlich erkennbar ist, dass die Eckzähne deutlich kleiner sind als bei fossilen und heutigen Affen. Sie wirken schon sehr menschenähnlich. Am Hinterhauptsjoch ist erkennbar, dass Australopithecus africanus bereits aufrecht gegangen sein muss, denn der hinterste Gehirnteil, der sich zum Beginn des Rückenmarks erstreckt, ist bereits unterhalb des Schädels angeordnet.

Ein Glücksfall für die Wissenschaft ist allerdings auch, dass ein natürlicher Ausguss der Gehirnkapsel erhalten blieb. D. h. eine Kopie des Gehirns versteinerte im Schädelinnenraum. Somit wird das Gehirn dieses Individuums sichtbar. Die Gehirnwindungen im Stirnbereich sind sogar für Laien gut erkennbar. Das Kind von Taung hatte ein geschätztes Gehirnvolumen von 382 bis 405 Kubikzentimetern. Ein erwachsener Australopithecus africanus kam vermutlich auf 406 bis 440 Kubikzentimeter. Ein ähnliches Gehirn-Volumen besitzen heute lebende Schimpansen. Der moderne Mensch alias Homo sapiens beherbergt drei bis viermal so viel „zwischen den Ohren“.

Versteinerte Schädelinnenraum offenbart ein sehr menschliches Gehirn

Am Schädelausguss lässt sich ebenfalls noch gut eine Knochennaht erkennen, die sogenannte metopische Sutur. Sie war ähnlich wie bei gleichaltrigen Homo sapiens-Kindern noch nicht vollständig verknöchert. Hier besteht ein Unterschied zu Schimpansen-Jungen im gleichen Alter wie das Kind von Taung. Bei Schimpansen wäre diese Naht bereits vollständig verschlossen und verknöchert.

Als das Kind von Taung starb, war es anfangs auf ein Alter zwischen fünf bis acht Jahren geschätzt worden. Heute geht die Forschung davon aus, dass die Kindheit der Australopithecinen früher endete und sie deswegen schneller ausgewachsen waren. Man geht daher heute von einem Alter von drei bis vier Jahren aus. Der kleine Frühmensch war ca. einen Meter groß und brachte vermutlich zwischen 12 und 35 Kilogramm auf die Waage.
Australopithecus africanus an sich zeigt eine Menge menschenähnlicher Merkmale. So besaß er eine gewölbte, hohe Stirn. Der Überaugenwulst fehlte komplett. Ferner zeichneten sich diese Hominiden durch zarte Wangenknochen und einen wenig robusten Unterkiefer aus. Bekäme man einen solchen Vertreter von der Seite zu Gesicht, so besäße er ein relativ flaches Profil.

Das eigentliche Alter des Fossils kann nur aufgrund der Begleitfauna geschätzt werden, da die unmittelbare Umgebung des Fundortes durch den Kalksteinabbau zerstört war bevor eingehende Analysen erfolgen konnten. Von daher schwankt die Altersangabe zwischen minimal zwei und maximal drei Millionen Jahren. Die zeitgleich gefundenen Tierfossilien grenzen das Alter auf 2,4 Millionen Jahre ein. An einigen Stellen in der Fachliteratur findet sich aber auch die Altersangabe von 2,8 Millionen Jahren.

Australopithecus africanus ein Bindeglied in der menschlichen Evolution mit menschlichen und äffischen Merkmalen

Da Raymond Dart eine ärztliche und neuroanatomische Ausbildung besaß, erkannt er ziemlich schnell, dass das Fossil zwar vom Gesicht her einem Affen ähnelte, aber sowohl das Gehirn als auch die Zähne bereits menschliche Züge aufwiesen. Er erkannte sehr richtig, dass es sich beim Kind von Taung um eine sogenannte Mosaikform handelte, also um ein Bindeglied in der menschlichen Evolution, dass ein Zeitfenster öffnete, um den Übergang vom Affen zum Menschen zu betrachten. Der Missing-Link schien gefunden zu sein.

Zu der damaligen Zeit war eine solche These schon sehr kühn und sie wurde von den Forscherkollegen und akademischen Förderern schroff zurückgewiesen. Für sie war das Fossil eindeutig eher einem Affen zuzuordnen. Es in den in den menschlichen Stammbaum einzuordnen, glich einem Affront. Einer der Gutachter von Darts Nature-Artikel, Arthur Keith, beispielsweise schlug vor, dem Fossil die Verwandtschaft zu Gorillas und Schimpansen zuzusprechen.

Über viele Jahre hinweg entbrannte nun ein Forscherstreit um die Einordnung des Kindes von Taung. Da das britische Anthropologen-Establishment Darts Erstbeschreibung lange Zeit ablehnte, fand der Fund des ersten Australopithecus bis Ende der 1930er Jahre keinen Eingang in die einschlägigen Anthropologie-Lehrbücher. Erst 1947 wurde schließlich die Erstbeschreibung des Kindes von Taung endgültig und vollständig rehabilitiert. Wilfrid Le Gros Clark bezeichnete zweifelsohne die Gattung Australopithecus als hominid. Diese späte Rehabilitierung erfolgte erneut in Nature. Damit war Australopithecus dank Clarks Autorität ein Vertreter im menschlichen Stammbaum und konnte getrost als Vormensch bezeichnet werden.

Ein jahrzehntelang schwelender Forscherstreit entbrannte um die Frage der Abstammung von Australopithecus

Den jahrzehntelang schwelenden Forscherstreit um die Frage, ob Australopithecus africanus ein menschlicher Vorfahr war oder ob es sich um eine ausgestorbene Menschenaffenart handelte, versteht nur, wer sich mit Weltbild zu der Zeit des Fundes näher auseinander setzt.

Alles begann mit Charles Darwin. Er veröffentlichte 1871 das Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“. Darin vermutete er auf Grundlage der Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Schimpanse und Gorilla, dass der Ursprung der Menschheit in Afrika liegt. Selbst nach der Jahrhundertwende hatte sich Darwins Lehre noch nicht als gesicherte Lehrmeinung durchgesetzt. Die Anthropologen griffen deswegen seine Hinweise zur Stammesgeschichte des Menschen nur äußerst zögerlich auf. In den 1920er Jahren wurden seine Thesen geradezu abgelehnt, da mehrere Fossilienfunde scheinbar dagegen sprachen. Damals galt Asien als der Ort der Menschwerdung. Diese Fehleinschätzung lässt sich auf den Fund des Java-Menschen im Jahr 1891 zurückführen. Hierbei handelte es sich um einen Homo erectus. Auch die Anfang der 1920er Jahre südwestlich von Peking entdeckten Überreste eines weiteren Homo erectus verfestigten das falsche Bild. Die Fossilien des sogenannten Peking-Menschen gingen allerdings in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verloren und können daher von der Wissenschaft nicht mehr mit heutigen Methoden analysiert werden.

Hinzu kam, dass der damals führende amerikanisch Paläontologe Henry Fairfield Osborn das theoretische Konzept des Dawn-Man (Mensch der Morgendämmerung) aufstellte. Osborn war ein Befürworter der Eugenik. Außerdem lehnte er Darwins Vorstellungen über die Abstammung des Menschen von vornherein ab. So verwundert es eigentlich nicht, dass Osborn ohne fossile Belege behauptete, dass das Gehirn von Homo sapiens so komplex sei, dass zwei oder drei Millionen Jahre Zeit nicht ausreichen können, um es aus dem Gehirn eines Affen hervorzubringen. In den 1920er Jahren schlossen sich fast alle Forscher seiner Thesen an. Sie gingen bei der menschlichen Evolution von einer Zeitspanne von 20 bis 25 Millionen Jahren aus. In dieser Zeit hätte sich der moderne Mensch von den Menschenaffen getrennt entwickelt. Diese These war allerdings alles andere als neu, denn bereits der deutsche Wissenschaftler Rudolf Virchow hatte sie bei ähnlichen Überlegungen formuliert. Virchow allerdings beging dadurch den Fehler, den Neandertaler nicht als menschlichen Cousin zu erkennen.

Gefälschter Piltdown-Mensch führte narrte Wissenschaftler jahrelang

Unter heutigen Maßstäben wirken alle diese Annahmen sehr willkürlich. Sie stützten sich in den 1920er Jahren allerdings auf den sogenannten Piltdown-Menschen. Dieser wurde 1912 angeblich in Sussex (Großbritannien) entdeckt – angeblich deshalb, weil er schließlich 1953 als Fälschung entlarvt werden konnte. Bis dahin narrte er allerdings fast 40 Jahre lang die Forscher, denn der Piltdown-Mensch bestand aus dem Schädel eines modernen Menschen, an den der Unterkiefer eines Affen angepasst worden war. Die dreiste Fälschung allerdings bestätigte den Zeitgeist, nachdem die Vorfahren des Menschen bereits seit langer Zeit ein besonders großes Gehirn besaßen. Damit allerdings war der Blick auf die tatsächlichen Gegebenheiten versperrt.

Die Wende im Denken kam erst zustande als Fossilien neu bewertet wurden und damit ihre Aussagekraft schwand. So waren im Laufe der Jahre immer mehr Neandertaler-Fossilien entdeckt worden. Die These, dass es sich bei dem zuerst gefundenem Exemplar um einen deformierten, modernen Menschen gehandelt haben muss, war so nicht mehr haltbar. Auch der Schädel von Piltdown erregte in den 1940er Jahren immer mehr Misstrauen und wurde zunehmend als Kuriosum angesehen, der einfach nicht in den menschlichen Stammbaum passen wollte.

Ab 1936 entdeckte man zwei weitere Überreste von Australopithecus in Afrika. Bis dahin war allerdings auch eine neue Forschergeneration nachgewachsen. Diese begann die älteren Lehrmeinungen zur Dauer der Evolution des menschlichen Gehirns kritisch zu hinterfragen. Der angesehene Anatom Wilfrid Le Gros Clark war allerdings lange Zeit skeptisch, ob die Australopithecinen tatsächlich als frühe Vormenschen einzuordnen wären. Um seine Zweifel zu bestätigen bzw. auszuräumen brach er 1946 zu einer Forschungsreise nach Südafrika auf. Als er allerdings die Knochenfunde näher studierte, war die anfängliche Skepsis schnell verflogen. So ordnete er bereits Anfang 1947 die Australopithecinen ganz selbstverständlich den Hominiden zu. Dies geschah auf einem denkwürdigen Kongress - dem von Louis Leakey in Nairobi organisierten First Pan-African Congress on Prehistory.

Wurde das Kind von Taung Opfer eines Greifvogelangriffs?

Rätselhaft an dem Fund von Taung schien der Umstand, dass im gleichen Gebiet trotz intensiver Suche kein weiteres Fossil eines Australopithecus gefunden werden konnte. Die südafrikanischen Paläoanthropologen Lee Berger und Ron Clarke äußerten bereits Mitte der 1990er Jahre die Vermutung, dass ein Greifvogel am Tod des Kindes beteiligt gewesen sein könnte. Es gab zwar im Umkreis der Fundstelle keine weiteren Überreste eines Hominiden dafür aber viele Tierfossilien. Ein großer Greifvogel hätte diese durchaus zu seinem Horst oder Futterplatz tragen können. Außerdem wiesen Spuren an Affenfossilien darauf hin, dass sie auf der Speisekarte von großen Greifvögeln standen. Hatte das Kind von Taung möglicherweise den Angriff eines großen Adlers nicht überlebt? Auch bei dieser These war die Fachwelt zunächst äußerst skeptisch. Viele hielten das Gewicht des Kindes für einen Greifvogel einfach zu groß.

2006 wurde von einer britisch-amerikanischen Forschergruppe eine Studie veröffentlicht, die für die Greifvogel-These eine Bresche schlug. Für ihre Studie untersuchten die Forscher um Scott McGraw die Nester von 16 Kronenadlern nach Beuteresten. Sie fanden unter anderem 660 Knochen von Affen. Es handelte sich dabei meist um Mangaben, die an der Elfenbeinküste leben und hauptsächlich Bodenbewohner sind. Diese Affenart wird bis zu elf Kilogramm schwer und ist damit die größte Affenart im Tai Regenwald. An vielen Knochen konnten Beschädigungen nachgewiesen werden. Diese entstanden entweder durch die Greifvogelkrallen beim Transport der Beute zum Nest oder aber durch den Schnabel beim Zerlegen des Fanges. Die Kratzer und Bissspuren waren sehr charakteristisch. Die Ergebnisse veranlassten Lee Berger, der an der University of Witwatersrand forschte, zu einer erneuten Untersuchung des Schädels aus Taung. Dieser wird übrigens an jener Universität verwahrt.

Das Ergebnis dieser Untersuchung überraschte. Der fossile Schädel weist ähnliche Verletzungen und Schrammen auf der Oberseite auf. In den Augenhöhlen konnten ebenfalls Einstichstellen nachgewiesen werden, die mit denen bei heute lebenden Beutetieren der Kronenadler fast identisch sind. Mittlerweile sind die Wissenschaftler auch davon überzeugt, dass ein großer Greifvogel, der zur gleichen Zeit wie das Kind von Taung lebte, ebenfalls ein Tier von 30 Kilogramm hätte erlegen können.

Zur Ehrenrettung der Forscher bleibt allerdings anzumerken, dass die Verletzungen des Kindes von Taung vorher nicht übersehen worden waren. Allerdings wurden die Verletzungen eher einer Raubkatze als einem Greifvogel zugeschrieben.

 


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Quellen:

Aktualisiert ( Samstag, 13. Oktober 2012 um 08:01 Uhr )
 

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