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Himmelsscheibe von Nebra: Die älteste konkrete Darstellung des Nachthimmels

Himmelsscheibe von Nebra: Die älteste konkrete Darstellung des Nachthimmels (Wordle)

(Steinzeit-Lexikon). Als Himmelsscheibe von Nebra wird eine mit Gold-Applikationen verzierte Bronzeplatte aus der Bronzezeit bezeichnet. Sie zeigt astronomische Symbole und gilt daher als die älteste konkrete Darstellung des Himmels weltweit. Damit gehört die Himmelsscheibe von Nebra zu den wichtigsten bronzezeitlichen Funden überhaupt. Entdeckt wurde das Artefakt im Juli 1999 von Raubgräbern. Sie gingen Spuren auf dem Mittelberg nach. Dieser liegt in Sachsen-Anhalt (Deutschland) in der Nähe der Stadt Nebra. Letztere gab der Himmelsscheibe auch ihren Namen. Nach einer abenteuerlichen Odyssee gehört das Kunstwerk seit 2002 zum Bestand des Landesmuseums für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle.

Da der Fund großes Aufsehen erregte, hat fast jeder schon einmal eine Abbildung der Himmelsscheibe gesehen. Dennoch sollen an dieser Stelle die nackten Fakten aufgeführt werden. Bei der Himmelsscheibe von Nebra handelt es sich um eine fast kreisrunde Platte. Sie besitzt einen Durchmesser von 32 Zentimeter. Der bronzezeitliche Kunsthandwerker hat das Metall auf eine Stärke von 4,5 Millimetern in der Mitte getrieben. Zum Rand nimmt die Dicke ab. Da sind es nur noch 1,7 Millimeter. Die Bronzescheibe wiegt 2,3 Kilogramm. Das Material ist bereits echte Bronze und damit eine Legierung aus Kupfer und Zinn. Der Ursprung des Kupfers lässt sich nachverfolgen. Es stammt aus den Ostalpen – genauer vom Mitterberg bei Mühlbach am Hochkönig.

Vermutlich wurde die Scheibe aus einem Bronzefladen getrieben. Der Schmied schaffte es, durch wiederholtes Erhitzen des Metalls, Spannungsrisse zu vermeiden bzw. falls diese auftraten, sie zu beseitigen. Heutzutage kennen wir die Himmelsscheibe nur als grün-türkisen Schild. Diese Grünfärbung ist eine Korrosionsschicht. Der sogenannte Malachit bildete sich erst durch die lange Lagerung in der Erde. Ursprünglich war die Himmelsscheibe von Nebra tiefbraun bis schwarz, sodass die goldenen Applikationen noch besser hervortreten konnten. Die Goldverzierungen sind als Einlegetechnik verarbeitet. Sie wurden mehrfach ergänzt und verändert. Spuren der Bearbeitung und Veränderung sind heute noch auf dem Artefakt erkennbar. Die Begleitfunde lassen vermuten, dass die Himmelsscheibe um das Jahr 1600 v. Chr. vergraben wurde. Da die Fertigstellung der Scheibe auf den Zeitraum von 2100 bis 1700 v. Chr. geschätzt wurde, war das Kunstwerk oder Schmuckstück vermutlich nicht sehr lange in Gebrauch – im schlimmsten Fall keine 100 Jahre.

Die Himmelsscheibe von Nebra wurde mehrfach modifiziert

Himmelsscheibe von Nebra (ursprünglich)
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Nach ihrer Fertigstellung wurde die Himmelsscheibe von Nebra insgesamt dreimal überarbeitet. Zunächst zierten die Bronzescheibe lediglich 32 runde Goldplättchen sowie eine größere runde und eine sichelförmige Platte. Sieben der kleinen Goldplättchen bilden eine enge Gruppe oberhalb zwischen der runden der sichelförmigen Platte.

Himmelsscheibe von Nebra (1. Bearbeitung)
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Die erste Modifikation wurde später am linken und rechten Rand vorgenommen. Hier brachte ein Kunsthandwerker  die Horizontbögen an. Das dafür verwendete Gold stammt aus einer anderen Quelle, wie die chemischen Verunreinigungen zeigen. Um die Horizontbögen anbringen zu können, musste zunächst Platz geschaffen werden. Aus diesem Grund wurde ein Goldplättchen auf der linken Seite etwas in Richtung Mitte versetzt. Die Horizontbögen verdecken aber trotzdem immer noch zwei der Goldplättchen, sodass heute nur noch 30 Plättchen zu sehen sind.

Himmelsscheibe von Nebra (zweite Bearbeitung)
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Die zweite Ergänzung bildet ein weiterer Bogen am unteren Rand. Auch dieser wurde nachträglich hinzugefügt. Das verwendete Gold stammt weder mit den ursprünglich verwendeten noch mit dem Gold aus der ersten Modifikation überein. Dieser Bogen wird als Sonnenbarke bezeichnet. Er ist durch zwei parallele Linien strukturiert. Außerdem sind feine Schraffuren an den Außenkanten der Sonnenbarke erkennbar.

Himmelsscheibe von Nebra (heutiges Aussehen)
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Bevor die Himmelsscheibe von Nebra in der Erde vergraben wurde, gab es noch eine dritte Modifikation. Der linke Horizontbogen war entfernt worden. Dafür wurde die Scheibe am Rand mit 40 sehr regelmäßigen Löchern versehen, die aussehen wie eingestanzt. Die Löcher haben einen Durchmesser von ca. 3 Millimetern.

Viele Untersuchungen wurden an dem bronzezeitlichen Artefakt durchgeführt

Im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle wurde die Himmelsscheibe von Nebra hauptsächlich untersucht. In der Expertengruppe befanden sich neben einem Archäologen auch ein Astronom, ein Archäochemiker, Mitarbeiter des Landeskriminalamts sowie eine Spezialistin für bronzezeitliche Religion.

Nach eingehenden Untersuchungen sind sich die Experten einig, dass die Himmelsscheibe und die anderen Bronzeobjekte, die die Raubgräber auf dem illegalen Kunst-Schwarzmarkt anboten, aus dem gleichen Depot stammen und damit als Fund zusammengehören.  Die anhaftenden Bodenreste stammen mit Proben vom Mittelberg in Nebra überein. Außerdem weist das bei den Bronzeteilen verwendete Kupfer bei allen Funden ganz ähnliche Konzentrationen von Spurenelementen auf. Damit ist sehr wahrscheinlich, dass alle Gegenstände an einem Ort gefertigt wurden.

Lange gab es Zweifel an der Echtheit des Fundes. Doch anhand der Beifunde konnte man die Himmelsscheibe von Nebra gut datieren. Das Alter der Schwerter und Beile ist über die Stilmerkmale bestimmbar. Ganz ähnliche Schwerter aus Ungarn lassen vermuten, dass der Hort um das Jahr 1600 v. Chr. dem Boden übergeben wurde. Leider schied eine Radiokohlenstoffdatierung auf Basis der C14-Mehtode aus, da die Scheibe aus Bronze gefertigt ist und Bronze keinen Kohlenstoff enthält.  Die Goldauflagen wurden mit hochintensiven Röntgenstrahlen untersucht. So konnte belegt werden, dass sie keine einheitliche Zusammensetzung haben. Sie wurden damit wahrscheinlich in mehreren Phasen und zeitlich getrennt voneinander hergestellt. All diese Ergebnisse stimmen letztlich mit dem entscheidenden Beweis überein. An einem der Schwerter gelang es, ein Stückchen Birkenrinde zu entdecken. Eine Datierung mittels der C14-Methode ergab, dass das unscheinbare Holzstückchen aus dem Zeitraum von 1600 bis 1560 v. Chr. stammt. Die Himmelsscheibe von Nebra ist damit mindestens 3600 Jahre alt.
Doch was zeigt dieses einzigartige bronzezeitliche Artefakt? Analog zu den Phasen der Entstehung gilt  es auch bei der Interpretation der Scheibe verschiedene Phasen zu unterscheiden.

Doch was stellt die Himmelsscheibe dar? Darüber gibt es viele Spekulationen

Interpetation der ersten Phase: Bestimmung der Eckpunkte des bäuerlichen Lebens?

In der ersten Phase stellen die Goldplättchen sehr wahrscheinlich Sterne dar. Die Gruppe mit den sieben kleineren Plättchen könnten die Plejaden sein. Dieser Sternhaufen gehört zum Sternbild Stier. Alle anderen 25 Goldplättchen sind astronomisch nicht zuzuordnen. Sie könnten daher lediglich eine Verzierung sein. Die große Scheibe wurde zunächst als Sonne gedeutet. Mittlerweile schließen einige Forscher aber auch nicht mehr aus, dass sie den Vollmond darstellen könnte. Die Sichel ist mit ziemlicher Sicherheit der zunehmende Mond.

Mond und Plejaden könnten damit für zwei Termine stehen, an denen man die Plejaden am Westhorizont sehen kann. Im Jahre 1600 v. Chr. waren diese beiden Termin der 10. März sowie der 17. Oktober. Mancher deutet daher die Himmelsscheibe als eine Art „Gedächtnisstütze“ bzw. Memogramm. Denn die beiden Termine passen perfekt zur Untergliederung des bäuerlichen Jahres. Der Frühjahrstermin markiert die Vorbereitung des Ackers, der Herbsttermin den Abschluss der Ernte. Gut möglich, dass beide Eckdaten ein Anlass für ein bronzezeitliches Fest waren.

Doch für diese Theorie gibt es auch Kritiker. Der Astronom Rahlf Hansen vom Hamburger Planetarium deutet die Darstellungen in der ersten Phase anders. Seiner Meinung nach zeigt die Himmelsscheibe von Nebra den Versuch, das Mondjahr mit seinen 354 Tagen und das Sonnenjahr mit seinen 365 Tagen irgendwie in Einklang zu bringen. Das auf der Bronzescheibe festgehaltene Wissen wäre demnach äquivalent zu den babylonischen und altägyptischen Schaltmonaten. Warum sollten nur die Menschen im Fruchtbaren Halbmond und nicht auch die Menschen in Mitteleuropa auf ähnliche Ideen gekommen sein?

Bislang stellen die Venus-Tafeln des Amii-saduqa den ältesten Beleg für die Einführung von Schaltmonaten dar. Sie sind auf das 1680 v. Chr. datiert. Etwa 1000 Jahre später wurden die babylonischen Keilschrifttexte mul.apin verfasst. Sie hielten neben der Frühjahrsschaltregel auch einen Herbstschaltmonat fest. Noch steht der Abschluss der Diskussionen bezüglich dieses Interpretationsansatzes aus.

Interpretation der zweiten Phase: Kalender für die Winter- und Sommersonnenwende?

Im Mittelpunkt der zweiten Phase stehen die hinzugefügten Horizontbögen. Sie haben einen Winkel von 82 Grad. Hier gibt es eine auffallende Parallele zum Sonnenauf- und Sonnenuntergang zwischen Winter- und Sommersonnenwende. Diese beiden Ereignisse überstreichen am Himmel ebenfalls einen Winkel von 82 Grad und zwar genau am Breitengrad des Fundortes. Eine solche Parallele kann kein Zufall sein.  Hält man die Scheibe auf dem Mittelberg waagerecht so, dass die gedachte Linie vom oberen Ende des linken Bogens zum unteren Ende des rechten Bogens auf die Spitze des Brockens zeigt, so konnte die Scheibe durchaus als Kalender genutzt werden. Die Spitze des Brockens war an schönen und klaren Tagen vom Mittelberg aus gut erkennbar, denn der Brocken liegt nur 85 km entfernt.
Vom Mittelberg aus, sieht es so aus, dass die Sonne zur Sommersonnenwende hinter dem Brocken untergeht. Die Vermutung, dass der rechte Bogen den westlichen Sonnenuntergang markiert, beruht auf die Nähe dieses Bogens zur geneigten Mondsichel. Diese wird von der untergehenden Sonne erleuchtet. Es bleibt allerdings unklar, ob die Himmelsscheibe tatsächlich als Instrument zur Bestimmung der Sonnenwende genutzt wurde oder lediglich das Wissen über diese Möglichkeiten zur Bestimmung festhielt.

Interpretation der dritten Phase: Mythische Überfahrt mit der Sonnenbake

Wie bereits beschrieben kam in der dritten Phase als Ergänzung die Sonnenbarke hinzu. Dabei handelt  es sich um einen weiteren goldenen Bogen, der zwei annähernd parallele Längsrillen aufweist. Man kennt ähnliche Abbildungen bereits aus der ägyptischen und minoischen Kultur. Die Sonnenbarke ist an den Längsseiten von kurzen Einkerbungen in der Bronzeplatte umgeben. Aus Skandinavien weiß man, dass auf ähnlichen Darstellungen auch Ruder abgebildet sind. Der Ergänzung der Sonnenbarke wird eine kalendarische Funktion abgesprochen. Experten vermuten, dass der goldene Bogen, die allnächtliche Überfahrt der Sonne von Westen nach Osten zeigen soll. Einige Forscher vermuten anhand der Ähnlichkeit der Symbolik einen Kulturaustausch zwischen Mitteleuropa und dem Nahen Osten. Doch auch diese Vermutung konnte bislang nicht zweifelsfrei belegt werden.

Die Löcher am Rand der Scheibe dienten vermutlich der Befestigung. Damit erhärtet sich auch der Verdacht, dass die Himmelsscheibe von Nebra nicht nur Wissen festhielt sondern auch für kultische Zwecke eingesetzt wurde.

Erste Abbildung des Kosmos in der Menschheitsgeschichte

Vor Abschluss aller Untersuchungen dachten einige Wissenschaftler, dass sie Scheibe ursprünglich aus dem Mittelmeer stammte und dann auf verborgenen Wegen den Weg nach Mitteleuropa fand. Doch diese These konnte zweifelsfrei widerlegt werden. Die Himmelsscheibe von Nebra wurde um das Jahr 1600 v. Chr. in Mitteleuropa gefertigt.  Einig sind sich die Experten auch, dass das bronzezeitliche Kunstwerk die älteste, konkrete Darstellung des Nachthimmels zeigt und es sich somit um die erste, erhaltene Abbildung des Kosmos in der Geschichte der Menschheit handelt. Sie ist damit gut 200 Jahre älter als die bislang ältesten gefundenen Darstellungen aus Ägypten.

Doch damit hört auch schon die Einigkeit bei der Interpretation auf. Miranda Aldhouse-Green beispielsweise führt die Anhäufung von religiösen Symbolen an: Sonne, Horizontland (für die Sonnenwenden), Mond und Sterne. Damit hätte der Kunstsschmied dieser Scheibe bewusst alle religiösen Symbole aus anderen Regionen Europas zusammengeführt. Die Himmelsscheibe von Nebra wäre damit ein Beleg für ein komplexes, europaweites Glaubenssystem. Sie könnte somit ähnlich wie die Bibel heute die heiligen Botschaften der Bronzezeit transportiert haben. Sollte dem so sein, wäre dies eine immense Kulturleistung der bronzezeitlichen Mitteleuropäer.

Trotz aller Rätsel ist die Himmelsscheibe von Nebra eine immense Kulturleistung der mitteleuropäischen Bronzezeit

Demgegenüber steht der Vorschlag von Paul Gleirscher. Er sieht in der sogenannten Sonnenbake kein Schiff. Würde die Himmelsscheibe tatsächlich ein Schiff darstellen, so wäre in dem Fall auch ein Schiff – wie auf anderen bronzezeitlichen Darstellungen üblich – mit Bug und Heck gezeichnet worden. Er sieht in der Sonnenbake lediglich eine Sichel, die den Bezug zum Mond verstärkt hätte. Seiner Meinung nach könnte man die Niederlegung der Scheibe und damit deren Verwendungszeit nicht ausschließlich an der Produktionszeit der Beifunde festmachen. Zumindest theoretisch ist es durchaus vorstellbar, dass die Himmelsscheibe von Nebra auch erst in der späten Bronzezeit vergraben worden sein könnte. Damit allerdings ließe sich auch ein Bezug zu den Goldhüten herstellen.

Trotz ihres Alters fasziniert die Himmelsscheibe von Nebra noch immer ihre Betrachter. Und trotz der vielen bekannten Fakten wirft sie nach wie vor mehr Fragen auf als sie beantwortet. Zum Beispiel warum so ein wertvolles Artefakt im Boden vergraben wurde.
Wer sich selbst auf ihre Spuren begeben möchte, dem sei ein Besuch in der Arche Nebra ans Herz gelegt. Und wer einmal in der Gegend ist, der sollte das auch gleich mit dem vom Nebra nur 20 km entfernt gelegenen Sonnenobservatorium von Goseck verbinden.

Mit der Produktion "Der Herr der Himmelsscheibe" geht das ZDF auf Spurensuche und taucht ein in die Geheimnisse der Himmelsscheibe von Nebra. Wer sich für die spannende Geschichte rund um die Sicherung der Bronzescheibe für die Wissenschaft interessiert, der sollte das Video ansehen. Es dauert ca. 43 Minuten.

 


Die Himmelsscheibe von Nebra gehört in die Kategorie: Kultur.

Beiträge auf H[AGE], in denen der Begriff "Himmelsscheibe von Nebra" erwähnt wird:

 


Quellen:

 

Credits

1 Himmelsscheibe von Nebra, 1. Zustand (vereinfachte Darstellung).
von Rainer Zenz [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

2 Himmelsscheibe von Nebra, 2. Zustand (vereinfachte Darstellung).
von Rainer Zenz [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

3 Himmelsscheibe von Nebra, 3. Zustand (vereinfachte Darstellung).
von Rainer Zenz [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

4 Himmelsscheibe von Nebra, heutiger Zustand (vereinfachte Darstellung).
von Rainer Zenz [gemeinfrei], via Wikimedia Commons


Aktualisiert ( Mittwoch, 15. August 2012 um 06:47 Uhr )
 

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