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Bilzingsleben: In Thüringen hinterließ Homo erectus seine ersten Spuren in Mitteleuropa

Bilzingsleben: In Thüringen hinterließ Homo erectus seine ersten Spuren in Mitteleuropa (Wordle)

(Steinzeit-Lexikon). In unserer Reihe „Steinzeit-Museen, die Sie gesehen haben sollten“, wurde die Ausgrabungsstätte Steinrinne Bilzingsleben mit ihrem Museum bereits kurz vorgestellt. An dieser Stelle soll der wichtige archäologische und paläoanthropologische Fundplatz noch etwas detaillierter dargestellt werden. Berühmt wurde Bilzingsleben wegen den Hinterlassenschaften von Homo erectus. Der frühe menschliche Vorfahr lebte vor ca. 400.000 Jahren im nördlichen Thüringen. Es handelt sich dabei sogar um die bislang ältesten entdeckten Spuren der Gattung Homo in Mitteleuropa.

Bilzingsleben liegt im Norden von Thüringen im Landkreis Sömmerda. Der kleine Ort mit seinen ca. 740 Einwohnern befindet sich ziemlich genau in der Mitte zwischen Sömmerda und Sondershausen. Er ist sowohl über die A38 als auch über die A71 gut erreichbar.

Der berühmte Fundplatz ist ca. 1,5 km von der Ortschaft entfernt gelegen. Hier befindet sich der Rand des Wippertals. Die Steinrinne Bilzingsleben ist ein ehemaliger Steinbruch, der ungefähr 35 Meter über der heutigen Flussaue liegt. Sowohl der Ort als auch die Fundstelle selbst liegen am Nordrand des Thüringer Beckens. Nur wenige Kilometer nördlich erheben sich die Hainleite, der Kyffhäuser und die Schmücke. Diese bestehen aus Buntsandstein und Muschelkalk. Bilzingsleben liegt an einer Störungszone. Solche Störungen und Verwerfungen lassen zahlreiche Quellen entstehen. Auch südlich von Bilzingsleben gibt es heute noch mit dem Gründelsloch eine solche Quelle.

Die kalkreichen Gesteine des Thüringer Beckens und seiner Randgebiete werden vom Sickerwasser ausgewaschen. Tritt dieses Wasser in Quellen wieder aus, ist darin viel Kalk gelöst. So entstand in Bilzingsleben eine Travertindecke, die letztlich eine Schutzschicht über die Fundstelle legte. Da Travertin eine gewisse Festigkeit besitzt, waren die darunterliegenden Schichten vor der Erosion geschützt. Dadurch konnten sie nicht so leicht abgetragen und damit zerstört werden. Dieser glückliche Umstand ermöglichte es, dass die Überreste der frühen Hominiden fast 400.000 Jahre erhalten bleiben konnten.

Travertin konservierte die wertvollen Fossilien von Bilzingsleben

Durch den Travertin ist auch die Flora und Fauna vor 400.000 Jahren rund um Bilzingsleben gut dokumentiert. So gab es Hasenlussbüsche, Eschen und Eichen später aber auch Hainbuhen, Erlen und Kiefern. Insgesamt konnten die Forschern 14 Baumarten und 20 Sträucher nachweisen. Darunter finden sich viele Exemplare, die wir auch heute noch kennen: z. B. Stieleiche, Bergahorn, Feldahorn, Sommerlinde, Kornelkirsche, Zittepappel, Moorbirke oder auch Sauerdorn. Weiterhin wurden Arten nachgewiesen die heute nicht mehr in der Region vorkommen.
In den Wiesen und Steppen konnten Beifußgewächse, Sauerampfer, Farne und Süßgräser nachgewiesen werden. Das Ufer der Bäche und Seen war mit Schilfrohr und Seggen bewachsen. Auf den stehenden Gewässern wuchsen Seerosen und Laichkraut. Dass es moorige Gebiete gegeben haben muss, lässt der Fund von Torfmoos vermuten.

Mit Hilfe von Mollusken und Muschelkrebsen konnten die Wissenschaftler in Bilzingsleben und Umgebung mehrere Seen und Kleinbiotope nachweisen. Es muss sowohl fließendes als auch stehendes Wasser gegeben haben, so dass sich sumpfige und trockene Waldgebiete abwechselten. Das Klima an sich war höchstwahrscheinlich milder als heute.

Interessant sind vor allem die nachgewiesenen Wirbeltiere. Hier dominieren ganz klar die Säugetiere vor den Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen.  Unter den Säugetieren finden sich beispielsweise Waldelefant, Waldnashorn, Steppennashorn, Auerochse, Steppenbison, Pferd, Rothirsch, Damhirsch, Riesenhirsch, Reh, Bär, Höhlenlöwe, Wildkatze, Rotfuchs, Wildschwein und Wolf. Einige der Arten leben noch heute in den Thüringer Wäldern. Andere sind vollständig ausgestorben. Interessant sind auch die Funde eines Exoten: Einst lebten in Thüringen auch Makaken.
Da bei den Säugetieren relativ viele Arten an Waldbewohnern auftauchen, ist davon auszugehen, dass es Wälder gab. Allerdings können die Wälder nicht riesig und durchgängig gewesen sein, da auch Bewohner der Steppen ihr Auskommen fanden. Möglicherweise hielten die Großsäuger die Landschaft durch ihr Abgrasen offen, ganz ähnlich wie es heute noch in den Savannen-Gebieten von Süd- und Ostafrika passiert.
Ein Teil der Fauna dürfte durchaus in das Beutespektrum des Homo erectus gepasst haben. Belege dafür finden sich an manchen Großsäugerknochen.

Rekonstruktion der Flora und Fauna vor 400.000 Jahren durch zahlreiche Funde möglich

Im Steinbruch Steinrinne von Bilzingsleben wurde bereits im Mittelalter der Travertin abgebaut. Die Quellen reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Bereits im frühen 18. Jahrhundert wurden erstmals fossile Kieferknochen und Zähne aus dem Steinbruch in einer Niederschrift von David Siegmund Büttner erwähnt. Diese Erwähnung wiederum weckte das Interesse von verschiedenen Wissenschaftlern und Laienforschern, die daraufhin den Steinbruch besuchten. Neben den fossilen Überresten von Tieren tauchten im Laufe der Zeit immer wieder menschliche Fossilien und Artefakte auf: Schädel, Backenzähne oder Feuersteingeräte. Viele der alten Funde sind aber verschollen gegangen.

Von 1971 an wurde sehr gezielt und geplant gegraben. Diese Forschungsgrabungen und die dadurch entdeckten Funde machten Bilzingsleben zu einer der wichtigsten Fundstellen in Europa für das Altpaläolithikum.  Insgesamt legten die Wissenschaftler bis 2002 die Überreste von 37 Menschen frei. Meist handelte es sich dabei um Schädelfragmente. Einige Forscher stellen daher die Frage nach dem restlichen Skelett. Hat sich dies nur schlechter erhalten und steckt ein höherer Sinn dahinter – z. B. dass die Schädel von den übrigen Knochen getrennt aufbewahrt wurden?
Außerdem wurden 140.000 Feuerstein-Geräte, Tausende andere Steinwerkzeuge, Knochen, Geweihe, Elfenbein und und und gefunden. So lässt sich die Kultur und die Umwelt unserer Vorfahren aber auch Homo erectus selbst ziemlich genau rekonstruieren.

Die Homo erectus Funde aus Bilzingsleben wurden einer eigenen Untergattung zugeordnet: Homo erectus bilzingslebensis

Die Fossilien wurden als eine neue Unterart definiert: den Homo erectus bilzingslebensis. Experten fanden Ähnlichkeiten zu einem Homo erectus Fossil aus der Olduvai-Schlucht in Tansania aber auch zum Peking- und Java-Menschen. Andere Forscher wiederum ordnen die Funde bereits dem Homo heidelbergensis zu, der sich aber aus dem Homo erectus entwickelte. Der Homo heidelbergensis gilt als Vorfahre des Neandertalers.

Eine weitere Besonderheit des Fundplatzes Steinrinne Bilzingsleben ist die Rekonstruktion von drei Wohnbauten. Es haben sich Hinweise auf Behausungen erhalten. Vermutlich waren diese Hütten mit Hilfe einer Stangenkonstruktion gebaut. Die Bedeckung bestand aus Tierfellen. Diese waren mit Knochen und Steinen fixiert. Genau jene Fixierungen haben sich in der Grabungsfläche als Kreise erhalten. Die Kreise selbst haben einen Durchmesser zwischen vier und fünf Metern. Vor den Hütten befanden sich Arbeitsplätze und Feuerstellen. Letztere belegen, dass diese Vorfahren bereits das Feuermachen und den Umgang mit dieser Naturgewalt beherrschten.

Außerdem fanden die Forscher mehrere Knochen, die Gravuren aufweisen. Sie werden als der erste graphischer Versuch der Darstellung eines menschlichen Gedankens gedeutet. Sie wären demnach ebenfalls ein Meilenstein in der Menschheitsgeschichte. Nachweislichen können die eingeritzten Linien nicht entstanden sein, indem die Knochen als Arbeitsunterlage dienten. So zeigt ein Knochen zwei Bündel aus 7 bzw. 14 parallel verlaufenden Linien. Eine solche Anordnung entsteht nicht zufällig. Dahinter verbirgt sich ein bewusster Gedanke.

Die Vorfahren gestalteten sich bereits ihre Umwelt: bauten Hütten, machten Feuer und versuchten bereits, erste Gedanken durch Knochengravuren festzuhalten

Das Homo erectus ein cleveres Kerlchen gewesen sein muss, belegt auch ein kreisrunder Platz von 9 Metern Durchmesser, der gepflastert ist. Dazu wurden Knochen und Steine in den Löss eingedrückt. Das so entstandene Pflaster macht einen aufgeräumten Eindruck. Wozu der Platz jedoch diente, ist noch immer strittig. Im Nordwesten befand sich eine Feuerstelle, der Schädel eines Auerochsens sowie ein Travertinblock, der als Amboss diente. Splitter in den Fugen belegen, dass hierauf Knochen zertrümmert wurden. Da in der Nähe auch menschliche Schädelreste gefunden wurden, kann ein Zusammenhang im Moment nicht ausgeschlossen werden, da die Untersuchungen noch laufen.

Fest steht jedenfalls, dass der Homo erectus von Bilzingsleben durchaus in der Lage war, sich Rohstoffe zu sichern und somit sein Überleben zu gewährleisten. Davon zeugen die vielen Feuersteinartefakten, die für ganz unterschiedliche Verwendungszwecke gefertigt wurden: relativ kleinteilige Schaber, Kratzer, Sägen oder Bohrer finden sich darunter - aber auch größere Werkzeuge. Mit ihnen konnte zerhackt, gespalten oder zertrümmert werden. Neben Holz, Geweihen und Knochen verarbeiteten die Urmenschen auch Häute, Pflanzenfasern und Tiersehen, um daraus Waffen wie Speere oder Werkzeuge wie Äxte herzustellen.
Ihr Überleben sicherten sich die Menschen als Jäger und Sammler. Der Speiseplan bestand aus Pflanzen und Tieren. Die Schöninger Speere belegen bereits eine aktive Bejagung. Großwild wie Elefant, Nashorn, Wildpferd aber auch Kleintiere wie Fische und Vögel wurde gejagt.
Die Großwildjagd bedarf vieler Vorbereitungen. Man muss das Wild und die Lage vor Ort kennen. Außerdem muss man die Natur und die Jahreszeiten beobachten und einbeziehen. Dies bedeutet, die Urmenschen mussten bereits ein ausgeprägtes Erinnerungs- und Kombinationsvermögen besessen haben. Da die Tierherden umherzogen, musste auch Homo erectus mobil sein. Vermutlich gab es ein Basislager. Von hier aus verteilten sich die Urmenschen in kleineren Gruppen und gingen in einem Umkreis von einem Tagesmarsch auf die Jagd.

Die erfolgreiche Jagd auf Großsäuger spricht für ein ausgeprägtes Erinnerungs-, Kommunikations und Kombinationsvermögen

Für eine solche Teamleistung ist Kommunikation unerlässlich. Höchstwahrscheinlich hatte sich bereits eine Art von rudimentärer Sprache entwickelt. Die gravierten Knochenartefakte sowie der gepflasterte Platz legen weitere, höhere geistige Fähigkeiten nahe. Sollten die menschlichen Schädel bewusst nach dem Tod zertrümmert worden sein, so würde das für einen Schädelkult sprechen. Dies würde aber auch bedeuten, dass sich die Bilzingslebener Vorfahren bereits mit dem Tod auseinander setzten. Ganz bestimmt hat sich Homo erectus bereits über seine Umwelt nachgedacht und sich Gedanken über Wind und Wetter, den Wechsel der Jahreszeiten, Regen, Sonne, Mond und Sterne gemacht. Beeindruckende Naturschauspiele wie Gewitter, Stürme oder das Nordlicht müssen für die frühen Menschen mythische Ereignisse gewesen sein.

Das Zeugnis für die Homo erectus bilzingslebensis fällt äußerst positiv aus. Vor 400.000 Jahren besaßen die Menschen genug Geist und Kultur, um ihre Umwelt bewusst zu gestalten: Sie bauten sich Wohnhütten, nutzten das Feuer, waren aktive Jäger, besaßen Distanzwaffen, konnten abstrakt Denken und verständigten sich mittels Sprache und Zeichen.


Die Die Ausgrabungsstätte und Fossiliefundstätte Steinrinne Bilzingsleben gehört in die Kategorie: Siedlungsplatz.

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Quellen:

Aktualisiert ( Samstag, 30. Juni 2012 um 13:32 Uhr )
 

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