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Junge vom Turkana See (Turkana Boy): Unglücksrabe aber Glücksfall für die Wissenschaft. Kaum ein anderes frühmenschliches Skelett blieb so vollständig erhalten

Junge vom Turkana See (Turkana Boy): Unglücksrabe aber Glücksfall für die Wissenschaft. Kaum ein anderes frühmenschliches Skelett blieb so vollständig erhalten (Wordle)

(Steinzeit-Lexikon). Der englische Name des Jungen vom Turkana-Sees ist weniger sperrig wie die deutsche Übersetzung: Turkana Boy. Noch einmal ein ganzes Stück melodischer klingt der afrikanische Name des Fossils: Nariokotome Boy. Es handelt sich dabei um ein außergewöhnlich gut und vollständig erhaltenes Skelett eines Individuums der Gattung Homo. Die männlichen Überreste wurden 1984 in Kenia am Nariokotome-Fluss entdeckt. Der Fundort liegt nur ca. 5 km westlich des Turkana-Sees.

Das Fossil Turkana Boy gehörte vermutlich zur Gattung des Homo erectus und wird auf ein Alter von 1,6 Millionen Jahre geschätzt. Der junge Mann befand sich beim Eintritt des Todes noch in jugendlichen Jahren. So waren seine dauerhaften Zähne noch nicht vollständig durchgebrochen. Die Experten nahmen daher zunächst an, dass er zwischen 11 bis 13 Jahre alt gewesen sein muss. Neuere Untersuchungen vermuten, dass der Junge sogar noch jünger war und schätzen ihn auf 9 Jahre. Dafür hatte er allerdings bereits eine ganz ordentliche Körpergröße erreicht. Erste Vermessungen ergaben eine Körpergröße von 169 cm. Spätere Untersuchungen korrigierten diese Zahl noch ein wenig nach unten und kamen auf eine Größe von 141 bis 147 cm. Auch dies ist noch recht beachtlich für einen Neunjährigen. Ausgewachsen hätte der Turkana-Junge durchaus eine Größe von um die 1,80 Meter erreichen können.
Das Gewicht des Jungen wird auf 45 bis 50 kg geschätzt.

Einige Experten möchten den Jungen vom Turkana-See zusammen mit anderen Fossilien zu Homo ergaster zu schlagen. Dies ist insofern problematisch, dass Homo ergaster von der Wissenschaft nie genau gegen Homo erectus und andere alte Arten der Hominini abgegrenzt worden war.
Der Schädel des Turkana-Boy weist jedoch viele Ähnlichkeiten zu Funden von Homo erectus auf, die aus Asien stammen. Insbesondere die Übereinstimmung mit den Java-Menschen überrascht.

War der Turkana-Boy ein Homo erectus oder ein Homo ergaster? Oder sind beide Arten letztlich doch eine Art?

Das Skelett besticht für sein Alter mit einer ungewöhnlichen Vollständigkeit: Mehr als 90 Prozent der Knochen sind erhalten geblieben. Insgesamt wurden ca. 80 Körperknochen unterhalb des Halses geborgen. Einige von ihnen waren allerdings zerbrochen. Anhand des Fundes gelang es erstmalig, entscheidende Unterschiede zwischen Homo erectus und Homo sapiens zu studieren. Leider fehlen allerdings viele Fuß- und Handknochen. Auch der Schädel musste mühselig zusammengesetzt werden, da er in rund 70 Fragmente zerbrochen war.
Der rekonstruierte Schädel des Jungen vom Turkana-Sees lässt auf ein Volumen von ca. 880 cm³ schließen. Vermutlich wuchs das Volumen bei erwachsenen Exemplaren des Homo erectus noch auf ca. 910 cm³ an. Zum Vergleich: Die ungleich ältere Mrs. Ples kommt als Australopithecus africanus auf ein Gehirnvolumen von um die 500 cm³. Das Gehirnvolumen des modernen Menschen bzw. Jetztmenschen beträgt rund 1400 cm³.

Auffällig an dem Skelett ist auch, dass die Wirbelfortsätze länger und der Rückenmarkskanal enger ist. Anatomisch bedingt konnten nur wenige Nervenfasern in den Brustkorb führen. Höchstwahrscheinlich war der Turkana-Boy nicht in der Lage, den Luftstrom von der Lunge zum Mund mehr oder weniger bewusst zu steuern. Damit können leider keine Sprachfähigkeiten attestiert werden.
Das schmale Becken zeichnet einen guten Geher und Läufer aus. Vielleicht war der Jugendliche in dieser Disziplin sogar besser als wir heutigen Menschen. Der Junge vom Turkana-See beweist allerdings, dass Homo erectus als modernster Hominide der damaligen Zeit den affenähnlichen Körperbau seiner Vorfahren, den Australopithecinen, bereits hinter sich gelassen hatte und bereits vom Körperbau in Richtung Homo sapiens steuerte.

KNM-WT 15000 fasziniert durch das beinahe vollständig erhaltene Skelett. Erstmalig konnten Unterschiede zwischen Homo erectus und Homo sapiens ausgiebig studiert werden

Offiziell heißt der Turkana-Boy KNM-WT 15000. Seine Überreste werden im Nairobi National Museum aufbewahrt. Dieses Fossil ist bislang das vollständigste Homo erectus-Skelett. Der erste Hinweis auf den Sensationsfund wurde im August 1984 von Kamoya Kimeu entdeckt. Er stieß auf ein Fragment des Schädels. Die Bergung des gesamten Skeletts dauerte fünf Jahre und wurde von der Arbeitsgruppe rund um Alan Walker und Richard Leakey durchgeführt. Bis alle Knochen und Fragmente geborgen waren, mussten rund 1500 Tonnen Sediment nicht nur bewegt sondern auch akribisch durchsucht werden.

Bis heute wurde kein weiteres so vollständig erhaltenes Skelett von einem menschlichen Vorfahren entdeckt – wenn man mal von einigen wenigen Neandertaler-Skeletten absieht. Diese „jungen Hüpfer“ sind aber auch „nur“ rund 100.000 Jahre alt.
Grund für den guten Erhaltungszustand dürften die unglücklichen Umstände gewesen sein, die zum Tode des Jungen in der Nähe des Turkana-Sees führten. Der Jugendliche kam am Rand eines seichten Flussufers ums Leben. Sehr schnell muss sein Körper von Sedimenten bedeckt und so am Zerfall gehindert worden sein, was sich für die Wissenschaftler als Glücksfall herausstellte. Hier liegen zwischen Glück und Unglück immerhin mehr als eineinhalb Millionen Jahre.

 


Der Junge vom Turkana-See gehört in die Kategorie: Fossil - genauso wie auch Ida, das Kind von Taung, Mrs./Mr. Ples, Lucy, Ötzi oder Ardy

Beiträge auf H[AGE], in denen der Begriff "Junge vom Turkana See/Turkana Boy" vorkommt:

 


Quellen:

Aktualisiert ( Mittwoch, 24. Oktober 2012 um 20:27 Uhr )
 

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