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Catal Hüyük: War in der Jungsteinzeit eine der ersten Städte der Menschheit

Catal Hüyük: War in der Jungsteinzeit eine der ersten Städte der Menschheit  (Wordle)

(Steinzeit-Lexikon). Çatalhöyük, das auch in der Schreibweise  Çatal Höyük, Çatal Hüyük oder Chatal-Hayouk zu finden ist, ist eine ausgegrabene, jungsteinzeitliche Siedlung, die die Augen von Archäologen glänzen lässt. Sie liegt ca. 40 Kilometer südöstlich von der türkischen Stadt Konya. Sie befindet sich damit auf der anatolischen Hochebene in der heutigen Türkei. Çatalhöyük besaß in seiner Blütezeit mehrere tausend Einwohner, deren Lebensweise sich gut rekonstruieren lässt.
Seit 2012 gehört Catal Hüyük zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Siedlung aus der Jungsteinzeit wurde Ende der 1950er Jahre entdeckt. Der britische Archäologe leitete von 1961 bis 1965 die ersten Grabungen. Dabei wurden die Reste von über 160 Häusern freigelegt. Erst 1993 nahm ein internationales Forschungsprojekt die Grabungsarbeiten wieder auf. Die Grabungen konzentrierten sich auf den Haupthügel, der als Çatalhöyük Ost bezeichnet wird. Doch auch das von Mellaart freigelegte Südareal sowie eine Grabungsfläche im Norden und einen Schnitt an der Nordkante des Hügels wurden in das Projekt einbezogen. Weitere Untersuchungen folgten. Besonders der Westhügel (als Çatalhöyük West bezeichnet) weckte das Interesse polnischer Wissenschaftler neben dem höchsten Punkt am Osthügel. Dort lassen sich die spätesten Schichten der Siedlung untersuchen.

Catal Hüyük erlangte weltweite Berühmtheit wegen seines Alters, der Größe des Areals, der Architektur sowie der Wandmalerei und den gefundenen Gegenständen.
Menschen besiedelten in Catal Hüyük im Zeitraum von 7400 bis ca. 6200 v. Chr. Dies ist die Phase, die von Experten als akeramisches und keramisches Neolithikum in Zentralanatolien bezeichnet wird.

Eine der ältesten Städte der Menschheit wurde in Zentralanatolien errichtet

Die damaligen Menschen wählten ihren Siedlungsplatz mit Bedacht. Sie gründeten eine der ersten Städte der Menschheit auf dem Schwemmfächer des Çarşamba-Flusses. Somit stand in der eigentlich niederschlagsarmen Konya-Ebene immer genügend Wasser zur Verfügung. Das natürliche Nahrungsangebot rund um Catal Hüyük war entsprechend groß. Es gab genügend Wild und Früchte. Die für die prähistorische Zeit günstigen Bedingungen zogen viele Menschen aus der näheren Umgebung an, womit sich die pure Größe der Siedlung erklären lässt. Die Ortschaft verteilt sich auf zwei Hügel, die als West- und Osthügel bezeichnet werden. Der Osthügel wurde als erster besiedelt. Hier wurde bereits viel mittels Grabungen zurück ans Tageslicht geholt. Im Westhügel gibt es bis jetzt nur einzelne Schnitte. Sie belegen, dass die Siedlung dort aus einer späteren Zeit stammt. Experten datieren diese Überreste bereits auf die Kupfersteinzeit.

Catal Hüyük bestand aus rechteckigen Häusern, die eng aneinander gesetzt wurden. Als Baustoff dienten Lehmziegel oder Stampflehm. Die Hauser besaßen ein Flachdach. Wer in der Jungsteinzeit auf die Stadt blickte, der konnte die treppenartige Verschachtelung deutlich erkennen. Um eine gute Belüftung und Lichtzufuhr für die einzelnen Wohngebäude zu gewährleisten, wurden die Häuser mit unterschiedlichen Raumhöhen und Bodenniveaus errichtet. Allerdings waren die heute eine Stadt so prägenden Straßen, Gassen und Durchgänge „noch nicht erfunden“. Um in einzelne Gebäude zu gelangen, musste man über die Flachdächer laufen. Dieses Bau- und Siedlungsprinzip war bereits aus anderen zentralanatolischen Orten bekannt.

Im engen Wirrwar aus rechteckigen, außen und innen weiß verputzten Häusern lebten schätzungweise 2.500 Bewohner gleichzeitig

Die neueren Grabungen zeigten allerdings, dass Catal Hüyük gar nicht so dicht bebaut war, wie zunächst vermutet. Neben den einzelnen, sehr eng bebauten Arealen gab es auch immer wieder Freiflächen. Man schätzt die Anzahl der Häuser auf 400 bis 1850 je Schicht. Deswegen relativieren sich auch die Einwohnerzahlen. Ging man früher von bis zu 10.000 Menschen aus, die gleichzeitig in der Siedlung leben, waren es wahrscheinlich deutlich weniger. Aktuell Schätzungen nennen als Zahl 2.500 gleichzeitige Bewohner. Für eine jungsteinzeitliche Ansiedlung ist dies immer noch eine große Menschenmenge.

Die dichte Besiedelung und der auf den Freiflächen abgelagerte Müll dürfte zu zahlreichen Problemen geführt haben: Angefangen bei den sanitären und hygienischen Verhältnissen über die Gewährleistung des Zugangs zu den Häusern bis hin zum Transport von Materialien in die Wohnstätten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch die ersten Schädlinge sin Catal Hüyük ihr Quartier bezogen. So sind hier die ersten Hausmäuse nachgewiesen.

Auch die ersten Schädlinge wie Hausmäuse liebten das Leben in Catal Hüyük

Ein Haus ließ sich nur über eine Leiter betreten. Diese befand sich in der Regel an der Südwand. Die Einstiegsluke diente zugleich als Rauchabzug. Deswegen richtete man die Kochstelle ebenfalls an der Südwand ein. Dennoch ließ es sich nicht vermeiden, dass die Rauch- und Rußbelastung in den Häusern enorm war. Die Bewohner mussten daher oft ihre Wände neu bemalen, sodass die Wissenschaftler jetzt viele Bemalungsschichten freilegen können. Bei einigen der gefundenen Skelette wurden Rußablagerungen an den Rippeninnenseiten festgestellt.
Die experimentelle Archäologie konnte durch Nachbauten nachweisen, dass die Dachluke im Zusammenspiel mit den geweißten Wänden genügend Licht brachte, dass die Räume tagsüber ausreichend hell waren.

Die Fußböden waren auf unterschiedlichem Niveau angelegt. Damit hatte man zwar keine ebene Fläche. Doch durch die Kanten entstanden in den einräumigen Bauten einzelne Areale, die klar voneinander abgrenzt waren und sauber gehalten werden konnten. Manche Fußbodenfläche war mit Schilfmatten ausgelegt. Vor einzelnen Wänden befanden sich erhöhte Plattformen, die wahrscheinlich die Schlafplätze markierten. Einige Häuser hatten an der Nordseite einen schmalen Raum abgetrennt. Ihn ihm wurden die Vorräte aufbewahrt.  Trotz dieser für die damalige Zeit recht behaglichen Behausungen dürfte sich ein Großteil der gesellschaftlichen Aktivitäten auf den Dächern abgespielt haben.

Beieindruckende Wandfresken und Wandmalereien blieben über die Jahrtausende erhalen

Besonders beeindruckend an Çatalhöyük sind die freigelegten Malereien und Wandreliefs. Diese fanden sich an den Innenwänden einzelner Häuser. Hier waren z. B. mit Ton oder Gips übermodellierte Stierschädel einzeln oder zu mehreren an den Wänden befestigt. Doch zur Verzierung ihrer Häuser nutzten die Bewohner auch Eberhauer oder Fuchs- und Wieserzähne. Selbst Geierschnäbel wurden in die Lehmwände eingelassen.

Mehrfach findet sich in den Wandreliefs ein Motiv, das ein Wesen mit gespreizten, jeweils in Kopfrichtung angewinkelten Armen und Beinen zeigt. Dabei waren der Kopf, aber auch Hände und Füße trotz mehrerer verschiedener Putzlagen und Bemalungen immer abgeschlagen. James Mellaart deutete diese Darstellung als gebärende Göttin. Doch verschiedene Tierreliefs und ein Stempel, der einen Bären in gleicher Körperhaltungen zeigt, wiederlegen die Mellaart’sche These.
Vor allem die dargestellten Tierszenen begeistern den Betrachter. Sie zeigen sehr oft, wie mehrere Menschen ein Wildrind, einen Hirsch, ein Wildschwein oder einen Bären reizen bzw. dann zu Tode hetzen. Interessanterweise standen die gezeigten wilden Tiere gar nicht so weit oben auf dem Speiseplan. Sie spielten bei der Ernährung der Menschen des Neolithikums eine eher untergeordnete Rolle. Die bereits domestizierten Tiere und Pflanzen, die den täglichen Bedarf deckten, werden in der Wandkunst außen vor gelassen. Forscher deuten die dargestellten Jagden als Initiationsriten bzw. als Teil von anderen Feierlichkeiten. Besonders gefährliche Teile der Tiere wie Zähne oder Krallen wurden dann in die Siedlung gebracht, um eine Erinnerung an das Ereignis zu bewahren. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Leopard. In den Darstellungen findet er sich mehrfach. So ist davon auszugehen, dass er eine wichtige Rolle spielte. Sein Fell trugen Männer auf verschiedenen Wandmalereien. Allerdings wurde bislang kein einziger Leopardenknochen innerhalb der Ortschaft entdeckt.

Funde belegen: Webtechnik, Flechttechnik und Gefäßkeramik waren bereits erfunden

Das vermutlich älteste kartografische Zeugnis der Menschheitsgeschichte entdeckte man 1963 im Gebäude Schrein 14. Es handelt sich dabei um eine Wandmalerei, die die Siedlung mit ihren Häusern und dem Doppelgipfel des Vulkans Hasan Dagi zeigt. Die Abbildung deutet selbst die Aufteilung mit Haupt- und Nebenräumen der einzelnen Häuser an. Einige Experten zweifeln allerdings, ob die Wandmalerei tatsächlich richtig gedeutet wurde.

Doch Catal Höyük hielt neben dem hohen Alter noch einige weitere Überraschungen für die Archäologen bereit. So blieben organische Materialien gut erhalten. Dank eines Großbrandes im Neolithikum wurden zwanzig Holzgefäße konserviert. Außerdem fand man Textilreste und Steingefäße. Vermutlich erfand man aufgrund von veränderten Kochgewohnheiten in Çatalhöyük die Gefäßkeramik. Die Keramikgefäße waren jedenfalls unverziert. Die Menschen bewahrten in ihnen nicht nur tierische Nahrungsmittel auf, sondern die Gefäße wurden auch zum Kochen genutzt. Bei der Lagerung von pflanzlichen Nahrungsmitteln griffen die Bewohner auf geflochtene Körbe zurück. Waffen und Werkzeuge wurden gerne aus Obsidian gefertigt. Man fand sogar einen aus Obsidian gefertigten Spiegel. Das Gestein stammte von einem Vorkommen, das ca. 190 Kilometer von Catal Hüyük entfernt liegt.

Die Bewohner von Catal Hüyük befanden sich am Übergang vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter

Außerdem entdeckten die Wissenschaftler zahlreiche Tonstempel, auf denen geometrische Muster eingeritzt sind. Wofür sie genutzt wurden, weiß man nicht so genau. Denkbar ist, dass sie zur Markierung von Eigentum verwendet wurden, denn die Tonstempel finden erst ab dem Zeitraum, wo Haushalte zu eigenständig wirtschaftenden Einheiten wurden. Vielleicht aber wurde mit den Zeichen auch nur das Brot markiert oder man verzierte damit organische Materialien wie Stoff, Haut oder Holz.

Die Einwohner von Catal Höyük bestritten ihre Lebensgrundlage zweigleisig – einerseits durch Sammelwirtschaft und Jagd, typisch also für Jäger und Sammler-Kulturren, sowie andererseits durch Ackerbau und Viehzucht. Man befand sich somit noch mittendrin in der sogenannten Neolithischen Revolution.
Nachgewiesen werden konnte Einkorn, Emmer, Nacktgerste und Brotweizen. Außerdem gibt es Belege für den Anbau von Felderbsen und Wicken. Als Haustiere hielten die Steinzeitbewohner hauptsächlich Schaf und Ziege. Man fand zwar auch Rinderknochen. Doch wurden diese meist den Wildrindern zugeordnet. Knochen von domestizierten Kühen und Stieren finden sich ausschließlich in den obersten Schichten. Diese sind die jüngsten und reichen bis ins 6. Jahrtausend v. Chr. zurück.

Jeder Haushalt wirtschaftete autark

Bislang hat man in der Ortschaft keine Sondergebäude oder öffentlichen Gebäude gefunden. Auch fand sich keine sogenannte zentralwirtschaftliche Stellung gegenüber dem Umland. Dies wäre eine wesentliche Bedingung, um Çatalhöyük nach allen Regeln der Kunst als Stadt bezeichnen zu dürfen. Obwohl die Siedlung sehr eng und dicht gebaut ist, agierten die einzelnen Häuser als autonom wirtschaftende Einheiten. Jedes Haus besaß so einen Bereich für die Vorräte. Auch bei der Herstellung von Lehmziegeln, bei der Tierhaltung oder Getreideverarbeitung sowie bei der Stein- und Knochengerätherstellung war jeder Haushalt auf sich allein gestellt. Wegen dieser großen Autarkie bezeichnen Experten Catal Hüyük eher als Großsiedlung, als den Begriff Stadt anzuwenden.

Die jungsteinzeitliche Siedlung ist aber auch ein Eldorado für Feminismus-Forscher und –Forscherinnen. Es wurden viele weibliche, mit menschlichen Eigenschaften ausgestattete Figuren entdeckt. Viele nehmen daher an, dass sich in Çatalhöyük eine matriarchale Kultur entwickelt hatte, in der beide Geschlechter gleichberechtigt lebten. Die Vor- und Frühgeschichtsforschung allerdings bezweifelt diese Theorien und konnte sie zum Teil bereits widerlegen.

Die berühmte "Göttin auf dem Leoparden-Thron" ist eher ein Kinderspielzeug denn ein Beleg für das Matriarchat im Neolithikum

Das wohl berühmteste Exemplar einer gefundenen Figurine stammt aus einem Getreidebehälter. Es zeigt eine üppige Frau, die auf einem Thron sitzt. Sie wird von zwei Leoparden flankiert und heißt deswegen „Göttin auf dem Leoparden-Thron“.
Bei den ersten Grabungen sind viele weitere, ähnliche Plastiken gefunden worden. Sehr oft wurden die Figuren im Zusammenhang mit der Getreidewirtschaft bzw. -agerung entdeckt. Sie bilden daher das Pendant zu den männlichen Darstellungen der Wandmalereien. Viele Forscher wehren sich gegen eine Deutung als Darstellung von Göttinnen. Sie führen an, dass ein Teil der Figuren auch Männer darstellt und andere Plastiken gar keine geschlechtsspezifischen Charakteristika aufweisen. Letztlich sind nur ca. fünf Prozent aller bisher gefundenen Figuren eindeutig als weiblich einzuordnen.

Die sogenannte Matrilokalität, also dass die Abstammung auf eine Urmutter zurückgeführt wird, konnte von Catal Höyük nicht nachgewiesen werden. Viele Funde deuten vielmehr darauf hin, dass die Geschlechter einander gleichgestellt waren und Geschlechterrollen ausgetauscht werden konnten. Auch ließen sich keine geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Arbeitsleistung oder der Ernährung feststellen.  Da bei den jüngsten Funden auch Nutztiere wie Schafe und Ziegen als Figuren gefunden wurde, vermuten mittlerweile einige Forscher, dass die Figuren eigentlich überbewertet wurden und womöglich nichts anderes sind als Kinderspielzeug.

Von der Steinzeit in die Moderne: Catal Hüyük kann auch in Second Life erkundet werden

Wer Catal Hüyük mit eigenen Augen betrachten möchten, findet eine Nachbildung des Raumes mit den Stierhörnern auch im Museum für anatolische Zivilisationen in Ankara. Doch auch das kleine Museum vor Ort ist immer einen Besuch wert. Wer jetzt für seine Catal Hüyük-Studien nicht in die Türkei fahren möchte, der kann der neolithischen Siedlung auch einen Besuch im Internet abstatten. Catal Hüyük wurde im Onlinegame „Second Life“ rekonstruiert. Hier kann man problemlos von Dach zu Dach wandern bzw. springen und die einzelnen Häuser betreten.

 


Catal Hüyük gehört in die Kategorie: Kultur/Siedlungsplatz.

Beiträge auf H[AGE], in denen der Begriff "Catal Hüyük/Catal Höyük" vorkommt:

 


Quellen:

 

Aktualisiert ( Donnerstag, 19. Juli 2012 um 19:50 Uhr )
 

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