Zufallskarte

Bola-Kugel
Image Detail
Valid XHTML 1.0 Strict CSS ist valide!

Homo neanderthalensis (Neandertaler): Kein dumpfer Grobian in der menschlichen Evolution

Homo neanderthalensis (Neandertaler): Kein dumpfer Grobian in der menschlichen Evolution

(Steinzeit-Lexikon). Der Neandertaler trägt den offiziellen lateinischen Namen „Homo neanderthalensis“. Der Name geht auf das Neanderthal zwischen Erkrath und Mettmann (NRW/Deutschland) zurück. Hier windet sich die Düssel entlang und dort wurde 1856 ein Teilskelett dieses menschlichen Vorfahrens gefunden.

Grober Überblick zum Neandertaler

Die Eiszeitmenschen sind heute ausgestorben, werden aber gerne auch als menschlicher Cousin bezeichnet. Zeitweise betrachtete man den Neandertaler nicht als eigene Art sondern als Unterart von Homo sapiens. In älteren Büchern findet sich daher auch die Bezeichnung Homo sapiens neanderthalensis in Abgrenzung zu Homo sapiens sapiens. Doch heute gilt dieser Zweig des menschlichen Stammbaums als eigene Art, die sich in Europa, zum Teil parallel zum Homo sapiens in Afrika, entwickelte. Sowohl der moderne Mensch als auch der Neandertaler haben jedoch gemeinsame afrikanische Vorfahren wie z. B. Homo erectus.

Die Urmenschen waren in Europa zu Hause und besiedelten große Teile von Süd-, Mittel- und Osteuropa. Durch die Eiszeiten war Nordeuropa so gut wie unbewohnbar. Es gibt aber auch Fossilienfunde aus Westasien und Zentralasien. Westasiatische Fundgebiete sind die Türkei, das Levante und der Nordirak. In Zentralasien fand man die Überreste beispielsweise in Usbekistan, Tadschikistan und dem Altai.
Da der Neandertaler zum Teil seine Toten bestattete, gilt er neben dem Homo sapiens als die am besten überlieferte Art aus der Gattung Homo, da relativ viele Fossilien die Zeiten überdauern konnten.

Inhaltsverzeichnis:

 

Fundgeschichte

Wie alles anfing - der namensgebende Fund

Im August 1856 entdeckten italienische Steinbrucharbeiter in eiem Kalksteinbruch des Neandertals insgesamt 16 Knochenfragmente. Zunächst schenkte man den Fossilien keinerlei Beachtung und warf sie zum restlichen Abraum. Allerdings barg Wilhelm Beckershoff, der Mitbesitzer des Steinbruchs war, die Überreste und übergab sie an Johann Carl Fuhlrott. Fuhlrott war ein anerkannter Naturwissenschaftler der damaligen Zeit. Presseberichte über den Fund und die Übergabe weckten die Aufmerksamkeit des Bonner Anatomen Heermann Schaaffhausen. Er untersuchte die Knochen ebenfalls und kam letztlich zum gleichen Ergebnis wie zuvor Fuhlrott. Die Überreste müssen einer vorzeitlichen Form des modernen Menschen angehören.
Beide Wissenschaftler präsentierten daraufhin den Fund 1857 auf der Geneeralversammlung des Naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinland. Das dortige Fachpublikum allerdings teilte ihre Interpretation des Fundes nicht.

Letztlich verdankt der Neandertaler seinen Namen dem irischen Geologen William King. Er ordnete den Fund 1864 in die menschliche Taxonomie ein. Bereits 1893 hielt King einen Vortrag vor der Geologischen Sektion der British Association for the Advancement of Scienes. Hier erörterte er die Schädelform der Funde aus dem Neanderthaler und die deutlich sichtbaren Abweichungen von er Schädelform des modernen Menschen. In diesem Vortrag nannte er den neuentdeckten Urahn „Homo Neanderthalensis King“.

Dieser Name konnte sich im deutschsprachigen Raum lange Zeit nicht durchsetzen. Verantwortlich für diesen Irrtum war Rudolf Virchow. Virchow war damals zwar der bedeutendste Pathologe in Deutschland. Er erkannte in dem Schädel allerdings nicht den Urmenschen sondern hielt die Überreste für einen krankhaft deformierten Schädel eines Homo sapiens. An dieser Fehlinterpretation im Jahr 1872 hielt der fest bis zu seinem Tod im Jahr 1902.

Noch heute wird diese Episode im Neanderthal Museum am Leben erhalten. Nahe am Fundort wird die Entwicklungsgeschichte der beiden Hominidenarten Neandertaler und Homo sapiens nachgezeichnet und viele Informationen, Geschichten und Anekdoten gesammelt.

Weitere wichtige Funde

Der Fund aus dem Neanderthal blieb nicht lange das einzige entdeckte Fossil des Homo neanderthalensis. Rückblickend betrachtet war es nicht einmal der Erstfund. Bereits 1833 beschrieb der niederländische Arzt und Naturforscher Philippe-Charles Schmerling einen Fund aus einer Höhle bei Engis (Belgien). Hier fand man 1829 einen fossilen Kinderschädel und andere Knochen. Aufgrund der Beifunde wie den Überresten von Tieren und Steinwerkzeugen wurden die Fossilien der Epoche des „Diluviums“ (= Sintflut) zugeschrieben. Obwohl Schmerling die typischen Eigenschaften des Neandertalers beschrieb, verkannten Fachkollegen den Fund und ordneten ihn als „modern“ ein.

Auch in Gibraltar wurden noch vor dem Fund im Neanderthal gut erhaltene fossile Schädel entdeckt. Die Knochen kamen 1848 im Kalksteinbruch Forbes Quarry ans Tageslicht. Doch erst Jahrzehnte nach der Entdeckung erkannte die Wissenschaft das Alter der Knochen von mehreren zehntausend Jahren an und ordnete diese Funde noch einmal sehr viel später dem Homo neanderthalensis zu. Bis sich die Vorstellung durchsetzen konnte, dass es neben dem Homo sapiens eine andere Menschenart gegeben haben muss, vergingen viele Jahre. Erst im Laufe der Zeit, nachdem weitere Fossilienfunde gemacht wurden, bekam der Neandertaler den Platz in der menschlichen Evolution zugesprochen, den er verdiente.

Im Jahre 1999 ergab eine Inventur, dass bis dahin Fossilien von 300 Neandertaler-Individuen entdeckt worden waren. Viele Fundplätze gibt es in den Karstgebieten wie beispielsweise Südfrankreich und anderswo. In den sich dort bildenden Höhlen sind die Bedingungen für die Versteinerung von organischem Material besonders gut. Paläo-Anthropologen jedenfalls bekommen leuchtende Augen, wenn die nachfolgenden Namen hören:

  • Frankreich: La Chapelle-aux-Saints, Le Moustier, La Ferrassie, Pech de l’Azé, Arcy-sur-Cure oder La Quina
  • Spanien: Sima de los Huesos, Cueva de los Aviones und Cueva Antón
  • Israel: Tabun-Höhle und Kebara-Höhle im Karmel-Gebirge
  • Irak: Shanidar-Höhle
  • Kroatien: Vindija-Höhle
  • Türkei: die Karain-Höhle
  • Russland: Mesmaiskaja-Höhle ( Kaukasus)
  • Altai-Gebirge: Okladnikow-Höhle

Das Kerngebiet der Neandertaler erstreckt sich über Süd- und Südwesteuropa. Demnach lebten sie in Frankreich, Italien und Spanien, Deutschland, Belgien und Portugal. Erst später während der letzten Eiszeit verließen das ursprüngliche und fast ausschließliche europäische Siedlungsgebiet und wanderten schließlich auf der Suche nach neuen Lebensräumen auch in den Nahen Osten und Teilen Zentralasiens ein. Der Altai bildete die östlichste Barriere, die sie nicht überwinden konnten.

 

Wann und wo überall lebte der Neandertaler?

Die ältesten Neandertalerfunde mit eindeutigen Merkmalen stammen aus Kroatien und Italien. Sie werden auf ein Alter von rund 130.000 bis 120.000 Jahren geschätzt. Eine genaue Abgrenzung zu älteren Funden ist schwierig, da sich die Vormenschenart langsam und allmählich aus dem Homo heidelbergensis entwickelte. Die Frage, wann Homo heidelbergensis endete und Homo neanderthalensis anfing, ist noch nicht abschließend geklärt. Selbst in Fachpublikationen tauchen daher unterschiedliche Datierungen zwischen 200.000 und 160.000 Jahren auf. Vereinzelt wurden auch 300.000 Jahre alte und sogar 500.000 Jahre alte Fossilien den Neandertalern hinzugerechnet.

Die Unsicherheit bei der genauen Datierung setzt sich auch für den Zeitraum des Aussterbens fort. Wann genau die Urmenschen von der Bühne der Evolution abtraten, ist ebenfalls noch nicht ganz eindeutig geklärt.
Die letzte Kaltzeit setzte vor 115.000 Jahren ein. An diese Eiszeit waren die Neandertaler bestens angepasst. Die Eiszeit erreichte vor ca. 25.000 bis 20.000 Jahren ihren Höhepunkt. Zu diesem Zeitpunkt war ein Großteil Europas vergletschert. Aber da waren die Eiszeitmenschen bereits ausgestorben. Vermutet wird das Ende während der letzten kurzen Wärmeperiode vor dem Höhepunkt der Eiszeit.

Die gefundenen Knochen zeigen, dass der Neandertaler nur unter günstigen klimatischen Umweltbedingungen ihr Kerngebiet im Süden und Westen Europas verlassen konnten, um in andere Gebiete vorzudringen. Dort hielten sie es aber auch nicht lange aus und wurden durch die sich verschlechternden Bedingungen wieder vertrieben. Die jüngsten Neandertaler-Fossilien, wo es keinen Zweifel an der Datierung gibt, stammen aus der Mesmaiskaja-Höhle im Kaukasus. Sie haben ein Alter von 39.700 ± 1.100 BP. Auch der berühmte Fund aus dem Neanderthal wird heute auf ein Alter von 42.000 Jahren geschätzt.

Es gibt zwar etliche Funde, die deutlich jünger datiert sind, doch hier zweifeln Fachleute an der Genauigkeit der Datierung. Dazu zählen die Funde aus:

  • Arcy-sur-Cure (34.000 Jahre vor heute = BP)
  • Vindija-Höhle (32.000 BP)
  • Zafarraya (32.000 BP)
  • Gorham-Höhle (28.000 BP)

All diese Fossilien stammen auch aus Regionen, die sehr viel südlicher als das ursprüngliche Kern-Verbreitungsgebiet liegen. Viele Forscher gehen davon aus, dass die Neandertaler an diesen Orten Schutz vor der Kälte gesucht haben könnten. Alle Datierungen die mit der C14-Methode ein Alter von jünger als 34.000 BP ergaben, werden kritisch betrachtet. Entweder sprechen methodische Gründe oder unklar überlieferte Schichtzusammenhänge gegen die Altersbestimmung.

In einer nahe am Polarkreis gelegenen Fundstelle von Steinwerkzeugen, die sowohl dem  Moustérien als auch dem späten Neandertaler zugeordnet werden, wurden die Artefakte auf ein Alter von 34.000 bis 31.000 BP geschätzt. Doch diese Datierung der Funde von Byzovaya (Ural) ist ebenfalls nicht unumstritten.
Das Aussterben des Neandertalers im Zeitraum von vor 45.000 Jahren bis 30.000 Jahren fällt mit einem anderen Ereignis zusammen. Vor etwa 40.000 Jahren drängten die ersten Vertreter von Homo sapiens über den Nahen Osten aus Afrika kommend nach Europa. Sie besetzten nun die gleiche ökologische Nische wie die eingestammten Neandertaler. In wie weit die beiden Gruppen in gegenseitiger Konkurrenz oder friedlicher Koexistenz nebeneinander her lebten, ist unklar. Allerdings wird die Kultur des sogenannten Châtelperronien als Beleg dafür gewertet, dass sich der Neandertaler durch die Cro-Magnon-Menschen kulturell beeinflussen ließ.

 

Körperbau: Was ist am Neanderthaler so neanderthalerisch? Oder anders: Welche besonderen Merkmale hat er?

Obwohl durch viele Skelettfunde hinreichend belegt, hat es lange gedauert, bis eine Liste mit all jenen Merkmalen zusammengestellt war, die den eindeutigen Unterschied von Homo neanderthalensis gegenüber den anderen Arten der Gattung Homo auflistet. Diese Liste wurde erst 1978 vorgelegt und macht die Einzigartigkeit an vier Schädelmerkmalen fest:

  1. Torus occipitalis (Hinterhauptswulst) = eine knöcherne Leiste, die quer über das Hinterhauptsbein am Hinterkopf verläuft
  2. Fossa suprainiaca (= ovale Vertiefung über dem Hinterhauptwulst)
  3. Juxtamastoid-Kamm (= ein ausgeprägter occipito-mastoidaler Kamm, der im Mastoid-Fortsatz liegt. (Der Mastoid-Knochen ist eine Knochenstruktur, die (bei Neandertalern im Vergleich zum modernen Menschen klein) hinter und unter dem Ohrkanal vorspringt)
  4. Tuberositas mastoidalis (= eine deutliche, gerundete Erhöhung auf dem Mastoid-Fortsatz. Diese verläuft schräg nach hinten und oben. Sie ist bei anderen Menschenformen anders entwickelt oder fehlt völlig.

Nach 1978 kamen weitere typische Merkmale hinzu. Beispielsweise konnten spezielle Strukturen in der Nasenhöhle und die Veränderung bei der Lage der Bogengänge im Innenohr nachgewiesen werden.

 

Gehirn & Schädel

Die Neandertaler hatten ein Gehirnvolumen von 1200 bis 1750 Kubikzentimeter. Der Durchschnitt muss wohl um die 1400 cm³ betragen haben. Damit hatten die Urmenschen im Vergleich zum heutigen Menschen ein etwas größeres Gehirn. Die Wissenschaftler erklären diesen Umstand allerdings damit, dass die Homo neanderthalensis auch insgesamt einen kräftigeren Körperbau in Folge der Anpassung an die Kaltzeiten hatte. Trotz der anatomisch bedingten Variationsbreite konnten viele spezifische Neandertaler-Merkmale nachgewiesen werden. Es gibt durch entsprechende fossile Funde (z. B. anhand eines Babyschädels) den Nachweis, dass diese Merkmale bereits vor der Geburt angelegt waren und sich nicht erst im Laufe des Lebens herausbildeten.

 

Gesicht

Im Vergleich zum Homo sapiens-Schädel wirkt ein Neandertalerschädel lang und archaisch. Dafür sind vor allem die Überaugenwülste und der dominante Kiefer verantwortlich. Die Stirn war flach und fliehend. Beim modernen Mensch dagegen ist sie meist steil. Vermutlich besaßen die Eiszeitmenschen eine große, fleischige Nase. Darauf deutet zumindest die große und breite Nasenöffnung hin. Die Anthropologen deuten dies als Anpassung an die Eiszeit. Eine große Nase bot den Vorteil, dass die kalte Atemluft angewärmt werden konnte und so bereits relativ warm die Lunge erreicht. Durch einen solchen Mechanismus lässt sich die Körper-Kerntemperatur besser regulieren und aufrechterhalten.

Da die Riechschleimhaut beim Neandertaler weiter vorn in der Nase angeordnet ist als bei uns heutigen Menschen, konnten die Urmenschen wahrscheinlich deutlich besser riechen als wir. Damit hatten sie einen körperlichen Vorteil bei der Ortung von Nahrung. Da sie als Jäger und Sammler lebten, waren sie auf genügend Beute bei der Jagd von Tieren angewiesen. Kritiker der möglichen Kälteanpassungen geben zu bedenken, dass die größere Nasen, die geräumigeren Kiefern- und Stirnhöhlen lediglich eine Folge des insgesamt breiteren Neandertaler-Gesichts sein könnten.

 

Zähne

Eine These geht davon aus, dass die massivere Schädelform nicht nur durch das größere Gehirn geformt wurde, sondern auch auf die starke Beanspruchung der Schneidezähne zurückzuführen ist. Nachweislich nutzte die der Neandertaler nämlich nicht nur zur Nahrungsaufnahme sondern auch als Werkzeug. Die Zähne gelten als eine Art von dritter Hand. Sie kamen als Schraubstock oder Zange zum Einsatz. Diese Technik ist definitiv kein Alleinstellungsmerkmal des Neandertalers. Es gibt sie auch beim modernen Menschen oder den heutigen Menschenaffen. Allerdings gibt es starke Abriebspuren, die auf einen häufigen Einsatz schließen lassen. Diese Spuren zeigen auch, dass die Neandertaler – ähnlich Homo heidelbergensis – überwiegend Rechtshänder waren. Die Abnutzung der Zähne verrät den Wissenschaftlern ebenfalls die Lebenserwartung der Spezies. Vermutlich wurden die meisten Neandertaler nicht viel älter als 30 Jahre. Damit war ihre Lebensspanne auch nicht wesentlich höher als die für Homo heidelbergensis angenommene.

 

Skelett

Das übrige Skelett unterscheidet sich bei Homo neanderthalensis nicht wesentlich von heutigen Homo sapiens-Skeletten. Unterschiede werden allenfalls in den Proportionen deutlich. So haben die Eiszeitmenschen ein breiteres und robuster gebautes Becken. Die Beinknochen waren kräftiger als bei heutigen Menschen. Im Vergleich dazu wirkten die Arme vergleichsweise zierlich.

Die Fossilien lassen auf eine Körpergröße von um die 1,60 Meter schließen. Damit waren die Neandertaler etwas kleiner als die frühen anatomisch modernen Menschen. Diese kamen immerhin auf eine durchschnittliche Körpergröße von 1,77 m. Insgesamt wirkten sie kompakter und stämmiger als heutige Menschen mit europäischen Wurzeln. Das Körpergewicht der Urmenschen dürfte in etwa dem der heute lebenden Europäer entsprochen haben. So kam beispielsweise der Alte Mann von La Chapelle auf ein geschätztes Gewicht von 60 bis 80 Kilogramm. Frauen waren bei den Neandertalern in der Regel etwas leichter und kleiner als die Männer. Das Größen- und Gewichtsverhältnis entspricht aber in etwa der Situation, die sich auch heute zwischen Mann und Frau zeigt. Auch hatten die Neandertalerinnen ein verhältnismäßig eng gebautes Becken, sodass auch hier die Geburt entsprechend schmerzhaft verlaufen sein musste.
Die kleinen Unterschiede zwischen Homo sapiens und Homo neanderthalensis in punkto Körperbau und –gewicht wurden als Anpassung des Neandertalers an das kalte europäische Klima gedeutet.

Obwohl die Urmenschen im Vergleich zu heute lebenden Menschen deutlich kürzere Beine hatten, waren die Knochen der unteren Extremitäten bei ihnen größeren Belastungen gewachsen. Obwohl vielleicht kein ausdauernder Marathonläufer oder extrem schneller Sprinter konnte ein Neandertaler extreme Belastungen wahrscheinlich gut wegstecken. Und bekäme man heute von einem Eiszeitmenschen die Hand geschüttelt, so wäre man sicherlich über den festen Händedruck erstaunt, denn eine ungewöhnlich starke Brust- und Rückenmuskulatur erlaubten einen kräftigen Präzisionsgriff.

Einst dachte die Forschung, dass die Urmenschen kaum aufrecht gehen konnten, geschweige denn in der Lage waren, geistige Tätigkeiten zu verrichten. Dieses Bild vom schwerfälligen Primitiven stimmt längst nicht mehr. Letztlich liegt der Neandertaler von den Körpermaßen her – trotz aller auffallenden Abweichungen – innerhalb der Variationsbreite, die es auch bei den heutigen Menschen gibt. Ein normal gekleideter Neandertaler würde daher in einer Menschengruppe gar nicht so herausstechen.

 

Sozialverhalten

Neandertaler lebten in Familienverbänden, die sich auch um Kranke und Alte kümmerten. Das belegen zahlreiche Funde von Skeletten älterer Neandertaler. Hier gibt es Hinweise auf verheilte Knochen und zurückgebildeten Muskelpartien. Damit das Individuum weiterleben konnte, musste es von Sippenmitgliedern unterstützt werden.

Ob der Neandertaler gut sprechen konnte oder nicht, darüber streiten sich noch immer die Geister. Die simulierte Entwicklung des Gehirns eines Neandertaler-Kindes zeigt, dass die Bereiche des Parietallappens und der Kleinhirnregion sich weniger stark entwickelten als bei modernen Menschenkindern. Die Entwicklung ähnelt hier vielmehr den Mustern, die man auch beim Schimpansen findet. Verletzungen oder Entwicklungsstörungen in den genannten Regionen haben beim modernen Menschen jedenfalls Auswirkungen auf das Sprachvermögen und das Sozialverhalten. Durch die enge Verwandtschaft lässt sich dies für den Neandertaler deshalb nicht ausschließen.

Generell musste der Neandertaler schneller erwachsen werden als der anatomisch moderne Mensch. Die Kindheit war damit deutlich kürzer.

 

Was stand auf dem Speiseplan des Neandertalers?

Der Speiseplan von Homo neanderthalensis war sicherlich sehr breit. Er konnte ihn durch gekochte Speisen erweitern, da er die Techniken des Feuermachens beherrschte. Diese Kulturtechnik wurde vom Vorgänger Homo heidelbergensis übernommen. Von dieser Urmenschen-Art stammen die ältesten bekannten Feuerstellen in Europa. Sie haben ein Alter von rund 400.000 Jahren. Da Siedlungsplätze zum Teil für Jahrzehntausende wiederholt aufgesucht wurden, bildeten sich durch Ablagerungen vielfach Schichten, die heute den Forschern viel vom Alltagsleben der Neandertaler verraten.

So waren die Neandertaler hochspezialisierte Jäger, die Jagd auf Bisons und Mammuts machten. Sie kannten die Zugrouten und Weidegebiete der Tierherden und lauerten ihnen an besonders geeigneten Stellen gezielt auf. In Salzgitter beispielsweise fand man zusammen mit tausenden Steinwerkzeugen die Knochen von 86 erlegten Rentieren. Es ist also nicht allzu schwer vorstellbar, dass es sich hier um einen Schlachtplatz gehandelt haben könnte.

Steakliebhaber, die aber auch vegetarische Kost nicht verschmähten

Isotopenmessungen bei Neandertaler-Knochen deuten außerdem daraufhin, dass Fleisch die wichtigste Proteinquelle für die Jäger und Sammler war. Einige Hypothesen zum Aussterben der Neandertaler bringen daher die Ernährungsweise ins Spiel. Sie überlegen, ob die flexiblere Ernährung von Homo sapiens eventuell mit den Ausschlag für das Überleben dieser Art gegeben haben könnte. Allerdings belegte im Jahr 2010 ein internationales Forscherteam, dass sich auch die Neandertaler von Pflanzenkost ernährten. So fand man im Zahnstein von Funden aus Belgien und Irak die Spuren von Datteln, Hülsenfrüchten und Grassamen. Bei spanischen Fossilien wurde im Zahnstein sogar gekochte Stärke eingelagert. Damit gibt es eindeutig Belege dafür, dass pflanzliche Kost durch Kochen verdaulicher gemacht worden war.

Richtig ist jedoch, dass auf Grundlage der öko-geografischen Gegegebenheiten die Nahrungszusammensetzung bei einzelnen Neandertaler-Gruppen unterschiedlich ausfiel. In Nordeuropa war der Fleischanteil größer als bei den in Südeuropa lebenden Neandertalern. Der Urmensch war jedenfalls in der Lage, sich an die spezifischen Gegebenheiten seiner Umwelt anzupassen. In Gibraltar entdeckte man beispielsweise die Überreste von Miesmuscheln, Robben, Delfinen und Fischen. Hier standen also über viele Jahrtausende auch Meerestiere mit auf dem Speiseplan.

 

Hatte der Neandertaler Kultur?

Erst in den letzten Jahren änderte sich das Bild vom Neandertaler, sodass man ihm mittlerweile eine eigenständige Kultur zuspricht. Dazu gehören:

 

Sprache

Ob der Neandertaler eine eigenständige Sprache entwickelte oder ob er sich nur über Grunzlaute und Klicks verständigte, ist ungewiss. Die anatomischen Voraussetzungen zum Sprechen hatten die Urmenschen jedenfalls. Das zumindest belegt das in der Kebara-Höhle (Israel) entdeckte Zungenbein eines Neandertalers. Außerdem belegen genetische Untersuchungen aus dem Jahr 2007, dass die Neandertaler ebenso über das FOXP2-Gen verfügten. Dieses Gen spielt beim modernen Menschen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Sprache. Es gibt also relativ wenig Gründe für die Vermutung, dass der Neandertaler nicht sprechen konnte. Welche Vokabeln oder welche Grammatik er für Sätze benutzte, werden wir allerdings niemals erfahren.

 

Werkzeuggebrauch

In Europa wird die Kulturepoche Moustérien und die dort auftretende Levalloistechnik den Neandertalern zugeordnet. Mit Hilfe der letztgenannten Methode wurden Steine zu alltäglichen Universalwerkzeugen umgearbeitet. Der Neandertaler kannte differenzierte Werkzeuge für das Schneiden und Schaben.
Vermutlich hatten die einzelnen Neandertaler-Sippen nur relativ kleine Gebiete, die sie durchstreiften. Sie mussten auf die dort natürlich vorkommenden Ressourcen zurückgreifen. So sind beispielsweise die Werkzeugfundstellen meist nur wenige Kilometer von den natürlichen Vorkommen des Gesteins entfernt. Lange Transportwege entfielen somit.

Neben Steinwerkzeugen wie Messer oder Klingen verfügten die Neandertaler auch über Waffen aus Holz. Hier sind vor allem Speere und Lanzen für die Jagd auf Großwild zu nennen. Die Stoßlanze von Lehringen wurde 1946 gefunden und wahrscheinlich von den Eiszeitmenschen genutzt. Die Speere dürften vom Aussehen und der Bearbeitungstechniken den Schöninger Speeren geähnelt haben. Diese sind zwar 270.000 Jahre alt, wurden aber vom Vorfahren Homo heidelbergensis genutzt. Die späten Neandertaler haben wahrscheinlich die Lanzen weiterentwickelt und mit steinernen Spitzen versehen. Die Steinspitzen wurden mithilfe von Birkenpech, dem ersten Universalkleber der Menschheit, in die hölzernen Schäfte eingefügt. Der Fundplatz Königsaue am Ascherslebener See im Harzvorland belegt, dass sich bereits die Urmenschen auf die Herstellung des Birkenpechs verstanden.

Ausgereifte Steinwerkzeuge und der erste Universalkleber standen dem Neandertaler zur Verfügung

Das raue Klima während der Eiszeiten in Europa begünstigte die Entwicklung von Kleidung. Vermutlich ist der Neandertaler die erste Menschenart die sich eine zweite, fremde Haut zulegte. Sehr wahrscheinlich wurden dafür die Felle der gejagten Tiere gegerbt und weiterverarbeitet. Es ist belegt, dass der Neandertaler Mammuts, Wollnashörner, Rentiere, Wildpferde und Höhlenbären bejagte. Dabei kam es durch die Nahwaffen zu häufigen Kopf- und Armverletzungen. Diese gingen dank der Pflege durch Familienangehörige und dem Wissen um Naturheilmittel nicht immer tödlich aus.

Dass der Neandertaler auch Meerestiere nicht verschmähte, ist bereits erwähnt worden. Dafür macht es Sinn, dass er Boote oder Flöße bauen konnte und vielleicht sogar die Seefahrt beherrschte. Bislang fehlen für diese Fähigkeiten noch die entsprechenden Beweise. Auf Kreta (Griechenland) wurden zwar menschliche Spuren gefunden, die 130.000 Jahre alt sind. Allerdings wird angenommen, dass diese frühen Seefahrer den Gruppen von Homo heidelbergensis oder Homo erectus angehörten. Doch wenn diese beiden Vorfahren des Neandertalers die Kulturtechniken bereits beherrschten, sollte nicht ausgeschlossen werden, dass auch der Neandertaler einfache Boote wie Einbäume bauen konnte.

 

Körperschmuck, Kunst und symbolisches Denken

In Spanien fand man 45.000 bis 50.000 Jahre alte Muschelschalen, die im Bereich des Wirbels 5 Millimeter große, gebohrte Löcher aufweisen. Von den Höhlen, in denen die Muscheln entdeckt wurden, ist bekannt, dass diese den Neandertalern als Aufenthaltsort dienten. Die Schale einer großen Pilgermuschel ist an ihrer Außenseite mit orangem Pigment bemalt. Mehrere Muschelschalen aus einer anderen Höhle wurden ebenfalls farbig in rot, gelb und orange gestaltet. Möglicherweise waren die farbigen Muscheln einst an einem Halsband befestigt und dienten als ästhetischer oder symbolischer Schmuck.

Die Maske von La Roche-Contard wird als Indiz für eine aufkeimende Kunst bei den Neandertalern gedeutet. Sie hat mindestens ein Alter von 33.000 Jahren. Die Maske besteht aus einem flachen, dreieckigen Feuerstein, der etwa einen Durchmesser von 10 Zentimetern hat. Auf natürliche Art und Weise entstand eine Höhlung im Stein. In diese Höhlung bastelte der Steinzeit-Künstler ein etwa 7,5 Zentimeter langes Knochenstück und verkantete es sehr geschickt. Damit hielt er dann ein Objekt in den Händen, dass das Auge eines Menschen oder Tieres symbolisierte. Um die Ähnlichkeit mit einem Antlitz weiter zu erhöhen, wurde der Stein etwas nachbearbeitet.

Körperkunst durch Körperbemalung und Körperschmuck waren möglicherweise fester Bestandteil der Neandertaler-Mode

Viele Naturvölker schmücken sich heute noch mit Körperkunst in Form von Narben oder Körperbemalung. Bei Ausgrabungen in Pech de l’Azé (Frankreich) entdeckte man manganhaltige Pigmentklumpen, von denen man annimmt, dass sie zur Körperbemalung genutzt wurden. Die meisten Farbpigmentfunde stammen aus dem Zeitraum von 60.000 bis 40.000 Jahren. Der bislang älteste Fund von rotem Ocker wird auf ein Alter von 250.000 bis 200.000 Jahren geschätzt. Man fand ihn in  Maastricht-Belvédère. Allerdings ist bislang unklar, wofür er tatsächlich verwendet wurde. Der Fund ist allerdings genauso alt wie aus Afrika stammende Pigmentfunde aus dieser Zeit. Sie werden allerdings dem frühen Homo sapiens zugeschrieben. Doch warum sollte es nicht mehrfach Parallelentwicklungen gegeben haben?

In der Fumane-Höhle (Italien) entdeckte man Hinweise darauf, dass vor rund 44.000 Jahren bei bestimmten Vogelarten gezielt die großen Federn entfernt wurden. Die Neandertaler damals bejagten gezielt Bartgeier oder Rotfußfalken und dass obwohl sie die Tiere nicht verzehrten. Auch in der Fumane-Höhle fand man Anzeichen für die Körperbemalung.

 

Bestattungen

Da die Neandertaler vereinzelt ihre Toten bestatten oder sie zumindest in Höhlen ablegten, gibt es relativ viele fossile Überreste der Urmenschenart. Die Toten wurden oft in Rückenlage oder in der Hockerstellung – also mit angezogenen Beinen auf der Seite liegend – bestattet. Als Grabbeigaben fanden sich beispielsweise die Farbpigmente von Rötel und Ocker. Welche Bedeutung die Farben hatten oder welche kultischen Praktiken vollzogen wurden, wird wohl für immer unbekannt bleiben. Während die Cro-Magnon-Menschen ihre Toten reich geschmückt und mit zahlreichen Grabbeigaben beerdigten, waren die Neandertaler praktischer veranlagt. Sie gaben ihren Toten Steinwerkzeuge und einzelne Tierknochen mit. Diese Tradition kann man unterschiedlich deuten. Die einen sehen darin die Ausrüstung und Versorgung für ein späteres Leben. Die anderen erkennen einfach die praktische „Haushaltsauflösung“ des Toten. Allerdings gibt es nur sehr wenige Gräber aus der Moustérien-Epoche, die bei kritischer Betrachtung „echte“ Grabbeigaben enthielten.

Bekannt ist beispielsweise das 1945 in der Teschik-Tasch-Höhle (Usbekistan) entdeckte Grab eines Neandertaler-Jungen. Er wurde lediglich neun Jahre alt. Das Skelett lag dort seit 70.000 Jahren und war genauso lang von Steinbock-Hörnern umsäumt.
In einem Grab aus der Shanidar-Höhle (Irak) fand sich eine außergewöhnlich hohe Konzentration von Blütenpollen. Es ist nicht geklärt, ob der Tote bei der Beerdigung vom Schamanen mit Blumen und Blüten bedeckt wurde oder ob Persische Rennmäuse die Blüten in die Höhle schleppten und im Fundhorizont der Neandertaler-Bestattungen einbuddelten.

Einfache Begräbnisrituale ja aber noch kein ausgefeilter Bärenkult

Vielfach wurden Neandertaler-Skelette auch in Gruben gefunden. Hier diskutiert die Wissenschaft immer noch kontrovers, ob es sich um ein festes Ritual handeln könnte. So wurde der bereits erwähnte Alte Mann von La Chapelle-aux-Saints in einer Grube entdeckt. Die Füllung der Grube unterschied sich farblich eindeutig vom restlichen Sediment.

Oftmals wird dem Neandertaler auch ein Bärenkult unterstellt. So fand man die scheinbar zwischen Steinplatten angeordneten Knochen von Höhlenbären in der Drachenloch-Höhle (Schweiz). Die Anordnung könnte allerdings auch natürlich entstanden sein, indem die Felsplatten von der Höhlendecke abplatzten und die Knochen durch Wasserwirkung an ihre Stelle gespült wurden. Für den Bärenkult fehlen weitere Beweise. Denkbar wären hier Ritualgegenstände mit entsprechenden Formen oder gemeinsame Bestattungen von Mensch und Bär. Heute existierende Bärenkulte sind darüber hinaus äußerst komplex. Eine solche Kulturleistung der Neandertaler wird daher als wenig wahrscheinlich angenommen. 

Warum starb der Neandertaler aus?

Mehrfach wurde es bereits angedeutet. Die Gründe, die zum Aussterben der Neandertaler führten, sind bislang unbekannt. Es gibt zwar jede Menge Thesen. Jedoch ist eine Vielzahl davon in den letzten Jahren bereits widerlegt worden – ohne dass man die wirklichen Gründe fand.

Fakt ist zunächst, der Homo sapiens hat seinen Cousin nicht gezielt ausgerottet. So gibt es bislang keine Spuren für kriegerische Auseinandersetzungen oder ein Überrennen des Siedlungsgebietes der Neandertaler durch den modernen Menschen. Das kälter werdende Klima in Europa im fraglichen Zeitraum von vor 40.000 bis 30.000 Jahren kann nicht der alleinige Grund gewesen sein, denn die Neandertaler haben vorher schon ganz anderen Wetterunbilden getrotzt. Die Hauptvereisung in Europa begann vor 25.000 bis 20.000 Jahren. Da aber waren die Urmenschen bereits verschwunden.

Fortpflanzungsmuffel hatte Schwierigkeiten, mit dem fitten modernen Mensch mitzuhalten

Die wahrscheinlichsten Aussterbe-Theorien beschäftigen sich daher mit dem Paarungsverhalten von Homo neanderthalensis. So gelten die Eiszeitmenschen als „Fortpflanzungsmuffel“. Eventuell gab es einfach einen Bevölkerungsengpass, einen sogenannten „bottle-neck“ und damit letztlich nicht genügend Neandertaler. Eine solche Situation ist in der menschlichen Evolution nichts Ungewöhnliches. Mehrfach stand die Gattung Homo kurz vor dem Aussterben.

Der moderne Mensch hatte gegenüber seinem Cousin den Vorteil, dass er schneller geschlechtsreif wurde und damit für mehr Nachkommen sorgen konnte. Studien gehen davon aus, dass eine Neandertalerin ca. alle vier Jahre ein Kind zur Welt brachte. Auf diese Zahlen kommt man, da die Neandertaler-Kinder erst mit drei Jahren von der Mutterbrust entwöhnt wurden. Kinder von Homo sapiens allerdings wurden ein Jahr kürzer gestillt. Die Mütter konnten so schneller erneut schwanger werden.

Wahrscheinlich gab es zu keinem Zeitpunkt eine riesige Neandertaler-Population. Anhang der Untersuchung der Mitochondrien-DNA (die nur von der Mutter auf das Kind vererbt wird) von fünf Neandertalern kam man im Jahre 2009 zu dem Ergebnis, dass vor 70.000 bis 40.000 Jahren höchstens 3500 weibliche Neandertaler zur gleichen Zeit lebten. Auf Basis dieser Zahlen wurde die Gesamtpopulation der Spezies in ihrer Spätphase auf 7000 Individuen geschätzt. Im riesigen Europa dürfte es damit schwierig bei der Partnerwahl geworden sein.

Geringe Neandertaler-Population führte möglicherweise zu einem "bottle neck"

Die Zahlen selbst muss man allerdings kritisch betrachten. Die gleiche Studie kommt mit denselben Methoden für Schweden auf eine heutige Homo sapiens-Population von 100.000 Individuen, obwohl wir wissen, dass heutzutage neun Millionen Menschen Schweden als ihre Heimat bezeichnen. Es ist also durchaus möglich, dass in der genannten Epoche 70.000 weibliche Neandertaler lebten.

Die Region Aquitanien (Spanien) war im Zeitraum vom 50.000 bis 35.000 Jahren relativ dicht besiedelt – sowohl Homo sapiens als auch Homo neanderthalensis lebten dort. Innerhalb der genannten Zeitspanne verzehnfachte sich die Homo sapiens-Population. Forscher vermuten daher, dass Homo sapiens in dichter besiedelten Gebieten besser überleben konnte als der Neandertaler. Statistische Bevölkerungsmodelle belegen, dass schon wenige Prozentpunkte Unterschied in der Fortpflanzungsrate ausreichen, um eine Menschengruppe innerhalb weniger Jahrtausende in einer anderen aufgehen zu lassen bzw. die immer weiter schrumpfende Gruppe schlechte Karten hätte und innerhalb weniger Jahrtausende aussterben würde. Eine 2010 veröffentlichte Übersichtsarbeit listet die Vorteile von Homo sapiens gegenüber dem Verwandten und damit die Nachteile von Homo neanderthalensis auf:


Homo sapiens Neandertaler
Geburtenrate Höher Geringer
Abstände zwischen zwei Schwangerschaften
Kürzer
Länger
Sterblichkeit
Geringer
Höher
Nahrungsspektrum Breiter
Geringer
Kleidung & Unterkünfte während der Kaltzeiten
Besser
Schlechter

 

Wie sind Homo sapiens und Neandertaler miteinander verwandt?

Die Verwandtschaft von modernem Mensch und Neandertaler bezweifelt heute niemand mehr. Der gemeinsame Vorfahre von beiden Menschenarten war Homo erectus. Dieser entwickelte sich vor rund 2 Millionen Jahren in Afrika und eroberte in einer ersten Ausbreitungswelle weite Teile der Erde. Spuren dieses frühen Vorfahrens finden sich im Gebiet des Schwarzen Meeres und in Georgien. Dort kam er vor ca. 1,8 Millionen Jahre an. Das zeigen die Fossilien von Dmanissi. Auch im Nahen Osten siedelte dieser Frühmensch. Die ältesten Funde in Europa stammen aus Spanien. Sie sind 1,2 Millionen Jahre alt. Es handelt sich dabei bereits um einen weiter entwickelten Homo erectus-Typus, der als Homo antecessor bezeichnet wird. Einige Wissenschaftler sehen ihn als Vorfahren des Neandertalers an. Doch diese Einschätzung ist innerhalb der Forschergemeinde stark umstritten.

Vor rund 600.000 Jahren wanderte Homo erectus in einer zweiten Welle aus Afrika aus. Ebenfalls in Spanien wurden solche „Spätaussiedler“ gefunden. Ihr Gehirn hatte bereits ein Volumen von 110 bis 1450 Kubikzentimetern. Dagegen lag das Gehirnvolumen bei Vertretern der ersten Ausbreitungswelle bei 1000 Kubikzentimetern. Die Nachkommen von Homo erectus der zweiten Ausbreitungswelle entwickelten sich in Europa weiter. Aus ihnen wurde zunächst der Homo heidelbergensis. Dabei handelt es sich um eine evolutionäre Zwischenstufe, die zum Neandertaler führte. Die frühen Neandertaler tauchen in Europa vor ca. 200.000 Jahren auf – just in dem Moment, wo sich in Afrika aus Homo erectus der frühe anatomisch moderne Mensch entwickelte.

Gemeinsamer Vorfahre von modernem Mensch und Neandertaler war der Homo erectus

Laut molekularer Uhr trennten sich die Entwicklungslinien von Homo sapiens und Homo neanderthalensis vor 400.000 bis 270.000 Jahren. Die Datierung mittels der molekularen Uhr ist allerdings umstritten, da andere Datierungen deutlich genauer sind. Im Jahr 2012 erfolgte eine Neuberechnung der Mutationsraten. Nun wird ein Zeitraum von 800.000 bis 400.000 Jahren für die Abspaltung genannt. Diese Hypothese stützt ein ziemlich aktueller Fossilienfund. Das Schädelfragment von Swanscombe ist auf ein Alter von 400.000 Jahren datiert. Es wird noch Homo heidelbergensis zugerechnet, zeigt aber bereits deutlich die Merkmale, die auch beim frühen Neandertaler zu finden sind.

Fest steht jedenfalls, dass die mitteleuropäischen Populationen von Homo erectus bzw. Homo neanderthalensis und den in Afrika lebenden Vorfahren des Homo sapiens mehrere hunderttausend Jahre voneinander getrennt lebten. Sie bekamen erst wieder Kontakt zueinander, als der moderne Mensch vor rund 45.000 bis 40.000 Jahren nach Europa einwanderte. Die ältesten Homo sapiens-Funde in Europa stammen aus der Grotta del Cavallo in Apulien (Spanien). Sie haben ein geschätztes Alter von 45.000 bis 43.000 Jahren.
Damit gibt es Belege, dass beide Menschenarten für mehrere Jahrtausende parallel auf dem gleichen Kontinent lebten. Im Gebiet der Levante ist sogar von einem Nebeneinander von ca. 60.000 Jahren auszugehen. Was die beiden Arten in dieser Zeit genau machten, wird sich wohl niemals komplett rekonstruiert lassen.

Beide Arten lebten mehere Jahrtausende parallel nebeneinander. Was geschah zwischen ihnen?

Allerdings belegen Genanalysen des Genoms von modernen Menschen, dass das eine oder Techtelmechtel stattgefunden haben muss. Offensichtlich konnten die beiden Gruppen trotz der langen Separierung über die Artengrenzen hinweg fruchtbare Nachkommen zeugen.

Lange Zeit galt dies als unmöglich, obwohl das Kind von Lagar Velho, das 1998 in portugiesischen Lapedo-Tal gefunden wurde, sowohl erkennbare Homo sapiens- als auch Homo neanderthalensis-Merkmale trug. Das Kind war ungefähr vier Jahre alt und vor 25.000 Jahren bestattet worden. Das Skelett blieb vollständig erhalten. Es befand sich in einem Bett aus verbrannten Kiefernzweigen und mit rotem Ocker bedeckt. Ein solches Bestattungsritual ist typisch für den modernen Menschen im Gravettien. Doch das Kind hatte einen fliehenden Unterkiefer und relativ kurze Unterschenkel. Diese Merkmale treten auch bei Neandertalern auf. Deswegen findet sich in der Literatur auch der Begriff „Mischlingskind“.

Die Mehrheit der Paläo-Anthropologen war viele Jahre lang der Auffassung, dass solche Vermischungen sehr selten bis überhaupt nicht vorkamen. Wären sie die Regel gewesen, würde man ein Intermezzo zwischen dem grazilen Homo sapiens und dem stämmigen Homo neanderthalensis sehr viel deutlicher sehen, lautete die gängige Meinung. In der Regel werden Skelettfunde als eindeutig modern oder neandertaloid eingestuft.

Spuren von Neandertaler-DNA im Genom heute lebender Menschen entdeckt

Allerdings haben die Methoden der modernen DNA-Analyse die Forscher eines besseren belehrt. Die Untersuchungen, die von Svante Pääbo am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig geleitet wurden, belegen einen Gentransfer zwischen den beiden Arten in einem Zeitraum von vor 65.000 bis 47.000 Jahren. Umgangssprachlich ausgedrückt: Beide Arten müssen mehrmals miteinander geschnackselt haben und ein paar Volltreffer waren offensichtlich auch dabei. Ein bis vier Prozent der Gene der nicht-afrikanischen Bevölkerung sind dementsprechend Neandertaler-Gene.

Die Diskussionen rund um den Neandertaler sind noch lange nicht abgeschlossen. Jedes Jahr werden etliche neue Entdeckungen gemacht, sodass dieses spezielle Forschungsgebiet sicherlich noch viele Überraschungen bereit hält.

Einen Einblick in das Leben der Neandertaler liefert auch die ZDF-Dokumentation "Der Neandertaler - Was wirklich geschah". Das fast 45 minütige Video ist bei Youtube abrufbar.

 


Der Neandertaler bzw. Homo neanderthalensis gehört in die Kategorie: Hominiden.

Beiträge auf H[AGE], in denen der Begriff "Neandertaler/Homo neanderthalensis" vorkommt:

 


Quellen:

Aktualisiert ( Donnerstag, 08. November 2012 um 23:26 Uhr )
 

© H[AGE]: Langenwetzendorf (2008 - 2011)